Mittwoch, 9. September 2026

SPIEGELBILD.



Mensch sein, menschlich sein ... etwas von sich abgeben oder sogar zugeben. Die eigene Schuld, das eigene Versäumnis ... die Relationen nicht aus den Augen verlieren, das innere Kind immer mal wieder zu Wort kommen lassen. Freundlich grüßen, lächeln und eine einladende Grundhaltung einnehmen. Morgens in den Spiegel sehen und die Gesichtszüge trainieren, Lockerheit fördern, mit den Augen blinzeln ... die Zunge so weit wie möglich heraus strecken. Bis zum ersten Schmerz.

Den großen Bottich mit dem milden Kaffee stelle ich behutsam ab. Durch die staubige Fensterscheibe hindurch fällt mein aufmerksamer Blick auf das bemooste Dach gegenüber. Ein kräftiger Eichelhäher macht sich pickend daran zu schaffen. Im Frieden, in der morgendlichen Ruhe und mit einem gedeckten Konto scheint mir das Leben eine einzige Streicheleinheit. Warum nur ist das nicht jedem Menschen vergönnt? Gedanken blättern hin und her ... Fragezeichen krümmen ihren rundlichen Buckel bis zur Unkenntlichkeit.

Ein übrig gebliebener Lavendel-Halm streckt sich zur Sonne hin, das tiefgrüne Schnittlauch im Kräutergarten duftet mächtig vor sich hin, kräftig gewachsener Rosmarin steht andächtig still wie ein feiner Nadelwald in der Flaute. Der kleine Frieden mischt sich unter die emsigen Ameisen, leuchtende Feuerkäfer und schleimigen Nacktschnecken. Auf einem alten Felsstein trocknet die Marder-Kacke aus der unterkühlten Nacht. Alles ergibt sich aus sich selbst heraus. Bis das Glas gefüllt ist.

Samstag, 5. September 2026

EINS BIS SECHS.



Mit einem mächtig angekohltem Holzlöffel rührte ein einsamer Mensch im Bohnenbrei über der offenen Feuerstelle. Sein kaffeebraunes Pferd wieherte unablässig und witterte wohl eine aufkommende Gefahr in unmittelbarer Nähe. Den einsamen Mensch kümmerte das wenig - stoisch bewegte er den langen Stiel kreisend im Durcheinander der Zutaten.

Okay. Stopp! Es gab kein ängstliches Pferd, keinen Holzlöffel, keine abenteuerliche Feuerstelle und schon gar nicht den dampfenden Brei aus Bohnen und Speck. Peter saß nur verträumt an seinem wackligen Campingtisch im Wohnbereich und hielt einen Spielwürfel in seiner Rechten. Die Vorstellungskraft war seine größte Stärke. Kurz darauf ließ er wieder und wieder den kleinen Quader los rollen.

Eins, eins, sechs, fünf, zwei, eins, fünf, vier, vier, zwei, eins, drei, vier, drei ... und so weiter und so fort. Ein mächtiges Gewürfel! Dazu führte Peter eine akribisch vorbereitete Strichliste ... durchnummeriert von 1 bis 6. Jede angezeigte Zahl bekam einen Strich dahinter - seit Stunden. Ein wildes Rennen mit dem Schicksal. Einem geeichten Zufall folgend. Daraus ergab sich ein ständig verändertes Zwischenergebnis.

Mal lag die Eins vorn ... dann zog die Sechs auf und davon und Peter glaubte schon an eine Unwucht des Würfels ... bis die Vier wieder heran kam und von der Drei unterstützt wurde. Es war atemberaubend, mit Spannung besetzt und wenn Peter sich nicht gerade in eine Wildwest-Träumerei entließ, dann fieberte er auf eine kindliche Art und Weise einem nie zu erreichendem Endergebnis entgegen.

(Und wenn er nicht gestorben ist, dann würfelt er noch heute.)