Freitag, 26. Juni 2026

DER MANN



Den Lichtschalter bewegen ... hin und wieder gelang mir das. Die Türen öffnen oder die Flasche verschließen - ein Hemd knöpfen und den Schlüssel im Schloss drehen. Das konnte mitunter leicht gehen. Allerdings fiel mir das Aufstehen schwer, wähnte ich mich doch im falschen Zimmer und im falschen Bett. Das Fenster zum Hügel befand sich auf der linken Seite - nun war es urplötzlich rechts und ein dahinter liegender Hügel schien sich aufgelöst zu haben. Es war helllichter Tag. Die Sonne schien wie immer lustlos durch verstaubte Fenster. Auf der verschwitzten Matratze hatten sich hunderte Zwieback-Krümel eingedrückt. Neben dem Bettgestell stand ein Glas Wasser und daneben lagen die ganzen Bücher herum. Aufgeklappt mit dem Gesicht nach unten, angelesen und kurzfristig verworfen. Der Schlaf übermannte mich ein ums andere Mal. Wen interessiert das.

Es ist jetzt Anfang Juli und ein halbes Jahr wird nun schon der gedanklichen Verwesung überlassen. Das Wasser wird knapp, die Umarmungen werden weniger, es fehlt an Liebe an allen Ecken und Enden. Über dem Ort liegt nichtssagenden Stille, wie verabredet schweigt das Leben und mit großem Bedauern geistert irgendein Unheil um die Häuser. Die Lottozahlen sind banal gesehen auch nur irgendein dämonisches Schicksal. Es darf mir egal sein. Schwere Gewitter sind in Begriff Lebewohl zu sagen - sie möchten das Gültige unserer Abwägungen mit Blitz und Donner ins Nirvana jagen. Sollen sie doch. Mein Geld reicht für eine allumfassende Rettung der Menschheit einfach nicht aus. Der gute Wille steckt mit platten Reifen und Kralle in einer Sackgasse. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Mit dieser Form von Zynismus versuche ich nur mein Seelenheil zu tapezieren, es ist wirklich nicht böse gemeint.

Der Mann hatte es immer gut gemeint. Er mochte keinen Streit und liebte die Harmonien. Nun saß er einfach nur so rum und grübelte über Einzelheiten. Gedanklich schoss es ihn dabei in einen kalten klaren Nachthimmel, tausendfach gespickt mit funkelnden blinzelnden Sternen. Vielleicht steckte kein tieferer Sinn hinter seinen Überlegungen, vielleicht war alles nur vergebene Mühe und keinen Pfifferling wert ... Aber er liebte die Augenblicke der Stille und rieb dabei sanft die müden Hände.
Der Sommer war ein platzender Arsch - geradezu vulgär zimmerte er seine hitzigen Bausteine zu einer Mauer des Schweigens. Die Vögel hatten sich auf der Suche nach Flüssigkeit verirrt und ihr fehlendes Gezwitscher war eine einzige schrille Anklage.
Niemand hielt etwas auf die Einsamkeit, niemand konnte die Leere sehen - die schlaffen Gardinen hingen wie aus Stahl und schliffen den Boden.


Samstag, 20. Juni 2026

DIE MUTTER.



Peter sagt, in seinem Oberstübchen gehe es drunter und drüber - seine Gedanken erscheinen ihm wie eine dieser störrischen Modelleisenbahnen ... welche immer wieder entgleist ... egal wie geduldig sein Betreiber sie unablässig auf die gut gepflegten Spielzeug-Gleise stellt. Und dann sei da noch dieses gleichmäßige Klopfen gegen die innere Hülle der Schädeldecke ... nein, keinerlei Schmerz sondern ein gefühlvolles Pochen ... ganz so als wolle man mit dem Stiehl eines hölzernen Besens zaghaft gegen die Zimmerdecke wummern ... um sich Gehör zu verschaffen. Peter stochert mit der langen, spitzen, silbernen Erbstück-Gabel einzelne sattgrüne Erbsen vom Teller und zieht sie kurz danach nur mit den gespannten Lippen ab in den Mund. Aus dem Fenster sehend erblickt er seine tot geglaubte Mutter ... sie nickt ihm freundlich zu ... Warme liebevolle Äugelein strahlen aus der faltigen braunen Gesichtshaut. Sie sagt: „Komm mein liebes Peterchen, die eine Gabel noch ... für Oma Inge aus Marburg ... und dann noch eine für den gefallenen Onkel Achim!“ Danach küsst sie ihn auf die hohle Wange und Peter schraubt ganz schnell am güldenen Kronkorken ... haut sich fast alles hinter und verschluckt sich dabei heftig.

Peter sagt, ihm sei im Kopf alles vertrocknet. Die Dürre nimmt sich alle Lebendigkeit und auch den Ausblick auf eine neuerliche Veränderung. Dann erscheint ihm immer seine tot geglaubte Mutter und kümmert sich. Plötzlich ist sie da wie eine Heiligenerscheinung ... schwebt durch die unordentlichen Zimmer und seinen wirren Kopf. Was für ein heilloses Durcheinander das dann wieder ergibt ... und das verwöhnte Söhnchen kocht sich pampigen Grießbrei bis zum völligen Erbrechen. Was das wieder darstellen soll.

Im eiskalten Badezimmer beginnt er sich vor dem Spiegel am ganzen Körper ausgiebig selbst zu streicheln ... vorsichtig, sorgsam, ganz ganz leicht. Gänsehaut entsteht ... Entspannung macht sich breit und langsam stehen alle zerflederten Bücher mit seinen Gedanken wieder an Ort und Stelle ... in den wackligen Regalen seines Gehirns. In der Wanne baut sich Peter eine Art Bett ... packt alte Decken und fleckige Kissen hinein ... lässt die Wasserhähne geschlossen und schläft plötzlich darin ein wie ein riesenhaftes Baby. Seine tot geglaubte Mutter rückt sich einen Badhocker heran und summt dazu Wiegenlieder ... So ist das manchmal wenn alles noch einmal gut gegangen ist.