Donnerstag, 24. September 2026

AUF DER LAUER.



Letzter Tag im Sommer! Eine oberschlaue wie geltungsbedürftige Grille macht nochmal anklagend Radau, geigt sich wie geil geworden ein und bringt am Ende doch nur einen einzigen Ton ... wie rückwärts fahrende Gabelstapler. Jensen ext den 0,25 Liter Riesling wie einen Fingerhut voll Medizin - etwas anderes war nicht mehr im Haus und Jensen braucht das jetzt. Er ist auf der Jagd nach einem Waschbären und seine klapprigen Flossen können sonst den Knicker nicht mehr ruhig auf das lebende Vieh halten. Eigentlich bräuchte es noch zwei bis drei Doppelkorn ... witziger Zusammenhang denkt Jensen ... wegen Kimme und Korn ... er muss wiehernd lachen. Seine Lippen bewegen eine muntere Lucky Strike - und weil er seit seinem 12. Lebensjahr schon so quartzt, sammelt sich im Rachen die dunkelgelbe Aule. Jensen will das räuberische Tier heute unbedingt tot sehen. Leblos soll es der Länge nach auf dem gepflegten Rasen liegen: er würde triumphierend darauf pissen! Der Waschbär klaut schließlich seinen geliebten Vögeln die Eier aus dem Nest - das nimmt er ihm krumm. So geht das nicht! Rotkehlchen, Meisen, Zaunkönige, Amseln ... die hat das amerikanische Pokerface allesamt auf dem Gewissen! Jensen vergöttert die kleinen Vielflieger und vermisst Jahr für Jahr immer mehr von ihrem Singsang. Jetzt langt es - die Munition kugelt sich drollig im Gewehr und möchte gern ins warme Fleisch dieses verdammten Räubers. Jensen ist nervös. Heute muss es sein ... und wenn er die ganze Nacht auf der Lauer liegt. Es ist sein ganz persönliches Ausschlussverfahren und die gefühlte Kopfgeld-Prämie liegt in seinem Kopf wie ein schwerer Sack voll Gold.

Erster Tag im Herbst. Die Grillen scheren sich nicht ums Kalendarium und musizieren noch am frühen Morgen. Jensen liegt auf dem Rücken und scheint tot zu sein!

Dienstag, 22. September 2026

DUNKELHELL.



Lautlos tritt der schwere Schatten aus dem Hintergrund in das Unberührte ... frech, dreist und alles mit Dunkelheit belegend. So könnte man das Schicksal beschreiben - Peter schien sich zumindest daraus einen Reim machen zu können. Der September fühlte sich schmerzhaft lang an, so als habe er fünfzig Tage. Das Girokonto war wie von einer Formation Schneeschieber geräumt worden und die blauen Säcke mit den hunderten Pfandflaschen erschienen wie ein Tag Arbeit unter Mindestlohn. Draußen plärrten Kinder ihr „Digga“ an hallenden Häuserfronten entlang - Peter begann sich zu hassen. Hinter dem Kühlschrank roch es faulig süß - von einer seit Tagen gammelnden Maus. Die hing kopfüber in einer Falle und war unter den letzten Zuckungen ins Unerreichbare ausgewichen. Der Kammerjäger wies auf eine Zwischendecke hin und empfahl geduldiges Ausharren. Fast reißend, zerrte Peter die ausgeblichenen Vorhänge zu und ließ sich im Halbdunkel seiner notdürftig aufgeräumten Kammer nieder. Über ihm gondelte die 25 Watt Glühbirne - an der hatte er sich Sekunden vorher ganz leicht gestoßen. Peter brummte nur das Wort „schwul“. Das machte er bei Missgeschicken immer so ... wie ein irrsinniger Tick ... warum auch immer.

Tja. Trat nun also der Schatten lautlos in den Vordergrund seines etwas improvisierten Lebens. Er konnte seit mehreren Tagen nicht mehr sein Geschäft verrichten - wie vernagelt oder zugenäht war das Organ und Peter hatte die Diagnose frisch, frei und unverblümt in einem ausgezeichnet ausgeleuchteten Arztzimmer präsentiert bekommen. Seine Innereien waren wie mit Zement ausgegossen und die gute alte Bauchdecke fühlte sich wie ein Schiefergebirge an. Er hockte wie ein Kleinkind auf dem Klosett und wimmerte leise in sich hinein ...
Der Tag übergoss die Momente mit grellstem Licht ... flutete jeden klammen Winkel und versuchte, so gut er konnte, allem einen Anschein zu geben. Peter legte sich eine Videokassette in den abgenutzten Recorder und beobachtete einen alten Italo-Western beim Versuch unterhaltend zu sein. Er spürte aber in jeder sich bietenden Handlung nur noch schale Wehmut. Könnte nicht der Revolverheld einfach seinen Silberling aus dem Bildschirm heraus auf ihn richten und den Abzug krümmen? Das wäre ein verdammt cooler Abgang! Mit dieser fast schon tröstlichen Vision schlummerte unser Freund friedlich ein und sprang dabei über alle seine Schatten.

Donnerstag, 17. September 2026

WESTBERLIN



Warum Westberlin?

Es ist pure Melancholie und Dankbarkeit, dort seit 1989 endlich frei herumlaufen zu dürfen. Dieses blanchierte Gefühl ist nie aus mir gewichen. Es ist die größte Liebe noch dazu auch auf den allerersten Blick - mit all ihren knalligen Farben, unterschiedlichsten Gerüchen, massiven Geräuschen und bunten Geschmäckern. Mit allen süßen und bitteren Noten des Lebens. West-Berlin war für einen 17-jährigen wie eine Falle im positiven Sinne. Mich zog es gleichermaßen nach Charlottenburg, Kreuzberg, Neukölln, Wannsee oder Wedding ... es gab so viel aus einer anderen Welt zu entdecken! Jede Haltestelle ein Eingang zum großen Zirkus ... immer in ein anderes Universum hinein. In mir waren bis dahin nur Texte, Postkartenbilder und Erzählungen ... der Kinofilm zum Musical „Linie 1“, die Berichte von David Bowie, die Songs „Berlin“ von IDEAL oder „Kebapträume“ von DAF, alte Bücher über das KADEWE, freies Denken in Bezug auf Kunst und Kultur, RIAS Berlin ... Süßigkeiten, Kassetten und Levi’s Jeans! Zur ewigen Träumerei verdammt! 

Das große wie friedliche Wunder von 1989 entließ mich plötzlich und unerwartet in dieses Gewühl aus explosiven Gefühlen ... der Gestank am Bahnhof Zoo, die Kneipen "Holst am Zoo", das Schielen auf Beate Uhse und Knabbern an ummantelter Lakritze. Mit der Linie 1 fuhr ich auf und ab ... genoss die ausufernde Vielfalt, den ersten türkischen Mokka und das Billy Idol - Tape. Meine Nase tastet sich noch heute durch den ganz speziellen Duft aus Untergrundbahnen, Drehspießen und Seife. Die ersten coolen Freunde (damals noch Punks), die ersten Konzerte im SO36, der SNICKERS-Riegel alle paar Stunden ... West-Berlin hielt mich im Klammergriff!

Jahrzehnte später widme ich eine kleine Fotoserie den Orten meiner fast noch kindlich/jugendlich verklärten Ewig-Liebe ... und verstehen Sie mich bitte nicht falsch: nur ein geeintes Berlin ermöglichte mir erst diesen Zugang! Aber das Gefühl zu West-Berlin wird immer speziell bleiben ... schön wenn ich die AVUS-Tribüne nur erblicke, das ICC, den Funkturm und die Gedächtniskirche. Sie erschienen mir einst wie eine Fata-Morgana ... und so ist diese kleine Serie vielleicht auch ein kleiner Appell an alle Gestrigen: Es ist ein Segen das diese Stadt so grenzenlos vor sich hin wummert ... und es gibt neben viel Elend, Kummer und Gestank nach wie vor extrem belebende Inspirationen und hoffnungsgebende Menschen!