Samstag, 20. Juni 2026

DIE MUTTER.



Peter sagt, in seinem Oberstübchen gehe es drunter und drüber - seine Gedanken erscheinen ihm wie eine dieser störrischen Modelleisenbahnen ... welche immer wieder entgleist ... egal wie geduldig sein Betreiber sie unablässig auf die gut gepflegten Spielzeug-Gleise stellt. Und dann sei da noch dieses gleichmäßige Klopfen gegen die innere Hülle der Schädeldecke ... nein, keinerlei Schmerz sondern ein gefühlvolles Pochen ... ganz so als wolle man mit dem Stiehl eines hölzernen Besens zaghaft gegen die Zimmerdecke wummern ... um sich Gehör zu verschaffen. Peter stochert mit der langen, spitzen, silbernen Erbstück-Gabel einzelne sattgrüne Erbsen vom Teller und zieht sie kurz danach nur mit den gespannten Lippen ab in den Mund. Aus dem Fenster sehend erblickt er seine tot geglaubte Mutter ... sie nickt ihm freundlich zu ... Warme liebevolle Äugelein strahlen aus der faltigen braunen Gesichtshaut. Sie sagt: „Komm mein liebes Peterchen, die eine Gabel noch ... für Oma Inge aus Marburg ... und dann noch eine für den gefallenen Onkel Achim!“ Danach küsst sie ihn auf die hohle Wange und Peter schraubt ganz schnell am güldenen Kronkorken ... haut sich fast alles hinter und verschluckt sich dabei heftig.

Peter sagt, ihm sei im Kopf alles vertrocknet. Die Dürre nimmt sich alle Lebendigkeit und auch den Ausblick auf eine neuerliche Veränderung. Dann erscheint ihm immer seine tot geglaubte Mutter und kümmert sich. Plötzlich ist sie da wie eine Heiligenerscheinung ... schwebt durch die unordentlichen Zimmer und seinen wirren Kopf. Was für ein heilloses Durcheinander das dann wieder ergibt ... und das verwöhnte Söhnchen kocht sich pampigen Grießbrei bis zum völligen Erbrechen. Was das wieder darstellen soll.

Im eiskalten Badezimmer beginnt er sich vor dem Spiegel am ganzen Körper ausgiebig selbst zu streicheln ... vorsichtig, sorgsam, ganz ganz leicht. Gänsehaut entsteht ... Entspannung macht sich breit und langsam stehen alle zerflederten Bücher mit seinen Gedanken wieder an Ort und Stelle ... in den wackligen Regalen seines Gehirns. In der Wanne baut sich Peter eine Art Bett ... packt alte Decken und fleckige Kissen hinein ... lässt die Wasserhähne geschlossen und schläft plötzlich darin ein wie ein riesenhaftes Baby. Seine tot geglaubte Mutter rückt sich einen Badhocker heran und summt dazu Wiegenlieder ... So ist das manchmal wenn alles noch einmal gut gegangen ist.

Sonntag, 14. Juni 2026

DER JA-MANN.



„Schlimmer geht immer. Und nach oben ist auch noch reichlich Luft. Du musst irgendwann mal den inneren Wasserhahn auf HEISS oder KALT stellen und wegkommen vom lauwarmen Geseier deiner Befindlichkeiten!“

(Die Schuhe! Meine treuen Begleiter benötigen mal wieder etwas Fett! Geistige Abwesenheit sorgte für einen fadenscheinigen Auftritt meinerseits.)

Ja. Ich sagte daraufhin nur „ja“. Es war der leichteste Weg dieser Tirade so schnell wie möglich zu entkommen. Ja. Mit dieser Reaktion weicht der Damm dem Druck des Stromes. So geht es erst einmal weiter im Programm des Lebens. Ausdauer oder gar Pflichten wurden mir nicht wie schwere Ziegel in die Wiege gelegt. Das Ja-Sagen erleichtert also das Vorwärtskommen. Es hat mir immer geholfen.

(In meinem Kopf liegt alles gut vorbereitet, bestens sortiert und wartet auf die Stille.)

„Du möchtest doch das sich was ändert?!“ Ja. Zwei miteinander harmonisierende Buchstaben erlaubten mir frei zu sein. Von Geburt an werden Strategien für das Dasein erforderlich. Es gibt dafür Entwürfe, Vorlagen, Vorbilder oder moralische Regeln. Das dient alles einer Ordnung. Im Auge des Betrachters zentriert sich die jeweilige Wahrheit. So schnippelt jeder an seine Schablonen des Glücks. Ja.

(Heute Abend höre ich Musik. Oder drehe noch eine Runde durch die verregnete Stadt.)

„Du musst doch eine Vorstellung davon haben, was Du letztlich erreichen möchtest?“ Ja. Das geht schnell über die Lippen. Es darf ruhig reumütig oder verantwortungsbewusst klingen. Das hebt den Dialog auf eine dringliche Ebene. So mache ich das jetzt auch. Damit gebe ich meinem Gegenüber das Gefühl von Zufriedenheit. Er meint es doch nur gut und möchte auch nur mein Bestes. So viel habe ich verstanden und es tut mir auch leid, dass so viel Mühe ihre Verschwendung findet. Ja.

(Auf meinem Kopf juckt es. Meine Haut kribbelt. Am ganzen Körper oberflächliche Unruhe.)

„Am schlimmsten finde ich, das du zu allem immer nur JA sagst! Das nervt und zeigt mir deine Halbherzigkeit. Denkst du vielleicht das macht mir Spaß?“ - - -

(Mit meinen Gedanken bin ich ganz woanders. Die Pädagogen fragten mich immer wieder provokant, ob ich meinen Kopf auch zum Denken nutze. Darauf habe ich immer schlicht und frei heraus mit einem JA reagiert. Schon damals konnte ich adäquat reagieren und jeden ungemütlichen Wind aus den gespannten Segeln nehmen. Die Pädagogen und die Psychologen sind mit großer Vorsicht zu genießen. Sie wissen immer etwas darüber, was meinem Wirken gut täte. Das hat mir immer etwas Angst gemacht. Sie scheinen Gedanken lesen zu können. Und das Furchtbarste ist meines Erachtens: Sie geben vor, helfen zu wollen! Als ginge sie es etwas an, welche Richtung meines Weges von Relevanz sei. Mühe - immer ist dieses quälende Wort in ihrem Vokabular verheddert. Mein Nachdenken entschied sich immer instinktiv für ein Reißaus. Bevor ich aufstehe, falle ich hin. Und wenn ich liegenbleiben möchte, dann decke ich mich nochmals sorgfältig zu.)

„Ich gebe es langsam auf mit dir. Du gibst Dir ja nicht einmal etwas die Mühe mir zu folgen, geschweige denn zuzuhören. Wenn du genau so weitermachst, dann geht es keinen Schritt voran. Helfen wollte ich dir - doch ich gewinne langsam den Eindruck das du dir gar nicht helfen lassen möchtest. Eines Tages wird meine Geduld mit dir am Ende sein.“

JA sage ich. Dann mache ich meinen Kopf endgültig zu.