Montag, 25. Mai 2026

KNOCKOUT.



Peter saß kerzengerade, aufrecht und geradezu brav auf seiner roten Plastikschale in der Straßenbahn Linie 4 und starrte durch die zerkratzte Fensterscheibe auf das muntere Treiben der selbst darstellerischen Großstadt. Nichts an ihm war in irgendeiner Weise auffällig. Gut gepflegt, frisch gewaschen und fein rasiert, saubere Anziehsachen inklusive eines akkurat gebügelten Hemdes in unschuldigem Himmelblau. Darüber die verehrte Jeansjacke von Wrangler ohne Abzeichen, Aufnäher oder sonstige provozierende Details. Saß einfach da und wartete fast schon schülerhaft brav auf die Abfahrt des alten eisernen Kolosses.

Urplötzlich dann - unvermittelt, explosiv wie knallhart schmerzhaft der Schlag aus einer ordentlich Geraden heraus! Klassischer Knockout mit der geballten Faust! Angespannter Stahl trifft locker lose Gesichtshaut und zerquetscht für eine Millisekunde die gesamte Petersche Visage ... zerdrückt alles was nachgeben kann und prallt massiv auf Knochen ohne eine echte Chance des Widerstandes. Während unser Peter sofort und auf der Stelle zusammensackte, lief der ausführende Box-Champion zur mittleren Tür des TATRA-Zuges wieder heraus und verschwand im Gewimmel der Haltestelle. Es roch ranzig nach altem Pommes-Öl und süßlich nach Dior’s Fahrenheit. Billiger abgestandener Gestank. Die Linie 4 fuhr ruckartig an und ließ den lieben Peter dabei kurz durch den Fahrgastraum kullern.

Zehn Minuten später saß der Getroffene wie verdattert auf seinem zitternden Gesäß und bestaunte seinen schmerzenden Kopf ... befühlte sich mit den Händen, schleckte am bereits leicht angetrockneten Blut zwischen Nasenloch und Oberlippe ... wischte mal hier und mal dort mit dem Ärmel der Joppe. Was für ein Punch! Peter war fast andächtig stolz auf diesen Treffer gegen sich - so ganz aus dem Nichts, aus der Kalten ... ohne Anlass oder irgendeinem nachvollziehbaren Motiv. Da stieg einfach einer mal ein und strandete gezielt den Treffer seines Lebens! Wuchtig, direkt, Ziel- und siegessicher! Linearer Ablauf. Vorne Einsteigen, einem im Vorbeigehen aufs Maul geben und hinten wieder rausgehen. Ein Tempo, ein gleichmäßiger Rhythmus, fast wie eine lang einstudierte Choreografie. Peter war emotional hin und hergerissen: schmerzhaft verzerrte Fragezeichen gegen bewundernde Faszination. Die Welt ist ein verrückter Haufen zusammengekehrter Individuen.

Donnerstag, 21. Mai 2026

KOMMUNIKATION. DAS DOPPEL-INTERVIEW



In der letzten Woche traf ich mich mit dem Pärchen Nancy und Sven zu einem seltsamen und irritierendem Gespräch zu zwischenmenschlichen Kommunikationsformen im Jahr 2026. Die Besonderheit meiner beiden Interviewpartner findet sich in deren ganz eigenem Stil beim täglichen Weg durch ihren Alltags-Muff. Seit knapp vier Jahren unterhalten sich die beiden nämlich ausschließlich über digitale Kurznachrichten und wiegen sich dadurch in einer seltsam-schönen Harmonie.

Guten Tag Nancy, guten Tag Sven - ist es denn überhaupt möglich mit euch zu sprechen - ins Gespräch zu kommen?

Sven: Hallo - natürlich, wir reden mit jedem ... nur eben nicht mehr miteinander.

Ihr würdet also bei einem Zwiegespräch, innerhalb dieses Interviews, das Mobiltelefon nutzen?

Nancy: Deshalb sitzen wir doch hier! (Tippt erregt etwas in ihr Handy)
Sven: (Auf seinem Display lesend) Ja so ist es. So ungewöhnlich es auch klingen mag, aber es gibt viele Menschen welche auf solche Weise miteinander reden. Querschnittsgelähmte beispielsweise. Oder dieser eine millionenschwere Physiker ... (Googelt wohl den Namen)

Das stimmt. Aber Euer Stimmapparat funktioniert dagegen, ihr steht also gar nicht vor den Schwierigkeiten anderer ...

Nancy: Was Sven sagen wollte , ist, dass es funktionieren kann und vielfach auch schon so praktiziert wird. Natürlich sind wir eben, losgelöst von den üblichen Gründen, Sonderlinge. Aber viele der Menschen die uns umgeben kommunizieren bereits zu 30 bis 70 Prozent in unseren Dimensionen. Wir sind da nur die Spitze des Eisberges und schlicht konsequenter in Art und Weise.

Das muss ich Euch zugute halten!

Nancy: Früher schrieb ich meinen Freund von überall an ... zunächst per E-Mail, dann per SMS und heute mit dem Service What's App. Das hat Spaß gemacht und es gab keinerlei Befindlichkeiten oder gar Streit. Nach Feierabend tauchten wir dann in unsere reale Welt ein und verstanden uns gar nicht mehr. Der Mundgeruch, der Tonfall, die Lautstärke ... Miteinander reden kann sehr kompliziert werden. Wir kennen Freunde die sich überhaupt gar nicht mehr austauschen ...
Sven: Und Nancy hat hin und wieder gespuckt beim Reden, so ein feiner Strahl von winzigen Speichel-Perlen. Sehr gut gegen das Licht der Sonne zu erkennen. Aber eklig. (Tippt lachend auf seinem Handy herum)
Nancy: (halb auf ihr Display starrend) Er muss ruhig sein! Nach dem Frühstück das ganze Gebiss voller Mohn-Krümel ... bin ich froh, dass nicht mehr sehen zu müssen.

Ihr habt euch also arrangiert?

Nancy: Ja! Es ist ein Deal der unsere Beziehung spannend und abwechslungsreich gestaltet. Es existiert eine natürliche Distanz auf der einen Seite und dann wieder wortlose Nähe auf der anderen. Kennst du das Sprichwort "Man versteht sich ohne Worte"?

Und wie sieht das in eurer Sexualität aus? Geht ihr mit der Technik zu Bett?

Sven: Zunächst musst du wissen: Wir schlafen in getrennten Zimmern und es macht kindlichen Spaß sich noch Nachrichten direkt vor dem Einschlafen zu senden. Kleine Nettigkeiten - ob Nancy auch den Mond sehen kann und so weiter ...
Nancy: Beim Schmusen geschieht jede Handlung wie bei vielen ohne Wortwechsel. Alle anderen Geräusche macht die Natur und dienen eher der eigenen Befriedigung als der typischen Kommunikation.
Sven: Wenngleich mir ein Stöhnen schon etwas mitteilt ... (tippt schmunzelnd auf seinem Handy)
Nancy: (liest und lacht!) Aber man muss die Kirche auch im Dorf lassen! Soll ich etwa "Stöhn-Stöhn-Stöhn" während der größten Leidenschaft noch per SMS versenden?
(Beide lachen!)

Okay, verstehe. Und für das gemeinsame Lachen gilt dies also ebenso ...

Nancy: Natürlich.

Gibt es eigentlich richtige Hürden? Echte Herausforderungen?

Sven: Wir haben ein paar Freunde mit unserer Kommunikation verschreckt, verstört, enttäuscht und teilweise verloren. Gemeinsame Abende liefen dabei völlig aus dem Ruder. Nancys Eltern sind auch frühzeitig abgereist. Da tat manche Begegnung sehr weh.
Nancy: Anfangs glaubten wir, das nie und nimmer durchzuhalten. Aber die Umwelt kommt uns mittlerweile entgegen und wir fallen darin kaum noch auf. Ich vermute das sich manche Pärchen heute eher über ein Online-Portal kennenlernen, obwohl sie sich gerade in der Straßenbahn gegenüber sitzen und die ganze Zeit flirten könnten.
Sven: Wie gesagt, wir zwei sind nur die zu Ende gedachte Konsequenz aus einer ungebremsten Entwicklung.

DOPPELKORN dankt euch für das offene Gespräch und wünscht alles Gute!