Freitag, 10. Juli 2026

DADDY DIED



Der Song hat eine fast schon überirdische Intensität, tiefgreifende Ästhetik sowie ernsthafte Glaubwürdigkeit - und bedient mit dem exzellentem Mienenspiel der Vortragenden die Förderung einer maximalen Gänsehaut. In der unendlich weiten Welt von Songs und dazugehörigen Videos, kann einem schonmal das Gehirn überkochen - in diesem Fall erlebt der Hörer und Beobachter jedoch schlichte Genialität ohne einen Hauch von Pathos. Und so verkündet der Gott des Doppelkornes die Adresse um seiner werten Leserschaft dieses kleine Wunder nicht länger vorzuenthalten (Eingabe in den dafür vorgesehenen Video-Kanälen):

Interpretin: EARTHSIGNCHELS

Song: DADDY DIED (unbedingt die Version A COLORS SHOW - die Originalfassung lenkt mit zu vielen Szenen etwas ab und besitzt nicht ganz die Kraft für das wunderbare Lied)

Mittwoch, 8. Juli 2026

WIR VERROHEN NUN.



Mit knapp über 40 Grad Celsius Hitze und einem peitschendem Südwest-Wind zittert sich ein elendig langer Sonntag ins Delirium. Über den teils abgeernteten Feldern kreisen verrückt gewordene Bussarde und lassen sich bei ihrer rasanten Jagd nach kleinem Getier von den Böen treiben.
Im Hof stapeln sich zuhauf die ausgeleerten Weinflaschen ... das große alte Tor knarzt und wummert in den rostigen Scharnieren. Hin und wieder rollen vereinzelt Autos über die alte, gepflasterte Dorfstraße - sonst ist hier nichts als ein Sommersturm, gleißende Glut und der vage Gedanke an die allmähliche Verrohung von uns allen. Unter einer riesigen Glocke aus Haribo-Goldbären, Weinbränden, Sauerbraten, Abgasen, Dispositionskrediten, Flugreisen, Siedlungen, Werbeagenturen, Aufmärschen, mikroskopischer Pornografie, Zuckerwatte, Ego-Zentren, Eitelkeiten, Narzissmus, chinesischen Nudeln, flächendeckenden Tätowierungen, Wühltischen, Vorsorge, Versicherungen, Trips und Staus verschwitzen wir wie in einem Hochofen unsere Sensibilität, die kleinen Ängste, eine naturbelassene Furcht ...
Überall sind tausende von Bildern, Motive und Farben die nicht für uns gedacht sind. Viel zu viel zu viel - auch noch bewegt und dabei auch zu schnell vorüber. Wir verrohen nun. Unmerklich und in aller Stille ...

Die Sonne sengt heute alles nieder. In einer alten Zink-Wanne erwärmt sich rasch das frisch eingelassene Wasser. Schnell hieve ich meinen maladen Körper in das noch etwas kühlende Nass und tauche für mehrere Sekunden ab. Schwer verrenkt, halb eingequetscht in der feuchten Enge wird mir klar im Kopf: Noch bleibt etwas Zeit zum Leben!

Samstag, 4. Juli 2026

GNADE



Nur noch ein paar kleinlich abgezählte Jahre ... nur noch den einen oder anderen zaghaften Frühling ... nur noch etwas von der großartigen Liebe welche mich so glücklich macht ... nur etwas erlösender Starkregen ... nur noch ein wenig friedlichen Schlafes ... nur noch dieses eine unerwartete Wiedersehen ... nur noch etwas auf die große Erlösung hoffen ... nur noch die letzten Gedanken an den guten Glauben verschenken!

Wir hocken dicht an dicht in der kühlen Kirche und zwischen all dem aufgeregtem Gemurmel ist auch Räuspern und Unverschämtes zu vernehmen. Mitten im satten Leben, da wo sich die grellen Farben quietschend durch laute Straßen drängen und der berstende Geruch von Fett und Sperma alles matt belegt - dort soll Platz für Jesus sein? Oberflächlich starrt der Mensch am Licht vorbei, wenig Demut, wenig Andacht und noch viel weniger Liebe. Die Hauptsache versickert im eigenen Glück.
Der Pfarrer predigt. Er findet die Worte. Schließlich fasst er alles zusammen. Amen bedeutet Tatsache. Alle schmunzeln in ihrem eigenen Saft.

Es bleibt nicht mehr viel Zeit. Dem einen oder anderen ereilt das Schicksal demnächst und unangekündigt. Die Autobahnen und Krankenhäuser sind voll von derartigen Querschlägern des Lebens ... im Verborgenen siecht das abgedunkelte Leid vor sich hin ... kein überdimensionales Kreuz auf einem gut sichtbaren Berg. O du fröhliche, gnadenbringende Weihnachtszeit! Alles singt voller Inbrunst und das ist wirklich jedes Jahr so. Immer und immer wieder ... Nur noch dieses eine gemütliche Fest ... nur noch einmal die verwegenen Wildgänse gen Süden ziehen lassen ... nur einmal noch am brausenden Meer ... nur noch hinter dem einen, rundem Geburtstag her jagen ... nur ein ordentliches Besäufnis noch ... mit Vollgas ins blitzende Radar und wirklich nur noch einmal alles um mich herum völlig vergessen können!

Die Gnade sei mit mir.