Steffen packte das Lenkrad seines Kleinbusses herzhaft mit beiden Händen und starrte in das Scheinwerferlicht der entgegenkommenden Wagen ... stierte angestrengt in den Wirbel der Schneeflocken ... in all die Bewegungen eines winterlichen Zaubers hinein ... hier auf der Ausweichstraße zwischen den totgeschwiegenen Ortschaften. Er hatte ordentlich einen sitzen und die Fusel-Fahne belegte den gesamten vorderen Teil des Personenbeförderungswagen. Die kurvenreiche Straße kannte Steffen aus dem FF und wie von selbst schwang sich sein müde gewordener Körper in die Biegungen ... wiegte sich im Gleichtakt der Fliehkräfte und sorgte damit für den einen oder anderen ungeplanten Sekundenschlaf. Der Bus schien den Weg zu kennen und die kraftvollen Finger unterstützten ihn bei der Navigation. Steffen hatte alles im Griff, die Fahrgäste waren sicher und ein bleich gewordener Mondschein schaffte es hin und wieder durch die Dichte Decke der Wolken.
Dienstag, 13. Januar 2026
TRIO.
Szenenwechsel. In Jürgens linkem Hodensack war heute ein ganz leichtes, eher vorübergehendes Piksen zu spüren. Ein sehr feiner für den Bruchteil einer Hundertstelsekunde vernehmbarer Stich. Nicht mehr und nicht weniger. Jürgen machte immer viel mit seinem kleinen Freund da unten ... es ging oft hoch her und jeder Handgriff saß. Man kannte und schätzte sich. Aber gerade jetzt verunsicherte ihn das eigenartige wie unangenehme Gefühl ... irgendetwas stimmte nicht. Er bekam etwas Angst und langte instinktiv wie routiniert nach unten ... wog den müden Sack sorgsam in seiner Rechten und verpasste ihm eine kleine liebevolle Streicheleinheit. Bitte bitte kein Krebs - so dachte er ganz menschlich und etwas panisch ... bloß nichts Schlimmes, nur keine dreinschlagende Horror-Diagnose. Jürgen hasste mehrstöckige Bettenhäuser. Er mochte auch keine niederschmetternden Visiten von kerngesunden Chefärzten. Ruhig Luft holen! Eine Nacht drüber schlafen und das Schicksal machen lassen ... in der Hoffnung auf einen reinen Zufall, eine organische Ungereimtheit oder sowas in der Art. Mit dieser Taktik hat die Nacht bisher alles heilen können. Jürgen war ein gutgläubiger Mensch. Das war nicht verkehrt.
Szenenwechsel 2. Christina lag noch sehr sehr lange wach. Die tote Tante war nicht ganz von allein die uralte Wendeltreppe hinabgestürzt. Mit ihren letztlich gemessenen 130 kg verteilt auf einem Meter fünfzig benötigten die Fliehkräfte nur eine ganz sanfte fast zärtliche Nachhilfe. Christina errechnete mathematisch ihren Eigenanteil an dem polterndem Fall über vierzehn Stufen. Die tote Tante war am Vormittag noch einkaufen. In ihrem Wagen lagen Stiegen mit Sahnepudding, 2 kg eingeschweißte Asia-Pfannen-Nudeln, Schmelzkäse, vier Stück Butter, Croissants zum Aufbacken, Scheibenwurst, vier große Dosen Königsberger Klopse, zwei Familienpackungen Dreierlei-Eis, zwei mal zehn Stück Milchschnitten, drei Tüten gesalzene Erdnüsse, 2 Flaschen Eierlikör sowie zwei mal zwei Packungen Tiefkühlpizza vom Typ „Hawaii“. Das Leben wird einen Anfang haben und sich eines lieben Tages zu einem plötzlichen Ende entschließen. Die tote Tante spürte auf dem obersten Absatz der Treppe noch die zwei Finger auf ihrem Schulterblatt ... auch während des Abgangs grübelte sie innerhalb einer Sekunde noch über den Zweck dieser leichten Berührung. Dann krachte sie einmal auf die Stirn, überschlug sich und zertrümmerte mit ihrem Hinterkopf die alte Fußbodenfliese am Eingangsbereich.
Steffen tastete Jürgens Hoden ab, spielte mit den kleinen Bällchen, verglich mit seinem Hoden und konnte keine gravierenden Unterschiede ausmachen. Es war eine hochnotpeinliche Situation - aber Jürgen ging auf Nummer Sicher und bat seinen alten Freund um diesen außergewöhnlichen Dienst. Steffen wusch sich noch gründlich die Hände, als er die Vibration seines Feuerwehr-Piepers spürte. Einsatz. Nach zwei Herren-Gedecken, vier spendierten Schnäpsen von Jürgen und den Bieren nach der Bus-Schicht gar nicht so leicht sich zu motivieren. Aber einer musste ja den Feuerwehr-Einsatzwagen lenken und nur er hatte dafür den entsprechenden Lappen. Eine Stunde später rammelte er Christina im Haus der Toten Tante. Sie kannten sich aus alten Schultagen und es überkam sie aus alter Verbundenheit. Dreißig Jahre nach der 10. Klasse kam es zum Äußersten und die Geilheit aus alten Tagen überkam sie wie ein Lauffeuer. Sie machten fast die ganze Nacht durch und Christina dachte dabei die ganze Zeit an Süßigkeiten. Streng genommen wollte sie der Tante ja doch helfen ... sie festhalten ... aber daraus wurde ein kleiner Schubser. Steffen hauchte ihr lallend mit einer mörderischen Fahne „ich liebe dich“ ins Ohr. Das würde er morgen in der nüchternen Frühe wieder vergessen haben.
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