Warum Westberlin?
Es ist pure Melancholie und Dankbarkeit, dort seit 1989 endlich frei herumlaufen zu dürfen. Dieses blanchierte Gefühl ist nie aus mir gewichen. Es ist die größte Liebe noch dazu auch auf den allerersten Blick - mit all ihren knalligen Farben, unterschiedlichsten Gerüchen, massiven Geräuschen und bunten Geschmäckern. Mit allen süßen und bitteren Noten des Lebens. West-Berlin war für einen 17-jährigen wie eine Falle im positiven Sinne. Mich zog es gleichermaßen nach Charlottenburg, Kreuzberg, Neukölln, Wannsee oder Wedding ... es gab so viel aus einer anderen Welt zu entdecken! Jede Haltestelle ein Eingang zum großen Zirkus ... immer in ein anderes Universum hinein. In mir waren bis dahin nur Texte, Postkartenbilder und Erzählungen ... der Kinofilm zum Musical „Linie 1“, die Berichte von David Bowie, die Songs „Berlin“ von IDEAL oder „Kebapträume“ von DAF, alte Bücher über das KADEWE, freies Denken in Bezug auf Kunst und Kultur, RIAS Berlin ... Süßigkeiten, Kassetten und Levi’s Jeans! Zur ewigen Träumerei verdammt!
Das große wie friedliche Wunder von 1989 entließ mich plötzlich und unerwartet in dieses Gewühl aus explosiven Gefühlen ... der Gestank am Bahnhof Zoo, die Kneipen "Holst am Zoo", das Schielen auf Beate Uhse und Knabbern an ummantelter Lakritze. Mit der Linie 1 fuhr ich auf und ab ... genoss die ausufernde Vielfalt, den ersten türkischen Mokka und das Billy Idol - Tape. Meine Nase tastet sich noch heute durch den ganz speziellen Duft aus Untergrundbahnen, Drehspießen und Seife. Die ersten coolen Freunde (damals noch Punks), die ersten Konzerte im SO36, der SNICKERS-Riegel alle paar Stunden ... West-Berlin hielt mich im Klammergriff!
Jahrzehnte später widme ich eine kleine Fotoserie den Orten meiner fast noch kindlich/jugendlich verklärten Ewig-Liebe ... und verstehen Sie mich bitte nicht falsch: nur ein geeintes Berlin ermöglichte mir erst diesen Zugang! Aber das Gefühl zu West-Berlin wird immer speziell bleiben ... schön wenn ich die AVUS-Tribüne nur erblicke, das ICC, den Funkturm und die Gedächtniskirche. Sie erschienen mir einst wie eine Fata-Morgana ... und so ist diese kleine Serie vielleicht auch ein kleiner Appell an alle Gestrigen: Es ist ein Segen das diese Stadt so grenzenlos vor sich hin wummert ... und es gibt neben viel Elend, Kummer und Gestank nach wie vor extrem belebende Inspirationen und hoffnungsgebende Menschen!

