Donnerstag, 17. September 2026

WESTBERLIN



Warum Westberlin?

Es ist pure Melancholie und Dankbarkeit, dort seit 1989 endlich frei herumlaufen zu dürfen. Dieses blanchierte Gefühl ist nie aus mir gewichen. Es ist die größte Liebe noch dazu auch auf den allerersten Blick - mit all ihren knalligen Farben, unterschiedlichsten Gerüchen, massiven Geräuschen und bunten Geschmäckern. Mit allen süßen und bitteren Noten des Lebens. West-Berlin war für einen 17-jährigen wie eine Falle im positiven Sinne. Mich zog es gleichermaßen nach Charlottenburg, Kreuzberg, Neukölln, Wannsee oder Wedding ... es gab so viel aus einer anderen Welt zu entdecken! Jede Haltestelle ein Eingang zum großen Zirkus ... immer in ein anderes Universum hinein. In mir waren bis dahin nur Texte, Postkartenbilder und Erzählungen ... der Kinofilm zum Musical „Linie 1“, die Berichte von David Bowie, die Songs „Berlin“ von IDEAL oder „Kebapträume“ von DAF, alte Bücher über das KADEWE, freies Denken in Bezug auf Kunst und Kultur, RIAS Berlin ... Süßigkeiten, Kassetten und Levi’s Jeans! Zur ewigen Träumerei verdammt! 

Das große wie friedliche Wunder von 1989 entließ mich plötzlich und unerwartet in dieses Gewühl aus explosiven Gefühlen ... der Gestank am Bahnhof Zoo, die Kneipen "Holst am Zoo", das Schielen auf Beate Uhse und Knabbern an ummantelter Lakritze. Mit der Linie 1 fuhr ich auf und ab ... genoss die ausufernde Vielfalt, den ersten türkischen Mokka und das Billy Idol - Tape. Meine Nase tastet sich noch heute durch den ganz speziellen Duft aus Untergrundbahnen, Drehspießen und Seife. Die ersten coolen Freunde (damals noch Punks), die ersten Konzerte im SO36, der SNICKERS-Riegel alle paar Stunden ... West-Berlin hielt mich im Klammergriff!

Jahrzehnte später widme ich eine kleine Fotoserie den Orten meiner fast noch kindlich/jugendlich verklärten Ewig-Liebe ... und verstehen Sie mich bitte nicht falsch: nur ein geeintes Berlin ermöglichte mir erst diesen Zugang! Aber das Gefühl zu West-Berlin wird immer speziell bleiben ... schön wenn ich die AVUS-Tribüne nur erblicke, das ICC, den Funkturm und die Gedächtniskirche. Sie erschienen mir einst wie eine Fata-Morgana ... und so ist diese kleine Serie vielleicht auch ein kleiner Appell an alle Gestrigen: Es ist ein Segen das diese Stadt so grenzenlos vor sich hin wummert ... und es gibt neben viel Elend, Kummer und Gestank nach wie vor extrem belebende Inspirationen und hoffnungsgebende Menschen!

Mittwoch, 9. September 2026

SPIEGELBILD.



Mensch sein, menschlich sein ... etwas von sich abgeben oder sogar zugeben. Die eigene Schuld, das eigene Versäumnis ... die Relationen nicht aus den Augen verlieren, das innere Kind immer mal wieder zu Wort kommen lassen. Freundlich grüßen, lächeln und eine einladende Grundhaltung einnehmen. Morgens in den Spiegel sehen und die Gesichtszüge trainieren, Lockerheit fördern, mit den Augen blinzeln ... die Zunge so weit wie möglich heraus strecken. Bis zum ersten Schmerz.

Den großen Bottich mit dem milden Kaffee stelle ich behutsam ab. Durch die staubige Fensterscheibe hindurch fällt mein aufmerksamer Blick auf das bemooste Dach gegenüber. Ein kräftiger Eichelhäher macht sich pickend daran zu schaffen. Im Frieden, in der morgendlichen Ruhe und mit einem gedeckten Konto scheint mir das Leben eine einzige Streicheleinheit. Warum nur ist das nicht jedem Menschen vergönnt? Gedanken blättern hin und her ... Fragezeichen krümmen ihren rundlichen Buckel bis zur Unkenntlichkeit.

Ein übrig gebliebener Lavendel-Halm streckt sich zur Sonne hin, das tiefgrüne Schnittlauch im Kräutergarten duftet mächtig vor sich hin, kräftig gewachsener Rosmarin steht andächtig still wie ein feiner Nadelwald in der Flaute. Der kleine Frieden mischt sich unter die emsigen Ameisen, leuchtende Feuerkäfer und schleimigen Nacktschnecken. Auf einem alten Felsstein trocknet die Marder-Kacke aus der unterkühlten Nacht. Alles ergibt sich aus sich selbst heraus. Bis das Glas gefüllt ist.