Donnerstag, 22. Oktober 2026

STARTENDE FASANE.



Nein, nein ... es ist nicht der immer selbe Weg den ich gehe - aber es sind immer die gleichen. Unverständlich bleibt es mir dann, wenn behäbig, hektisch und urplötzlich Fasane neben mir hochgehen und dabei sehr schrill mit den Flügeln flatschen. Dann erschrecke ich mich so furchtbar - denn dieses Federvieh wartet stets bis kurz vor Schluss mit seinem lauten Starten. Mein armes altes Herz schlägt dann wild um sich, die Atmung beschleunigt und ich bin in Sorge um mein gesundheitliches Fortkommen. Die liebe Natur (inklusive der Tierwelt) gibt sich stets überraschend und der Mensch wird dann oft zum wehrlosen Wurm.

Rechts und links bewegen sich die Felder ... wie gepinselt, betupft und durchgekämmt. Es ist doch ein herrlicher Herbst wieder. Die Nesseln strecken ihre Waffen und schrumpeln zu zahnlosen Statisten - dienen den bereits beschriebenen Fasanen gerade noch so als halbes Versteck. Auf mich wirken Fasane etwas dämlich. Sie hocken hinter den Halmen bis eine etwaige Gefahr sich ganz nah herangeschlichen hat ... erst dann gehts in einem flachen Winkel und mit eher mühseliger Beschleunigung in irgendeine ungeplante Himmelsrichtung. Dazu brüllen sie ganz aufgeregt ... so was wie: „O Gott o Gott o Gott!“ und setzen knapp einhundert Meter weiter auch schon wieder auf. Sie erinnern mich an diese riesigen wie schwerfälligen Transportflugzeuge vom Militär. Dumm.

Peter findet diese Zeilen banal ... er nennt sie „profan“ und knirscht mit dem bröckligem Karies seines linken Backenzahn. Eine geradezu langweilige Beobachtung ohne Substanziellem. Er möchte am liebsten, das aus dem Kaliber 22 eine Kugel entweicht und sich flugs auf den Weg macht zu irgendeinem unerträglichen Opfer. Einem das es verdient hat. Ein Arschloch das alte Autoreifen in der Pampa ablädt ... solche Geschichten möchte Peter hören. Da ist was im Unreinen, im Argen ... und das gehört bereinigt, erledigt und maßvoll gerächt. Aber dümmliche Fasane am Wegesrand? Sinnloses Geschreibsel!

Die welken Wiesen am Wegesrand halten mir ein Bett bereit. Peter nervt. Müde bin ich jetzt. Über mir fliegen die Wolken wichtigtuerisch durch die Kante ... vom aufkommenden Sturm zerfleddert und halb aufgelöst einer Erinnerung hinterher. Peter hatte furchtbaren Mundgeruch ... ein regelrechter Gestank entwich seinem selbstgefälligen Maul. Für heute genug Peter, genug Richtungswechsel und Launen. Wenn Peter stinkt, dann ist er mies drauf. Hier an den abgeernteten Feldern gehe ich in die Einsamkeit und Leere über ... werde selbst zu einer unbedeutenden Erscheinung ... einem Wesen ohne irgendwelche Fähigkeiten. So siele ich mich herum und walze mit meinem ganzen Körper alles platt. Drehe mich, kugele herum und schlage einen Purzelbaum. Dabei verzerre ich mir mörderisch den alten instabilen Nacken. Ist das nicht furchtbar? Zu all dem Pech gesellt sich nun auch noch ein recht junger, gerade frisch ausgewachsener Fasan und baut sich breitbeinig über mir auf! Mit dem dünnen Lauf einer Kaliber 22 zielt er mir mitten zwischen die Augenbrauen und raunt hasserfüllt ein altes Wiegenlied.

Peter applaudiert jetzt doch.

Montag, 19. Oktober 2026

DAS DAS DIE WELT.



Überall Wasserflaschen. Kaum zu Ende gerauchte Zigaretten - von halb garen Gedanken ganz zu schweigen. Getrommel von allem Möglichen. Sendepause für dein Schweigen zwischen Testbild und einem frühlingshaften Roman. Über der Stadt stürzen Wolken auf sich ein. Gesammelte Kontraste erzeugen gestohlene Signale. Mir wird schwindlig unter den Love-Songs 1-16. Leben ist gleich Losglück oder Kacke wird zu Beton. In der Kartoffelsuppe schwimmt das schlechte Gewissen und im ausgehöhlten Gehirn wummert ein stupider Bass für unbesetzte Stühle. Meine Nachbarin zieht immer und immer wieder ihre Leggings unvorteilhaft bis über den Bauchnabel. Im Radio findet sich ein stummer Sprecher ein. Über der Tür steht LEER. Peter lernt Schnürsenkel zu binden. Der liebe Gott bedankt sich für das Trinkgeld auf dem Scheißhaus. Im Nebel des letzten Tages findet sich noch ein letzter Rest unsinniger Kummer. Im Free-Jazz-Keller stimmen alle die Nationalhymne an. Steffi Graf sein Bruder wird per Haftbefehl gesucht.

Mittwoch, 14. Oktober 2026

MOTORRAD-MANN



Mit reichlich einhundertdreißig Stundenkilometern sich in eine enge Linkskurve zu legen, ist an sich schon sportlich ... noch dazu, wenn diese feine Biegung einen derartigen Winkel bereit hält, dass die zuständige Behörde eine Begrenzung auf achtzig Kilometer je Stunde als absolutes Limit vorschreibt und dies mit einem entsprechenden Verkehrsschild auch sichtbar zum Ausdruck bringt. Jetzt war es jedenfalls für eine Korrektur zu spät und wer bremst verliert. So trug des den Motorrad-Mann aus der Bahn ... und während er sich von seinem schnellen Gefährt schweren Herzens trennen musste, segelte er auch schon in hohem Bogen durch die Lüfte. Flog und flog sich drehend und überschlagend über Felder und Flure, breitete die Arme aus und verlor sich in Gedanken. Hoch oben gedachte er der vorgestern erst abgeschlossenen Renten-Vorsorge ... was mit sicheren Aktien und wenig Risiko. Hoch oben erinnerte er sich ebenfalls an die Rechnungsmahnung für sein letztes Tattoo (ein Adler mit drei Köpfen) ... hoch oben fiel ihm auch plötzlich wieder ein, was er morgen noch im Baumarkt besorgen wollte ... Grundierung ... und zwei Pinsel!

Schließlich endet jede Reise und der Motorrad-Mann lag letzten Endes etwas verknautscht und verkrümmt neben einem Hügel aus frisch geernteten Zuckerrüben. Seine schwer demolierte Maschine tat es ihm nach - einhundert Meter abseitig und noch mit den Rädern geflissentlich ins Leere rollend. In etwa zwei Tagen würde ein hölzernes Kreuz die Kurve zieren, ein paar feuerrot flackernde Grabkerzen, das hübsche Bildnis eines viel zu früh von uns Gegangenen sowie neun lustig dreinschauende Kuscheltiere. Über den Bäumen zog frischer Wind hinweg und riss die ersten müden Blätter mit. Ein gewissenhafter Specht hämmerte auf eine tote Birke ein und suchte nach den schmackhaften Köstlichkeiten des Herbstes. Zwei Traktoren lieferten sich über einem schlammigen Acker ein kleines Wettrennen und bliesen stechenden Diesel in einen Moment voller absurder Normalität. Der Tag wird zu Ende gehen und letztlich am nächsten Morgen auch wiederkommen. Ein kleiner Junge läuft dann mit seinem Einkaufsnetz zum Bäcker und sammelt Speichel in seinem Mund. Die namenlosen Katzen der Stadt belecken sich die Pfoten und schauen sich prüfend um. Irgendwo am Himmel verliert sich die Feldlerche zwitschernd im riesenhaften Nichts.