Donnerstag, 5. März 2026

PETERS MONOLOG.



„Mit zwei gut geschliffenen Gabeln könnte ich mir die Augäpfel zerkratzen ... so juckt es mich ... die Haselnussblüte ... verdammt sei Jesus Christus und Maria Stuart mitsamt Josef und seinen Kumpanen!“ Peter träufelte sich schwer atmend die Azelastinhydrochlorid-Lösung in seine ausufernden Tränensäcke und schmierte danach den klaren Nasenschleim mit seinem behaarten Handrücken einmal quer über die linke Gesichtshälfte.
„Können wir noch einmal über alles reden?“ fragte er mit Nachdruck und in einer krächzenden Tonlage, fingerte dabei an einer Selbstgedrehten herum. „Die ganze Situation um Birgit, Tina und Steffi ist ein einziges großes Missverständnis und das kann ich wie eins plus zwei ist gleich drei erklären ... die Liebe hält sich doch nicht an Drehbücher oder ein moralisches Gebot. Die Liebe ist wie ein tollwütiger Hengst der in unendlicher Freiheit nach der Linderung für seine Schmerzen sucht!“ Peters Augen waren von hellrosa bis blutrot unterlaufen und vereinzelt rann das Tränenwasser an den Seiten herunter. Das der Frühling kommen würde war ja schließlich klar - und er kam mit Pollen und Raketen. Wie bei einem Staffellauf würden sich die Jahreszeiten und Kriege aneinander ketten ... wie normal das geworden ist seit hunderten von Jahren.

Peters Monolog: „Vor meinen Augen ist nur verschwommenes Schilf ... das bewegt sich zu allem Unglück hin und her ... bereitet mir Schwindel und Kopfschmerz ... und mein Herz das bummert und wummert ganz laut ... möchte sich einen Ausgang suchen ... meine Brust hebt sich massiv ... als würde augenblicklich alles zerspringen. Überall Schilf! Soweit das Auge reicht! Undurchdringlichkeit, messerscharfe Halme, ohrenbetäubendes Rascheln der steifen Blätter ... und alles mit Unschärfe belegt ... wie sich alles zur einen Seite neigt und kurz darauf zur anderen. Verheddert, verlaufen und verloren inmitten der robusten Pflanzen ... ein Herz am falschen Fleck und in aller größter Not!“

Mitten im März liegt wenig Raum für eine gute Idee. Während dem armen Peter der Schädel zu zerplatzen scheint, bauen die ersten Ameisen fast gleichgültig an ihren neuen Domizilen. Überhaupt scheint das Mütterchen Natur zu alledem nur feixend die Schultern zucken. Blasse Farben im grellen blauem Licht, kalter Wind im Wetteifer mit den ersten wärmenden Strahlen der Sonne. Ein langer Anlauf scheint vonnöten um all der Ungemütlichkeit zu entfliehen. Die wippenden Blüten der Haselnuss hängen wie unschuldig herum ... Peter hasst sie jedes Jahr aufs Neue und träumt von einem Gemetzel mit Säge und Beil ... alles muss entfernt und entsorgt werden. Er wisse ja auch nicht weiter und niemand hat die Haselnussbäume um diese Störungen gebeten.

„Komm, wir gehen zum Strand“ sag ich, doch Peter schüttelt nur müde den Kopf. Das sei doch nur ein Sehnsuchtsort, eine Illusion, der Trost für irgendeinen unerfüllten Wunsch. Am Strand käme nur Melancholie auf und die Menschen würden nach einem kurzen Gefühl des vollkommenen Glücks nur umso trauriger wieder abreisen. „Darauf lasse ich mich gar nicht erst ein - ich sage nur Birgit, Tina und Steffi! Immer das gleiche Prinzip. Da bin ich raus.“ Der Monat März bespringt die Menschheit ganz klar von hinten und drängt sich mehr als frech mit einer Vision auf. Mancher zieht daraus Kraft ... ein kurzer Schreck und alle Blicke sind der Zukunft zugewandt. Es entstehen zaghafte Frühlingsgefühle - andere entdecken darin Penetranz und eine unverhohlene Form von Qual. Als Zwischenstück benötigt es den März wie den November. Und es braucht die Liebe, die Klarheit und Deutlichkeit irgendeiner Hoffnung. Peter kann es nur leider gerade nicht erkennen. Wegen dem ganzen Schilf.

Samstag, 28. Februar 2026

MUSIKALISCHER FUND.



Seltsame Funde - nicht weniger faszinierend und überraschend für den Beobachter. Zu den rhythmischen Sounds der Achtziger haucht ein geschmeidiger Mann in unvorteilhafter Optik geradezu liebevoll seine Texte ins Mikrofon. Ein Freak? Donny Benét ist irgendwie niedlich schon beim zweiten Hören und Sehen! Zunächst begleitet er den Genießer nostalgischer Musik auf eine schillernde Reise im Rückwärtsgang ... sanft, tanzbar, gleitend, weich gezeichnet und vollgepackt mit Erinnerungen. Nicht wirklich neu erfunden und dennoch lange genug her, um es romantisch verklären zu dürfen. Schließlich er selbst - ein optischer Mix aus dem netten Zuhälter von nebenan, Liebling aller Schwiegermütter und erfolgloser Vertreter von Rasur-Schäumen. Drollig, putzig, lustig und anziehend kultig. Mit dem möchte ich wirklich mal gern um die Häuser ziehen!

Mit etwas Recherche und leicht gesteigertem Aufwand habe ich mir eines seiner schwer erreichbaren Alben gegönnt. Beim Hören knabbere ich an bunten Speckseilen, wippe vorsichtig mit dem Kopf und tappe den rechten Fuß auf dem verstaubten Teppichboden. Der Mann aus Australien traut sich was! Die Videoproduktionen sind geradezu berstend vor Ironie - und trotzdem nimmt man ihm die Leidenschaft für seine Melodien ab. Gut macht er das! Vorbildliche Reproduktion einer musikalischen Epoche - das wird die Note 1 und außerdem ist er eine Runde weiter. Ob es für das ganze große Finale langt? Wohl nicht. Der Zeitgeist frisst die besten Ideen wie versalzene Cracker. Aber mein Freund und Bruder - das ist Donny Benét geworden - in meine zwei Herzen hat er sich gespielt!

//Wer neugierig genug ist//Youtube//Donny Benét//Name eingeben//Freuen!


Mittwoch, 25. Februar 2026

ICH MUSS.



Ich muss den Kaffee trinken. Ich muss am Fleische beißen. Ich muss die Fette lieben. Ich muss den Träumen nachhängen. Ich muss das Auto volltanken. Ich muss den Weltirrsinn beklagen. Ich muss das Gute denken. Ich muss jetzt einfach lügen. Ich muss mich davor fürchten. Ich muss mich heimlich verdrücken. Ich muss mich hinten anstellen. Ich muss die Feste feiern. Ich muss dem Suffe frönen. Ich muss den Dienst antreten. Ich muss jetzt etwas kaufen. Ich muss die Liebe erzwingen. Ich muss den Krieg ablehnen. Ich muss in den Spiegel sehen. Ich muss an den Tod denken. Ich muss die Jahre zählen. Ich muss die Blumen gießen. Ich muss mich bedauern. Ich muss die Nachbarn grüßen. Ich muss Vorsorge treffen. Ich muss um Erbarmen bitten. Ich muss meine Schuld begleichen. Ich muss so tun als ob. Ich muss mich andauernd entscheiden. Ich muss das Gute im Schlechten sehen. Ich muss die Eltern ehren. Ich muss Warten können. Ich muss jetzt einschlafen. Ich muss jetzt nicht weinen. Ich muss erst einmal abreagieren. Ich muss die Gräber schmücken. Ich muss auch mal was spenden. Ich muss in den Urlaub fahren. Ich muss mich um die Kinder kümmern. Ich muss die Brille putzen. Ich muss Schokolade fressen. Ich muss mich vernetzen. Ich muss die Steuer machen. Ich muss gegen den Staat sein. Ich muss alles beklagen. Ich muss mich aus der Schusslinie nehmen. Ich muss die bittere Pille schlucken. Ich muss das auf der Stelle besitzen. Ich muss alles andere ausblenden. Ich muss an Übermorgen denken. Ich muss mich untersuchen lassen. Ich muss mit der Familie dicke tun. Ich muss jedem Arsch verzeihen können. Ich muss mich kalt duschen. Ich muss den Schmerz ertragen. Ich muss das Unkraut vernichten. Ich muss den Brief abschicken. Ich muss mir einen Anwalt nehmen. Ich muss die Finger von den Drogen lassen. Ich muss auf mich aufpassen. Ich muss das Buch lesen. Ich muss mich nicht verstehen. Ich muss den Frauen hinterher sehen. Ich muss an meiner Grenze scheitern. Ich muss mich verabschieden. Ich muss immer an dich denken. Ich muss mir mal was gönnen. Ich muss brav sein. Ich muss lieben dürfen. Ich muss die Gnade annehmen. Ich muss mir das Ticket kaufen. Ich muss als Zeuge aussagen. Ich muss die Rechnung bezahlen. Ich muss nackte Frauen anstarren. Ich muss die bösen Träume ertragen. Ich muss mich zusammenreißen. Ich muss hinter die Kulissen sehen. Ich muss alles alleine machen. Ich muss an meine Kindheit denken. Ich muss ans Meer. Ich muss kürzer treten. Ich muss mich trennen. Ich muss meinen Blutdruck messen. Ich muss mich mehr bewegen. Ich muss die Kohlen aus dem Feuer holen. Ich muss den Buckel krumm machen. Ich muss vorsichtig sein. Ich muss wegsehen. Ich muss mir den Stiefel anziehen. Ich muss dieses Opfer bringen. Ich muss mich ausruhen. Ich muss mich verziehen. Ich muss die Handbremse lösen. Ich muss mich waschen. Ich muss ins Pflegeheim. Ich muss mir die Seele aus dem Hals schreien. Ich muss wieder gesund werden. Ich muss auf den Teppich kotzen. Ich muss die Fenster öffnen. Ich muss meine Versprechen halten. Ich muss vor dem Aufstehen erst einmal fallen. Ich muss das zur Anzeige bringen. Ich muss dir tief in die Augen schauen. Ich muss den Dummen spielen. Ich muss mir die Wunden lecken. Ich muss die nächste Tätowierung planen. Ich muss Kollekte dabei haben. Ich muss Zwiebeln schneiden. Ich muss die Hand ausholen. Ich muss mich bemitleiden. Ich muss immer wieder an Mama denken. Ich muss den Dorn aus meiner Hand ziehen. Ich muss mich warm anziehen. Ich muss das Radio aus machen. Ich muss wegsehen. Ich muss im Wartezimmer gähnen. Ich muss harte Musik hören. Ich muss schadenfroh sein. Ich muss nach vorne schauen. Ich muss jetzt winken. Ich muss das haben. Ich muss mich zusammenreißen. Ich muss mein Versprechen halten. Ich muss dir Treue schwören. Ich muss jetzt lachen. Ich muss es zur Kenntnis nehmen. Ich muss das akzeptieren. Ich muss in einen anderen Arsch kriechen. Ich muss furzen. Ich muss das Plakat zerreißen. Ich muss den alten Zeiten nachjammern. Ich muss etwas klären. Ich muss das übersetzen lassen. Ich muss in den Ausschnitte gaffen. Ich muss den Gedanken loswerden. Ich muss den Vorsatz loben. Ich muss Angst vor der Zukunft haben. Ich muss den Pfennig ehren. Ich muss mir nicht vormachen. Ich muss den Stiefvater hassen. Ich muss Strom sparen. Ich muss meine Brusthaare streicheln. Ich muss winseln. Ich muss runde Geburtstage meiden. Ich muss die Fußnägel einweichen. Ich muss nach Venedig. Ich muss prahlen. Ich muss andere Meinungen zulassen. Ich muss lange warten. Ich muss mich oft wiederholen. Ich muss jetzt heucheln. Ich muss mit den Vorwürfen leben. Ich muss ins Krankenhaus. Ich muss den Termin wahrnehmen. Ich muss das letzte Gebet sprechen. Ich muss ins Gras beißen.

Samstag, 21. Februar 2026

FALLS VON INTERESSE.



Die mächtige Verkäuferin im Markt reißt heimlich die bunt lockenden Verpackungen auf und klaubt mit ihren habgierigen Fingern einzelne süße Teilchen heraus. Sie schaut nach rechts und schaut nach links, einmal nach oben und einmal traurig nach unten ... und PLOPP landet das zierliche Konfekt auf der gierig angespannten Zunge. Hin und her malmt sie das Karamell und zutscht an zuckriger Schokolade ... streichelnd bewegt sich ein wohliges Gefühl durch ihren bebenden Korpus.

Und dann schießt er los, der Blutdruck - ganz so, als hätten Raketenwerfer die ganze Zeit nur darauf gewartet. Zitternd legt Susi beide Hände auf ihre hohe fliehende Stirn und zählt langsam bis zehn. Tiefes Schwarz vor Augen, gelegentliches Blinken kleiner bunter Sternchen - wie gefroren wartet sie ab und konzentriert sich so gut es geht auf ihre Atmung. Irgendein Trottel rammt sie mit seinem Einkaufswagen am Hintern und murmelt eine unnütze Entschuldigung. Alles an und in ihr drinnen beginnt zu kleben.

Die Abrechnungen des Tages tanzen dämonisch aus der Reihe. Außerdem sind während ihrer Schicht immer wieder zerfetzte oder angerissene Verpackungen aufgefallen. Vor allem bei den Süßwaren. Beide Achselhöhlen schwimmen im Schweiß. Kleine Rinnsale ziehen entlang der Arme ihre feine Bahnen. Sie weiß es doch auch nicht! Susi lügt, verheddert sich in Ausreden und Erklärungen. Ein Sicherheitsgurt schlingt sich zwingend um ihren gewellten Hals und nimmt sich der Vollbremsung an. Da gesteht ihr der Marktleiter plötzlich seine Liebe und nimmt sie behutsam in seine ausgestreckten Arme.

Donnerstag, 19. Februar 2026

IDIOT.



Der längste Weg zurück zu dir ist auch noch voller Steine. Und über all die reißenden Flüsse führen keinerlei Brücken. Und steh ich dann nach Jahren vor dir, drohst du mir mit der Miniatur einer Neutronenbombe. Was soll ich da schon ausrichten? Also gehe ich durch die engste Gasse der Stadt, so schmal, dass ich mich ein zweites Mal in einer Art Geburt wähne. Mit Druck, Trauer und Wut schiebe ich mich entlang der Häuserfronten, schürfe mir die Haut am groben Fassadenputz - und lange ist da kein Licht am Ende der Bla bla bla.

Wie dem auch sei: nicht alles was stramm am Wegesrand vor sich hin gedeiht, lässt sich einfach, so mir nichts dir nichts, pflücken und zu einem bunten Strauß binden. Mein Ur-Großvater sagte dazu auf seinem Sterbebett: „Junge, lass die zerbrechlichen Vögel ziehen und halte dich stets an die Deutlichkeit des Sonnenaufgangs!“ Er machte dann die Augen zu, seufzte kurz auf und flüsterte etwas Unverständliches hinterher ... es klang aber so wie „Idiot“. Das war es dann. Die Beerdigung verlief ohne weitere Zwischenfälle.


Montag, 16. Februar 2026

ASCHE.



Asche. Vom Winde für ewig und in alle Welt verweht ... oder in Klump und Matsch verwandelt durch den Regenguss aus heiterem Himmel. Zwischen Daumen und Zeigefinger zerrieben, daran gerochen und vorsichtig mit der Zunge beleckt. Der Kapitän steuert routiniert wie leicht genervt seinen angerosteten Kahn mit der flennenden Trauergemeinde durch die schlichten Wellentäler und kippt sich dabei kleine Feiglinge in sein unrasiertes Maul. Holger ist tot. Der alte humpelnde Geizkragen. Und plötzlich - wie aus dem Nichts - war dieses Aas doch gar nicht mal so ein schlechter Mensch! Der Kapitän verzieht sein Gesicht zu einer frustrierten Fresse und lässt seine lederne Zunge kreisend herumfuchteln. Wie aus dem Nichts brüllt er gegen den aufkommenden Wind seine Kenntnisse über das Leben auf See ... „die Fische könnten kotzen“ oder „Steck dir deinen Anker in den Arsch“. Irritierte Blicke aus verheulten Visagen. Dieses heuchlerische Getue, dieses Verwischen von Tatsachen, dieses sentimentale Nachdenken über vergebene Chancen auf Versöhnung! Holger hatte immer blau gefrorene Finger. Die Kälte ging vom Herzen aus. Und wenn es eine Form von Güte gab, dann diente sie stets nur seinem Spiegelbild. Also scher dich zum Teufel und liebkose seinen stählernen Huf! Der Kapitän entdeckt zwischen all den bereits getrockneten Tränen auf seinem Deck, den Unrat zwischen den Planken. Kaffeesatz ist das! Es bleibt eben immer was zurück. An den Bitterstoffen des Lebens schrubben die Bootsjungen ein Leben lang.

Samstag, 14. Februar 2026

MÄRZ.



Du gehst einstweilen gebückt vorüber und deine Wintersonne wird qualvoll verdursten. Die Wege verlieren ihre gelobte Einsamkeit, eine friedliche Ruhe verkriecht sich zwischen den noch halb erfrorenen Halmen. Niemand hat dich nach deiner Meinung gefragt. Deine zögerlichen Farben verkünden reizvolle Versprechungen, das Wachsen entspricht nur der üblichen Hoffnung nach einer weiteren Zugabe. Du versuchst es immer wieder aufs Neue. Nimmersatter, zappeliger März - zweifelnder Wichtigtuer! Deine schmalschultrige Kälte zerbricht an dem Lauf der Dinge! In deiner Nähe tummeln sich die ersten Begeisterten ... Das Trügerische daran sind all die Versprechungen und das vermeintlich gut Gemeinte. Jeder verfällt seinen sehnsüchtigen Gedanken, jeder vergibt plötzlich alle Schuld - und nur du, du eingeklemmter März, wirst um die Dummheit aller wissen!

Mittwoch, 11. Februar 2026

THE SERVICE.



Im riesenhaften Berlin gibt es einen besonderen "psychologischen" Dienst - die Art Ego-Therapie, bei welcher der Klient sich fein nach dem Mund reden lassen darf. Das spezielle Konzept ist so einfach wie durchschaubar: Terminfindung, Vorstellung und dann Reden. Es gibt auch eine grünliche Couch aus grobem Cord. In einer Ecke tickt ein großer schwerer Uhrenkasten. Der jeweilige Moderator nimmt auf einem eher unbequemen Schemel Platz. Er ist auch derjenige, welcher die Informationen aufnimmt und eben nicht verarbeitet oder gar bewertet. Es wird einfach nur zu Munde geredet - also geschmeichelt, bejaht, genickt, befürwortet, unterstützt und einfach so getan, als ob der Klient mit allem im Recht und Reinen wäre. Das kostet allerdings einiges an Geld - schließlich leistet sich hier der Kunde eine Art „warme Dusche“ - also das Streicheln und Bepinseln der eigenen Befindlichkeiten. Dazu gibt es inklusive handgerösteten Hochland-Kaffee oder feinen Tee in jeglicher Form der Darreichung, die freie Wahl attraktiver männlicher oder weiblicher Moderatoren/innen sowie eine abschließende Massage der Schläfen.

Meinem guten alten Freund Peter habe ich dieses doch recht kostspielige Vergnügen zum vierzigsten Geburtstag geschenkt. Er durfte insgesamt eine halbe Stunde lang heulen, schimpfen, jammern, brüllen, sich selbst bemitleiden, wütend sein, philosophieren, lügen, denunzieren, behaupten, schreien, beschimpfen und verkrampfen - all das bei einer gut trainierten, frisch blondierten und mit den Augen aufreizend blinkernden jungen Dame im allerbesten Alter! Sie schenkte ihm die volle Aufmerksamkeit, jegliches Verständnis, aufrichtiges Mitleid sowie eine erwärmende Sympathie für all das „Erbrochene“ vom traurigen Peter. Das kostete mich am Ende pro Minute einen 10 Euro-Schein. Eigentlich noch ein Schnäppchen für den "Fall Peter". Der kam mir am Nachmittag mit praller Brust entgegen, nahm mich besonders fest und dankbar in seine Arme und hielt mich minutenlang in einer sehr freundschaftlich gemeinten Umklammerung. Hinterm Gleisdreieck hatte sich eine dieser traurig aussehenden Berliner Stadttauben in einer abgelösten Dachrinne eingeklemmt, schlug in furchtbarer Panik und rasendem Schmerz mit den Flügeln. Feine Federn rieselten auf uns herab und wir wähnten uns für den kürzesten Augenblick eines Lebens mitten im Winter.

Sonntag, 8. Februar 2026

FRAGILIS.



Fragil, fragil ... wenn sich alles andere erübrigt hat und die alten Bekanntschaften sich ein für allemal in alle Himmelsrichtungen verstreut haben. Peter schnappte nach Luft - so gut es ging mit seinem Glimmstengel und der seit Jahren zunehmenden Kurzatmigkeit. Die Dinge im Leben verändern sich und das Altwerden geht mit dem ausgelatschten Teppich einher. Und dann schleicht sich die Einsamkeit mehr mutwillig als rücksichtsvoll heran und packt dich an den Schultern ... nur um nie wieder loszulassen. Peter hat das so in etwa zum Ausdruck gebracht und sich dabei die kleinen feinen Schuppen aus den buschigen Augenbrauen gerieben. In einem unbedrucktem Beutel aus fast durchsichtiger Plastik angelt sich eine von Gicht geplagte Hand den schlanken Flaschenhals mit dem goldenen Verschluss. Gleich ist alles wieder gut. Scheiß auf die verlorenen Kameraden und Weibsbilder ... die einen pennen schon unter der gefrorenen Erde und andere wenden ihre fettigen Hüften auf einer Couch mit grauem Kunstfell. Peter hat alle und alles abgeschrieben und redet sich lobend in einen Rausch voller Selbstherrlichkeit. Er versteht sich darin. Eine seiner vielfach schlecht gestochenen Tätowierungen zeigt das Busenwunder Rita. Das war eine liebliche Granate mit allem was das junge Herz einst begehrte. In Peters Nüschel existiert die kurvige Rita nach wie vor ungebraucht im Originalzustand. Diese gedankliche Exklusivität leistet sich das Peterchen in allen Belangen. Gerade deshalb erscheint ihm die Gegenwart so fragil. Das Hier und das Jetzt steht immer nackig im Kaltnassem. Und ja - es sei ein großartiger Fehler so viele Zigaretten und Schnaps in sich hinein zu stopfen.

Aus aufgerissenen Augen tropfen silbern anmutende Tränchen direkt in den Fertig-Kartoffelsalat. Eine verbogene Gabel stochert zwischen dem weißen Gel der Mayonnaise und kann sich zu nichts entscheiden. Wie ermüdend doch die Müdigkeit ist. Omas alte Couch dient einem bleiernen Schlaf der Verdauung. Peter träumt von Rita und Isabelle. Beide sind nackt und scharwenzeln lachend um ihn herum. Blöde Märchen mit bescheuerten Prinzessinnen. Lächerlich das diese beiden Girls noch einmal derart seine gedankliche Nähe suchen. Wer sich das nun wieder ausgedacht hat! Zum Arsch mit den unangekündigten Wiederholungen! Peter fasst noch während dieser Siesta mit seinem rechten Zeige- und Mittelfinger in den nur zur Hälfte verspeisten Kleister neben sich. Die angebrochene Packung steht für den Stillstand seines etwas verdorbenen Lebens. Natürlich wäre es jetzt besser, Wallnüsse kauend in einem Fitnessstudio den alten Hoden auf einem Sattel wund zu scheuern. Peter kennt jede Theorie und ist dennoch jedes Mal Opfer einer von Gülle getränkten Praxis. Er schwingt seinen rechten Arm seitlich aus ... zwei Versuche ... und packt schließlich den Doppelkorn fest am Hals. Leise gleitet der Sprit in den wund gesoffenen Rachen und sorgt mit seiner Herrlichkeit vorerst für die berühmte Ruhe im Schacht. Auf dem Plattenteller dreht sich „Glasgow Eyes“ von THE JESUS AND MARY CHAIN und wie aus dem völligen Nichts bricht die ungehemmt strahlende Sonne eine Lanze für die Idee einer neuerlichen Hoffnung.

Donnerstag, 5. Februar 2026

STICHPROBEN.



Der alte Mann lenkt den PKW mit zitternden Händen.

Die Katze hat ihren Fang nicht zu bedauern.

Das Boot rutscht über die Wellen.

Der Specht bewegt sich wie ein Delphin.

Die Tage sind im Altersheim allesamt gezählt.

Das Wetter nimmt Einfluss auf den Zustand der Dinge.

Der Schmerz besitzt ein Abonnement.

Die Kinder quälen einen seltenen Käfer.

Das Licht verlässt den Saal.

Der Krieg nimmt sich das Recht.

Die Obdachlose verliert ihren letzten Zahn.

Der Löwe verschluckt sich am Knochen.

Die Frauen liebkosen ihre Männer.

Das Zeitungspapier wärmt den toten Fisch.

Der Hausflur entlässt die letzten Gäste.

Das Sterben des Waldes kostet Geduld.

Der Chef greift durch.

Die Toiletten sind unbenutzbar.

Das Momentum liegt auf keiner Seite.

Der Film gehört nicht ins Kino.

Die Entschuldigung wartet ein Leben lang.

Das Lachen verschluckt sich.

Der Friedhof wirkt leblos.

Die Kaufhäuser geben auf.

Das Streben bekommt weiche Knie.

Der Tonfall gefällt nur dem Redner.

Die Sinnlosigkeit ergibt sich niemals.

Das Ministerium geht schweigend seiner Dinge.

Der Kampf wirkt ungeschliffen.

Die Krankheit ist bedrückend.

Das Gebirge steht dumm herum.

Der Mensch weiß immer alles besser.

Die alte Dame liebt ihre Katze.

Der gedeckte Tisch wartet auf die Stille.

Die Möwen tauchen unter.

Das Warten hat sich nur vereinzelt gelohnt.

Der Schrei geht von Haus zu Haus.

Die Flucht gelingt nur dem Flüchtigen.

Das letzte Gebet bleibt immer ungehört.

Der tödliche Schuss verfällt in Boshaftigkeit.

Die Erdkugel möchte nur noch alleine sein.

Das Essen schmeckt nur den Hungrigen.

Der Kuss liegt auf der Zunge.

Die Sauferei wird langsam eintönig.

Das Sprechen geht ins Leere.

Der Musikant geht allen auf die Nerven.

Die Fliege wird unterschätzt.

Das Leid hat keinerlei Logik.

Der Kaffee möge seine Wirkung nicht verfehlen.

Die Mutter ist und bleibt!