Sonntag, 9. August 2026

WIR STEHEN.



Nichts bewegt sich. Alles wartet. Keiner kommt voran. Stillstand. Ist das nicht wunderbar?
Wenn ich mir die Wipfel der Bäume ganz genau beschaue, dann erkennen selbst meine müden, unscharf fokussierten Augen keinerlei Regung. Ach! Und der Himmel erst ... mattes königsblau von links nach rechts, quer wie diagonal. Nicht das kleinste Wölkchen hastet oder schleicht vorüber, kein Flieger in der Ferne ... Ausgebremste Gegenwart. Die Ruhe selbst.

Im Abteil träumt eine komplett schwarz gekleidete Mittdreißigerin unter dem reißenden Gewicht ihres mächtigen Vorbaus. Leblos hängen breite Arme seitlich herunter. Ein Kaugummi ist im Begriff, den leicht geöffneten Mundwinkel in freiem Fall zu entkommen ... Das Leben zementiert sich auf höchst köstliche Weise. Mir bleiben in dieser Leere viele Gedanken, fein sortiert ... Anlauf nehmend, platzieren sie sich majestätisch in Reih und Glied. Ordnung in Reinkultur. Das tut gut.

Stramme Waden, ein viel zu lustlos geratener Hintern, lieblos lackierte Fußnägel direkt vor mir am Fahrkartenautomaten. Die Äcker müssen bestellt werden, wo die Erde noch fruchtbar scheint. Mir bleibt nicht mehr viel Zeit, das spüre ich an leblosen Tagen ganz besonders. Gleich und gleich gesellt sich gern ... Himmel, Arsch und Zwirn ist das heute still! Keiner haut mit der Faust auf den Tisch und fordert mit dem Schnaps sein Existenz ein. In der Hoffnung auf eine baldige Weiterfahrt, verbleibe ich mit besten Grüßen!

Freitag, 31. Juli 2026

ÜBERALL BLUT!



Die superscharfe High-Tech-Hyper-Spalt-Axt traf aus der Rechten den alten brüchigen Rindsleder-Schutzhandschuh mit äußerst eleganter Tiefenwirkung ... Durchschnitt mühelos das poröse Polster und glitt halb schneidend, halb zerteilend ins saftige Fleisch von Peters linker Hand. Wo lag der Fehler? Peterchen hielt mit seiner Linken eine Millisekunde zu lange den wackligen Klotz ... die kräftig wie schlecht gezielte Schneide glitt ab und suchte sich ein anderes Ziel seiner Zerstörungslust. Glücklicherweise konnte das verbliebene Material des Handschuhs etwas vom immensen Druck abfangen ... nicht auszudenken sonst, mit welcher Blut werfenden Wunde der Peter sonst in eine Ohnmacht gefallen wäre! Nun - ich war nicht dabei. Auch nicht als sich Peter selbst den verknitterten Druckverband anlegte und sich dabei ununterbrochen für seine Dummheit beschimpfte. Aber ich sah die ganzen roten Suppenreste im Haus verteilt ... wo das überall hin getropft war ... ausgelaufen schien ... große Lachen, Flecken, teils verwischt, halb angetrocknet und geronnen. Peter lag auf seiner uralten Couch und bedauerte seine Dämlichkeit, schalt sich in unverständlichen Schimpftiraden und bemitleidete gleichzeitig sein naives Wesen. Es war herzzerreißend!

Um ihn zu beruhigen sagte ich folgende Sätze:
  • Das kann doch jedem mal passieren!
  • Wer weiß wozu das mal gut war?
  • Irgendwann ist jeder mal mit was dran.
  • Das wird in ein paar Wochen eine schöne Narbe sein.
  • Es ist doch nochmal gut gegangen.
  • Zum Glück hattest du die Schutzhandschuhe an!
  • Die Äxte sind aber auch superscharf!
  • In drei Tagen lachst du drüber.
  • Es gibt Schlimmeres.
  • Toll wie du dich selbst versorgt hast.
  • Wo gehobelt wird fallen Späne.
  • Etwas Aderlass hat noch niemanden geschadet.
  • Du hattest Glück im Unglück.
  • Jetzt weißt du, was du beim nächsten mal anders machst.
  • Der Arm ist noch dran.

Und so weiter und so fort. Langsam fielen dem etwas benommen wirkenden Peter die Augen zu und friedlich begann er leise zu schnarchen. Auf leisen Sohlen tupfte ich mit angefeuchteten Haushaltstüchern die weinroten Reste des kleinen Massakers weg und goss mir zur Belohnung ein Glas mit mittelmäßigem Bordeaux voll. In einem knarksenden Schaukelstuhl beobachtete ich den guten alten Peter und seine friedlichen Zuckungen in einem kindlichen Schlaf. Alles war gut.
Später am Abend half ich ihm beim Waschen, seifte ihn allumfassend wie gründlich ein, brauste mit lauem Wasser ab und rubbelte das alte durchgescheuerte Frotteehandtuch an seinem üppig behaarten Körper ausdauernd hoch und runter. Dabei hielt er brav die Arme nach oben, wie ein kleiner Junge, stumm und genüsslich. Wir aßen kurz vor Mitternacht rohe Zwiebeln, tauchten altes Brot in eine Hühnerbrühe und blätterten durch unsere Erinnerungen. Da waren jede Menge Bilder.