Freitag, 3. April 2026

ANGELN OHNE HAKEN. DAS INTERVIEW!



Angeln ohne Haken. DAS INTERVIEW

Kleinen Kindern kann man getrost einen morschen Stock samt befestigter 2m Wäscheleine in die ungeduldigen Hände drücken und sie an einem Dorfteich für lange Zeit einem angespannten, hoffnungsvollen Warten überlassen. Mit geradezu bemitleidenswerter Geduld harren die Kleinen dann der Dinge, welche mit 99,99 prozentiger Wahrscheinlichkeit nicht in Erscheinung treten werden: Fische! Denn die ganze Angelegenheit hat sprichwörtlich keinen Haken. Angelhaken.
Das nun aber ein erwachsener Mann mit modernstem wie gleichsam teuren Angelruten loszieht und dabei von vornherein nur mit Sehne und Senkblei zufrieden ist - das ist eine mittelschwere Sonderbarkeit! Angeln ohne Haken lebt von allerlei Besonderheiten ... nicht jedoch vom Fischfang. Darüber komme ich mit Steffen ins Gespräch.

Steffen, du bist auf dem Weg zum Wasser, zu deinem Boot. Was hast du dabei?

Meinen Jägerrucksack mit zwei Flaschen roten Weines, zwei große Rosinenbrote, eine lange Kabanossi-Wurst, ein Buch, Regencape, Schnitzmesser, Klopapier, eine Flasche Mineralwasser, eine Angler-Zeitung ... dazu die Dollen und Ruder fürs Boot und vor allem drei hyper-moderne Wurfangeln.

Die Angeln sehen tatsächlich edel aus! Was kostet so etwas heute?

Mit allem drum und dran etwa 190 € je Stück ... das violette Schmuckstück sogar knapp 400 €. Angeln ist ein teures Hobby.

Aber ein wichtiges Utensil bzw. Detail fehlt dann doch ...

Ja, die Haken - also generell die gesamte Fangtechnik.

Du wirfst also deine Angeln aus und hast dabei gar nicht die Absicht etwas zu fangen? Kein kapitaler Karpfen, kein widerspenstiger Barsch, kein eleganter Aal, kein furchterregender Hecht? Keine Spannung, kein Erfolgserlebnis?

Nun hör aber mal auf ... Ich kenne genügend Angler, welche einen ganzen Tag am Wasser hockten und außer ein paar Plötzen das Maul zu zerfetzen keinerlei Erfolg, in deinem Sinne, feierten. Dennoch haben Sie viele Stunden aufs Wasser gestarrt, genüsslich an der Bierflasche genuckelt und den Regen auf ihr Haupt prasseln lassen. Die Begeisterung am Angeln muss nicht zwingend mit dem Fang in Verbindung stehen ... es ist viel, viel mehr!

Dann schildere doch mal das “mehr”!

Es sind die Rituale! Vor allem wie ... das Aufstehen im Morgengrauen vor dem ersten Hahnenschrei, der frisch aufgebrühte Kaffee, das Packen aller Materialien, der Weg durch den kalten Morgendunst zum Bootssteg .... durch feuchtes Gras und unzählige Nacktschnecken. Das Ausschöpfen des Bootes, das Verstauen, das Einrasten der Dollen, erstes Geschrei der Seevögel, das Losbinden der Leinen ... schließlich dann die ersten sanften Ruderschläge ... die kleinen Perlen von Wasser auf der nebligen Wasseroberfläche. Und, um es mit den Worten des deutschen Schriftstellers Siegfried Lenz zu sagen: es ist die „Erwartung“ dessen, was solch ein Tag auf oder am Wasser bringen wird. Das muss kein Fang sein. Soll ich noch weiter ausholen?

Verstehe ... aber den eigentlichen Sinn des "Angeln gehen", der Kick an der Sache ... Es mutet mehr als skurril an, dass Du Deine edlen Wurfangeln ohne Fangtechnik benutzt.

Nun - ich benutze die Angeln wie jeder andere auch ... fixiere ein Ziel, schleudere die Sehne samt Senkblei möglichst genau ... kurbele sanft ... korrigiere ...
Wenn mir danach ist, hole ich alles wieder ein und versuche neue Ziele zu erreichen.

Aber konkret: was machst du denn, wenn andere Angler gespannt auf Ihre Posen stieren, jedes Wackeln und Zittern der Leine mustern und zuordnen ... sprich in die Knechtschaft ihrer eigenen Spannung geraten und alles um sich herum vergessen?

Ganz so ist das Angeln heute nicht mehr! Fast alle benutzen heute Elektronik ... Technik welche es ermöglicht, ganz ungezwungen nebenbei sein Zelt aufzubauen oder den Grill anzuschmeißen. Das Angeln von heute hat sich derart spezialisiert und technisch perfektioniert, dass die ureigene Grundspannung sowieso nicht mehr zu finden ist. Es geht den meisten mehr um das Draußen sein, die Geselligkeit, etwas Natur-Party ... und wenn dann noch ein kapitaler Hecht im Käscher zappelt, sind die Handys für das übliche Posing schnell zur Hand. Als Kind habe ich selbstverständlich noch mit kleinen, alten Haken geangelt ... der Teig fiel meist schon beim Auswerfen ab ... und dennoch hockte ich stundenlang und meist erfolglos am Ufer. Im Grunde genommen gibt es hier die meisten Schnittstellen zum Hier und Heute. Entsprechend belächelt mich die Umwelt ... sie glaubt, ich sei ein Idiot - dabei bin ich doch nur ein großes Kind!

Auf die Umwelt wollte ich tatsächlich noch zu sprechen kommen ... Du hast es ja schon angedeutet - aber wie reagiert man auf dein Tun?

Du musst wissen, das jeder der Angeln geht einen Schein dafür benötigt ... das heißt, auch ich bin organisiert. Die Aufmerksamkeit anderer ist mir daher sicher. Die meisten lästern darüber ... „Lass uns noch was im Teich“ oder „Waidmanns Heil“.
Viele sehen es mit Humor andere jedoch mit stummen Argwohn und Kopfschütteln. Letztlich fühle ich mich kaum anerkannt und mitunter als lästigen Trottel in einer hoch sensiblen Gemeinschaft aus selbst ernannten „Profis“. Es ist manchmal nicht so einfach - obwohl sich eigentlich niemand an mir stören muss. Die Akzeptanz des bloßen Anderssein ist für manche Menschen kaum zu ertragen ...

Isst du eigentlich Fisch?

Ja, sehr gerne sogar! Bevorzugt grätenlos, in Mehl gewälzte Filets mit einem Scheibchen Zitrone ... Das ich ohne Haken angele hat auch letztlich nichts mit Tierliebe oder sonstiger Ethik zu tun. Mir fehlt auch noch deine entscheidende Frage in diesem Interview ...

Welche denn?

Die große Frage nach dem WARUM!

Stimmt. Also abschließend ... warum angelst du ohne etwas fangen zu wollen?

Es sind diese Augen ... diese unfassbar traurigen, fragenden Augen dieser schönen Tiere! Der Moment, in dem ich mit der linken Hand den schleimigen Leib umschließe, der Fisch in seinem Zappeln geduldig innehält und ich mit meiner rechten Hand den Haken aus der verhornten Oberlippe heraus drehe ... dieser unsagbar tiefe, müde und hoffnungslose Blick an der trocknen, immer dünner werdenden Luft! Dem halte ich nicht stand! Aber es ist kein Mitleid, kein Dusel der großen Gefühle ... vielmehr Respekt von Angesicht zu Angesicht. Viele Menschen würden ja Tiere gar nicht verspeisen, müssten sie ihnen vorher bei lebendigem Leib in die Augen schauen müssen ... Letztlich verdränge ich also spätestens im Fisch-Restaurant meine Gedanken und lasse es mir schmecken. Aber beim Angeln selbst ... erliege ich diesem natürlichen Anmut und kapituliere. Alles andere rund ums Angeln gönne ich mir um so intensiver ... So schwer das für manche nachvollziehbar ist.

Vielen Dank für dieses wunderbare Gespräch mit dir!

Mittwoch, 1. April 2026

HERR HOFFMANN.



Busfahrer haben mitunter etwas mystisches an sich. Sie wirken dabei meist erhaben und unanfechtbar. Wie eine Laune der Natur. Kräftige Arme, mitunter gut behaart - ein Kopfnicken das sich stets nur schwerlich deuten lässt. Wortkarg und etwas träge federn ihre Körper auf technisch ausgefeilten Fahrersitzen. An Endhaltestellen wird viel pausiert und noch viel stärker geraucht. Nur keine Milde! Prüfend gleitet der Blick am Korpus des Kraftfahrzeuges entlang. Hemdsärmel werden wie selbstverständlich immer nach oben gekrempelt. Man wage es nicht mit großen Scheinen bezahlen zu wollen! Auch das bloße Ansprechen von Busfahrern könnte durchaus mit größeren Gefahren für Leib und Seele einhergehen. Aber das muss wohl genau so sein! Die Piloten des Asphalt tragen schließlich die Verantwortung. Rau ist der Weg zum Ziel. Bitter wie sauer schmeckt der Kaffee - die Gesellschaft hält den Mund und benimmt sich gefälligst. Es kommt auf Feinheiten an. Alle und alles der Reihe nach. Dem Transport gänzlich ausgeliefert, abhängig von der Dichte des Verkehrs und dem Geschick des düsteren Mannes am Lenkrad - einem riesenhaftem Steuer wie sonst bloß auf Schiffen ... sehnt sich der Fahrgast dem Ausstieg entgegen und grüßt brav beim Gehen. Am Haltepunkt stehen die Hoffenden in demütiger Reihe - so sollte es zumindest sein. Busfahrer leben ihren Beruf wie eine Bürde - Humor kommt schlicht zu kurz. Raunende PS legen sich in viel zu enge Kurven - es ist still im Saal der hundert Sitze. 

Herr Hoffmann macht das jetzt schon seit fünfunddreißig Jahren und kennt die Strecke wie einen steten, immer wiederkehrenden Traum. Er ist zu allen Mitfahrern sehr lieb und ausgesprochen höflich. Die bräunliche Haut seines Gesichtes ist gegerbt wie bei einem Seemann und lässt ein mildes Erscheinungsbild zu. Hin und wieder bekommt er sogar kleine Präsente überreicht: Hausmacher-Knackwürste, Schnapspralinen, Zigaretten oder Kunstblumen für sein Cockpit. In den Dörfern seiner Route öffnet man ihm im Notfall sogar die Haustür für ein spontanes unaufhaltsames Scheißerchen. Freundlichkeit zahlt sich eben auch aus. Dafür hält Herr Hoffmann auch mal kurzerhand zwischendurch, hilft alten Omis beim Einstieg oder winkt eine arme Seele von Mensch einfach kostenlos durch. So ist er nun mal. Eines bösen Tages war er dann nicht mehr da. An seiner Stelle raste nun die bärtige Kompromisslosigkeit persönlichen Fahrrekorden hinterher und ließ auf seiner Jagd nach Bestzeiten auch schon mal Wartende einfach stehen. Es wehte plötzlich ein ganz anderer Wind.

Samstag, 28. März 2026

ZUR LAGE.



Die Frau Schaffnerin raucht. Tippt mit ihrem rechten Zeigefinger die abgekühlte Asche von der gekrümmten Kippe. Vor exakt fünf Minuten hat sie einen teuflisch guten Energie-Drink hinuntergestürzt ... in der Hoffnung auf einen ganz speziellen morgendlichen Super-Rausch, welcher ihr die Müdigkeit aus dem spannungslosen Körper heraus bürstet. Vor ihr liegt eine lange Schicht mit viel Stehen, Gehen und Ausbalancieren. Die ziemlich heiß verlaufene Nacht mit ihrer neuen Bekanntschaft wird sich im Laufe des Tages noch rächen ... das spürt sie und drückt sich heimlich in eine Sitzreihe hinter mir. Keine Kontrolle.

Akne auf beiden Wangen! Vor dem Spiegel hat Melanie alles gegeben ... viel mit Puder und Rouge retuschiert. Sie könnte dennoch kotzen. Seit fünf Uhr in der Frühe, über eine Stunde hat sie sich im Bad betrachtet und herumgedoktert. Das Ergebnis kann sich nicht sehen lassen. Sie sieht jetzt aus wie eine verzweifelte junge Frau, welche jeden Morgen Unmengen an Zeit benötigt, um ihre unbesiegbare Akne oberflächlich zu bekämpfen. Die Leute werden sagen: “Sie hat es versucht”! Auf einer Litfaßsäule hängen aufklärende Plakate über Depression. Grafisch gut gemacht.

Das linke Beinchen der violett melierten Stadttaube ist deformiert. Mit dieser leichten Behinderung gehört sie zur breiten Masse ihrer Art - zu dieser Zeit in jener Straße. Gluckernd und drucksend verkehrt das kleine Lebewesen zwischen bröselndem Bordstein und einem umgestürzten Abfallbehälter. Aufmerksam und unruhig zugleich verschieben sich ihre kleinen Pupillen sekündlich in jede erdenkliche Blickrichtung. Die Planungen für den heutigen Morgen sind klar: Fressen, Kacken und Turteln. Ständig Menschen ausweichen und vor dem erbarmungslosen Jagdtrieb der Kleinkinder flüchten. Das hält sie fit.

Langsam schreitet der Bauer Karl-Heinz Frick über das 1000 Hektar große Maisfeld und bastelt zumindest gedanklich an seiner Zukunftsmusik. Im rechten Wangen-Sack klemmt am hintersten Zahn noch ein winziger Rest von Mutters Gulasch. Er müht sich bereits seit knapp einer Stunde mit dem Pulen per Zungenspitze. Nervosität macht sich breit. Mehr als die Hälfte seiner Ernte ist verloren und ihm schwinden bei diesem kläglichen Anblick fast die Sinne. Sein Deodorant mengt sich mehr und mehr mit Angstschweiß.

Prall und saftig wiegt sich der Kornapfel "Mike" (so könnte man ihn nennen) im zärtlichen Hauch südlicher Winde. Fast täglich kümmerte sich die Sonne um das Wohlergehen seiner vitaminreichen Majestät “Mike dem Ersten und Letzten”. Aus luftiger Höhe erwartet nun das rundliche Ding sein ganz persönliches Finale ... den Absturz oder das Pflücken ... Wespenplage oder Apfelmus, Most versus Kuchen. Es ist egal. Er hat seine Zeit gehabt und überwiegend klug genutzt. Gott hat alle Äpfel lieb. Eine knappe Woche später langt der 10jährige Quentin F. mit dreckigen Fingernägeln nach der kleinen Köstlichkeit und wirft sie querfeldein über einen schmalen Teich hinweg.


Sonntag, 22. März 2026

DER BÖSE WOLF.



Im dunkelsten tiefstem Dickicht zwischen meterhohen Nesseln, Disteln, Schlingen und spitzen Dornen, hängt der böse Wolf fest. Seine Augen sind müde und trüb wie ein starrer, verwachsener Teich, das Fell strähnig, verklumpt, zerzaust. Schlaff hängt der Wirbel - und das wenige Fleisch auf seinen Rippen lässt dieses ursprünglich wilde Tier erbärmlich erscheinen. Aus seinem Maul ist kein Heulen mehr zu vernehmen, keinerlei Klagen oder Aufruhr. Nichts an ihm scheint wehrhaft und die klamme Luft in diesem Dunkel riecht nach fauler, modriger Erde.

Es ist ein schaler Sonntagmorgen, grelles Licht flankiert aufsteigenden Nebel und die erste Herbstkälte lässt das Ungetüm zittern. Die Bäume stehen stramm und gehorsam wie unerbittliche Wachen, gekleidet in dunklem Grün welches fast ins Schwarz übergeht. Unter morschen Hölzern bewegen sich hunderte Asseln, kleines von der Welt völlig ignoriertes Getier ohne Bedeutung.

Das Leben ein zerbrochenes Lineal, gebraucht und in gewisser Weise unnütz. Keinerlei Laut dringt hinein in diese Düsternis - geschweige denn aus ihr heraus. Der böse Wolf schaut mühsam auf und sucht den Himmel ... allein kein Blau touchiert seine Pupillen! Nichts als dumpfe, triste Tiefe!
Was hat Gott vor? Worin liegt seine Hoffnung, seine Gnade? Auf welchem Weg führt die Einsamkeit ins Licht?
Das Tier hat etwas auf dem Kerbholz, so viel steht fest. Nicht umsonst ist's der BÖSE Wolf. Aber spielt das eine Rolle? Vielleicht. Weil Strafe sein muss. Schließlich hat Gott auch bestraft - wie soll sich wohl sonst auch das Gute schützen lassen ...
Der Aussätzige kämpft mit sich. Sonst keinerlei Regung zeigend, tobt ein Sturm durch seinen Kopf und wirbelt die Gedanken umher. Die missliche Lage scheint aussichtslos: Von aller Welt verlassen, badend im Selbstmitleid und sich wälzend mit der Schuld.

Die Fragen dieser Tage stehen uns ebenso bis zum Hals. Was ist richtig und was falsch. Wer meint es ehrlich mit uns, mit mir? Wieviel Leid steht der Liebe weiterhin im Weg? Ist der Himmel tatsächlich noch unberührt vom menschlichen Filz? Wie viele Heldentaten braucht es bis ins Ziel? Sind unsere Bewegungen dem Leben noch nützlich oder nur Diener einer bezweckten Zuversicht? Glauben wir all das, was wir unseren Kindern erzählen oder wollen wir nur ihre Unbedarftheit behüten?

Es gibt keine Antworten die uns vollumfänglich bedienen, schon gar nicht auf Bestellung zur richtigen Zeit und am richtigen Ort. Die Fehlerketten innerhalb unseres Daseins reißen nicht ab und knebeln unseren Laut, so wie es dem Wolf die Stimme verschlägt. Alles was uns tatsächlich bleibt ist die Besinnung, die Einkehr und Konzentration auf das wirklich Unmittelbare! Die paar Jahre vor uns, die unendlichen Jahrhunderte nach uns: Wir sind nichts, schließlich wohl sogar weniger als das kleinste Sandkorn am Weg ... mit dieser Demut lässt es vielleicht wieder zu einer gleichmäßigen Atmung finden.

Und wenn er nicht gestorben ist, dann lebt der Wolf noch heute.

Donnerstag, 19. März 2026

DIE ASSISTENTIN.



Die Assistentin der Ärztin verunsichert mich. Sie redet mir viel zu viel und schließlich auch andauernd. Mein Warten auf die Behandlung wird dadurch zur Geduldsprobe. Ihr halbes Leben liegt vollkommen entblößt vor mir - die hektische Kindheit, eine vereitelte Jugend und stringente Studienjahre. Details ungeahnten Ausmaßes zieren ausufernde Rückblenden. Unverlangt geschenktes Vertrauen schmiegt sich an mich heran, schnürt und gurtet, zwängt und zwingt mich zur Kapitulation. Jede Pore meines Körpers signalisiert Überforderung, Not und Abwehrhaltung. Allein die Assistentin der Ärztin sieht sich leider nicht als Empfängerin dieser stummen Schreie. Mir bleibt nur der flüchtige Blick entlang des glänzend gebohnerten Korridors. Neonlicht spiegelt sich aufreizend auf dem Linoleum. Stumme Punkte zieren das kalte Grau.
Zu allem Überfluss überschüttet sie mich aus dem Nichts mit Fragen ... wie ich die Situation in den Amerika beurteile, wann der letzte Dauerfrost gewesen sein mag, auf was ich allergisch reagiere, welche Blumen auf meinem Beet wachsen, ob die Inflation andauern werde oder ob ich Angst vor einem nahenden Krieg habe. Wie gelähmt überlasse ich ihr selbst die Antworten. Darauf zielte es wohl auch ab. Manche Menschen stellen Fragen und bieten im gleichen Atemzug ihre Hilfe bei der Beantwortung an. Genau so eine war sie. Blond gelockt. Mit leichtem Silberblick hinter massiven Brillengläsern. Sehr breiter Hintern in einer viel zu engen weißen Stoffhose. Dazu weiße Ringelsöckchen über den sehr kleinen Füßen. Medizinische Sandaletten. Über dem rechten Ende ihrer Lippen erhob sich ein durchsichtige rosafarbene Warze. Zwischen beiden vorderen Schneidezähnen klaffte mittig ein breiter Durchlass. Während meiner Beobachtungen durchfloss mich ein leichter Rausch. Es schien so, als vermengten sich hunderte Worte zu einem wässrigem Wirbel. Müdigkeit stieg in mir auf. Matt und schlaff rutsche ich auf meinem Stuhl in mich zusammen. Ein kleiner feiner Faden von durchsichtigem Speichel suchte sich den Weg aus meinem halb geöffnetem Mund. Beim ersten Einschlafen kippte ich wie in Zeitlupe ab und landete auf dem bereits beschriebenem Boden des Flures. Ein kleiner feiner Traum erhob sich aus einer dunklen Senke und schenkte mir einen lang ersehnten Frieden.


Dienstag, 17. März 2026

SCHWERE. TOTAL.



Tod - Trauer - Totale Schwere - Um dem Verlust irgendeinen Ausdruck oder Ausgleich anzubieten, eine Art Kompensation ... müsste ich mich in einzelne Stücke reißen, schwer verletzen oder massiv betäuben ... äquivalent DEN Ausgang finden, um der Unfassbarkeit des Schicksals in irgendeiner Form befriedigend begegnen zu können. Aber: Das Leben zwängt sich in die dunkelsten Ecken meines Inneren, verhindert den endlosen Sturz in tiefe, fette, zähe Schwärze. Das fordert mein schlechtes Gewissen heraus, kolportiert angemessenes Verhalten, torpediert eine gewünschte Verarbeitung ... Glaube verflüchtigt sich ... nur um sich ein ums andere mal wieder unaufgefordert aufzudrängen. Beide Schultern hängen. Von der anderen Straßenseite ruft einer was rüber ... "Kopf hoch!" - und was zunächst billig wie abgedroschen klingen mag ... es reicht für die nächsten zehn Schritte um nichts ins Stolpern zu kommen. 

Freitag, 13. März 2026

JUNGE JUNGE. DAS INTERVIEW!



Sechsundzwanzigste Grundschule, ein alter verkommener Plattenbau ... von der sozialdemokratischen Kommunalpolitik bislang ganz vergessen. Dort geht der schweigsame, zurückhaltende Handstand-Junge in die vierte Klasse. Bis auf die einzelnen Unterrichtsstunden bewegt sich Roland ausschließlich auf seinen bloßen Händen durch die hundertfach gebohnerten Gänge ...

Roland ... gleich meine erste Frage: Warum machst du das denn?

Ich kann es halt.

Hm. Das ist toll, beeindruckt mich ... Aber warum bewegst du dich nicht wie die anderen Kinder vorwärts?

Kann ich genau so fragen: wieso bewegen sich die anderen nicht wie ich ...

Vielleicht weil die Beine und Füße dafür vorgesehen sind? Und der Kopf nicht ständig derart durchblutet werden sollte?

Wo steht das denn geschrieben?

Keine Ahnung. Aber war das in der Geschichte der Menschheit nicht schon immer so?

Muss es deshalb richtig und gut sein? Kriege gab es auch schon immer ...

Du bist verdammt schlagfertig! Wann hast du denn mit dieser Form der Fortbewegung angefangen?

Meine Eltern, beide selbst Artisten, haben mir das mit zwei Jahren beigebracht. Seitdem ...

Mir fehlt noch immer eine gute Antwort auf das Warum ...

Vielleicht weil man mich dafür bewundert. Man zeigt Respekt.

Aber es gibt doch sicher auch Kinder und Erwachsene die darüber lachen und dich für bescheuert halten?

Mehr als genug. Oftmals folgt der Bewunderung offen gezeigter Neid - danach wird es immer hämisch. Das kümmert mich aber nicht. Noch nie.

Ganz sicher?

Ja, weil ich gar nicht mehr anders kann als so zu laufen. Auf Händen eben. Daran kann ich nichts mehr ändern. Ein Mann mit einem Bein wird auch als Krüppel belächelt ... es gibt Boxernasen, schielende Augen. Jeder muss und kann damit zurechtkommen und leben.

Da hast du Recht! Was willst du denn mal später werden?

Theoretisch könnte ich ja im Zirkus auftreten und mich dort auf den Beinen halten! (Lacht)
Nein, im Ernst ... Astronaut ist mein Ziel. Im All fragt keiner nach der Gravitation ... es gibt kein Richtig und Falsch im Umgang mit der Körperhaltung. Frei zu schweben, die ganze Zeit ... das muss schön sein.

Vielen Dank für dieses Interview!

Dienstag, 10. März 2026

HOPPE HOPPE REITER.



Die folgende Geschichte ist rasend schnell erzählt. Eine recht junge Reiterin beritt mit ihrem noch unerfahrenen Hengst (Rasse American Quarter Horse) eine dieser schmalen einspurigen Brücken, welche über Autobahnen führen und einen öden Landstrich mit dem anderen verbinden. Aufgrund eines leicht einsetzenden Nieselregens, trug der ebenfalls die Brücke betretende Ingo F. einen Regenschirm mit automatischer Öffnungsfunktion (A.200 Duomatic-Kompakt) bei sich. Den ließ er just in dem Moment aus sich heraus schnellen, als er auf gleicher Höhe mit Hengst und Reiterin war. Das erschrockene Tier geriet in eine sofortige wie explosive Panik - scheute, bäumte sich auf und sprang schließlich mitsamt der Reiterin über das stählerne Geländer gut fünf Meter (lichte Höhe von Autobahnbrücken mindestens 4,50 Meter Standard Durchfahrtshöhe) in die Tiefe. Pferd und Reiterin wurden noch kurz vor ihrem Aufprall auf dem regennassen Asphalt von einem IVECO-Schwerlasttransporter (Modell Stralis 440 S 56 TZP) erfasst und fuhren glücklicherweise nur leicht verletzt mit Fernfahrer Uwe B. bis zur Raststätte AM BRUCH.

Samstag, 7. März 2026

EINFACHES LEBEN.



Die Zahncreme ist extra „Fresh“ und „Mint“ und gegen „Verfärbungen“ und für den Erhalt von „Zahnschmelz“ und überhaupt mit Glitzer, Glanz und Gloria beworben. Beim Scheuern der letzten verbliebenen Zähne sowie dem noch immer eitlem Blick in einen Spiegel voller Wasserflecken, schätzt sich der Mann wieder mindestens zehn Jahre jünger. Ganz klar. Er sucht nach scheinbar verwegenen Tätigkeiten oder zumindest einer Beschäftigung, welche sich in seinem Ur-Charakter wohlig und leicht herbes Gefühl wiederfinden lassen kann: Holz spalten mit freiem Oberkörper, die Küchenmesser von Hand nachschleifen, zwei Kilo BBQ-Rippchen auf den Grill flanschen, alte Schallplatten waschen, am Motor des Wagens herum fingern oder eine frostige Nacht im Freien verbringen. Irgend so ein Zeug, so eine Melange aus Härte, Schmutz, Produktivität und Schmerz.

Der handgemahlene Kaffee puscht den Mann und ein fast zu kalter Morgen bekommt etwas Uriges wie Greifbares. Die üppigen Brusthaare kräuseln sich in ihrer weißlichen Pracht und die kleinen festen Warzen recken ihre Köpfchen um überhaupt noch irgendwas sehen zu können. Ihm schießt der Baumarkt durch den Kopf ... kurz danach eine teure Zigarre und alsbald hart getrocknetes Brot mit einem ordentlich Stück Butter. Er will sich spüren, sich verändern und vor allem möchte er wahrgenommen werden! Der Mann prüft seinen Gang und fuchtelt mit den Armen ... ahmt einen Karate-Kämpfer nach oder tänzelt kurz darauf wie ein glamouröser Transvestit. Er möchte eben plötzlich alles können und erlernen - in einem Alter wo er beginnt zu vergessen und sich ständig irgendwo stößt. Ihn befällt Melancholie, Sentimentalität und Wehmut - und was es noch alles für Begriffe gibt für eine Ziellinie in Sichtweite.

Auf dem Pulli kleben ölige Reste und in der Pfanne zischen die Blasen aus einem Spiegelei heraus. Im Nachrichtensender verquirlen sie Stunde um Stunde den Tod, das Leid, Wetterbericht und die Tipps fürs Wochenende. Er zieht sich das rein und schwankt zwischen abgeklärter Kühle und dem fast schon vollständig ausgefülltem Spendenscheck. Er ist doch auch nur ein Mensch.
Es juckt ihm ordentlich am Nacken und mit dem Rührlöffel schabt er den nervigen Reiz weg. Aus der ausgebeulten Jogginghose entweicht ihm ein lang angehaltener Furz und lockt ihm ein fast stolzes Raunen aus dem Mund. Die Visionen des Mannes sind ein klappriges Gebilde und noch in der Badewanne beginnt er wieder mit der Sauferei. Nichts mehr mit extra „Fresh“ ... und beim Abtauchen in die nasse Hitze spürt er seine Leichtigkeit in Schwere übergehen.

Donnerstag, 5. März 2026

PETERS MONOLOG.



„Mit zwei gut geschliffenen Gabeln könnte ich mir die Augäpfel zerkratzen ... so juckt es mich ... die Haselnussblüte ... verdammt sei Jesus Christus und Maria Stuart mitsamt Josef und seinen Kumpanen!“ Peter träufelte sich schwer atmend die Azelastinhydrochlorid-Lösung in seine ausufernden Tränensäcke und schmierte danach den klaren Nasenschleim mit seinem behaarten Handrücken einmal quer über die linke Gesichtshälfte.
„Können wir noch einmal über alles reden?“ fragte er mit Nachdruck und in einer krächzenden Tonlage, fingerte dabei an einer Selbstgedrehten herum. „Die ganze Situation um Birgit, Tina und Steffi ist ein einziges großes Missverständnis und das kann ich wie eins plus zwei ist gleich drei erklären ... die Liebe hält sich doch nicht an Drehbücher oder ein moralisches Gebot. Die Liebe ist wie ein tollwütiger Hengst der in unendlicher Freiheit nach der Linderung für seine Schmerzen sucht!“ Peters Augen waren von hellrosa bis blutrot unterlaufen und vereinzelt rann das Tränenwasser an den Seiten herunter. Das der Frühling kommen würde war ja schließlich klar - und er kam mit Pollen und Raketen. Wie bei einem Staffellauf würden sich die Jahreszeiten und Kriege aneinander ketten ... wie normal das geworden ist seit hunderten von Jahren.

Peters Monolog: „Vor meinen Augen ist nur verschwommenes Schilf ... das bewegt sich zu allem Unglück hin und her ... bereitet mir Schwindel und Kopfschmerz ... und mein Herz das bummert und wummert ganz laut ... möchte sich einen Ausgang suchen ... meine Brust hebt sich massiv ... als würde augenblicklich alles zerspringen. Überall Schilf! Soweit das Auge reicht! Undurchdringlichkeit, messerscharfe Halme, ohrenbetäubendes Rascheln der steifen Blätter ... und alles mit Unschärfe belegt ... wie sich alles zur einen Seite neigt und kurz darauf zur anderen. Verheddert, verlaufen und verloren inmitten der robusten Pflanzen ... ein Herz am falschen Fleck und in aller größter Not!“

Mitten im März liegt wenig Raum für eine gute Idee. Während dem armen Peter der Schädel zu zerplatzen scheint, bauen die ersten Ameisen fast gleichgültig an ihren neuen Domizilen. Überhaupt scheint das Mütterchen Natur zu alledem nur feixend die Schultern zucken. Blasse Farben im grellen blauem Licht, kalter Wind im Wetteifer mit den ersten wärmenden Strahlen der Sonne. Ein langer Anlauf scheint vonnöten um all der Ungemütlichkeit zu entfliehen. Die wippenden Blüten der Haselnuss hängen wie unschuldig herum ... Peter hasst sie jedes Jahr aufs Neue und träumt von einem Gemetzel mit Säge und Beil ... alles muss entfernt und entsorgt werden. Er wisse ja auch nicht weiter und niemand hat die Haselnussbäume um diese Störungen gebeten.

„Komm, wir gehen zum Strand“ sag ich, doch Peter schüttelt nur müde den Kopf. Das sei doch nur ein Sehnsuchtsort, eine Illusion, der Trost für irgendeinen unerfüllten Wunsch. Am Strand käme nur Melancholie auf und die Menschen würden nach einem kurzen Gefühl des vollkommenen Glücks nur umso trauriger wieder abreisen. „Darauf lasse ich mich gar nicht erst ein - ich sage nur Birgit, Tina und Steffi! Immer das gleiche Prinzip. Da bin ich raus.“ Der Monat März bespringt die Menschheit ganz klar von hinten und drängt sich mehr als frech mit einer Vision auf. Mancher zieht daraus Kraft ... ein kurzer Schreck und alle Blicke sind der Zukunft zugewandt. Es entstehen zaghafte Frühlingsgefühle - andere entdecken darin Penetranz und eine unverhohlene Form von Qual. Als Zwischenstück benötigt es den März wie den November. Und es braucht die Liebe, die Klarheit und Deutlichkeit irgendeiner Hoffnung. Peter kann es nur leider gerade nicht erkennen. Wegen dem ganzen Schilf.