Samstag, 22. August 2026

NERVOSITÄT.



Es ist nie zu spät - für Nervosität.
Wenn etwas geht - dann Nervosität.

Der rabenschwarze Kaffee ergießt sich, dem fallenden Wasser gleich, in einen sperrangelweit aufgerissenem Mund. Das große Zittern ist im Begriff den Körper zu rütteln. Glühend bahnt sich das tiefe Schwarz durch den gierigen Leib und verfängt sich mit seinem hoch erhitzten Koffein in den Verzweigungen von Peters Blutbahn. Peter wird unruhig, zappelt und bekommt einen kirren Blick. Während mehrerer Dekaden mächtigen Geredes, verspricht sich der Gute immer und immer wieder. Vor allem aber tauscht er wahllos zusammengesetzte Substantive ... aus Liebeskummer wird Kummerliebe, Friseursalon ist plötzlich der Salonfriseur und Bierdurst verwandelt sich zu einem Durstbier. Auf dem alten Stuhl kippelnd, an den Fingerkuppen knaupelnd, ständig durch die Haare fahrend und immer wieder nach plötzlich vergessenen Wörtern suchend - gelingt dem Peter schließlich nur noch ein rasend schneller Herzschlag. Das pulsierende Organ unter seiner Brust versucht sich an Interventionen, reagiert längst nicht mehr gelassen und pumpt wie unter Hochdruck das rötliche Lebensgewässer in alle möglichen Richtungen.

Dem Peter lief schon als kleines Kind die ganze Nässe im Mund zusammen, wenn in der geräumigen Küche der stets verehrten Großmutter die Nebelschwaden von frisch gebrühtem Mokka hingen. Bereits mit zwei kleinen Jahren durfte er an den winzigen Tässchen nippen und keine paar Monate später auch bauchige Pötte in sich hinein schütten. Danach sprang und rannte das Peterchen wie von der Tarantel gestochen durch das uralte Haus, prallte mal hie und da gegen dunkle Kommoden und Biedermeier-Sofas, ließ böhmische Gläser fallen oder stieß sich den verwirrten Kopf. So ging das Tag für Tag, Woche für Woche und Jahr um Jahr. Heute belegen gelbe Schatten die restlichen Zähne - und die Zunge des Bohnen-Junkies gleicht einem rissigen Lappen. Eine Hausärztin nach der anderen sprach Gebote und Verbote aus - allein der gute Peter hängt am Arabica-Stöffchen und kann einfach nicht von lassen. Dabei gedenkt er andächtig seiner über alles geliebten Großmutter und schenkt gern nochmal unter Zuckungen nach. Seine Schläfen werden zu winzigen Kabeln mit Strom und sein armes kleines Herz weiß gar nicht mehr wo es noch hin soll. Ungeduldig mahlt die Sucht von Hand, das Näschen schnuppert bereits aufgeregt und die Spucke suppt aus beiden Mundwinkeln.

Es ist nie zu spät - für Nervosität.
Wenn etwas geht - dann Nervosität.

Durch seinen Kopf zieht ein Raunen.

Samstag, 15. August 2026

SPLITTERFASERNACKT.



(So weit ich mich erinnerte:)

... dann fiel ich vom Stuhl herunter und brach mir arg die rechte Hüfte. „Aua-aua-aua ...“ jammerte ich lauthals, rief um Hilfe und versuchte gar nicht erst von selbst wieder auf die Beine zu kommen. Da lag ich nun unbeweglich herum und besprach mich mit dem Schmerz. Was wollte er von mir? Welches Signal ging von ihm aus? Wehklagend erinnerte ich mich meiner zusätzlichen Einsamkeit. Das Telefon außer Reichweite und die Nachbarschaft verborgen hinter stummen Straßen und Wänden. Neben den brennenden Stichen im Körper, beunruhigte mich noch ein weiterer Umstand: die Hitze und das fehlende Wasser in einer greifbaren Nähe. Da begann ich zu heulen: „Aua-aua-aua ...“ und dies konnte ich auch ohne eine Scham geschehen lassen. Mitten hinein in meine Gewinsel hörte ich plötzlich eine fast schon gnädig wie beruhigend klingende Stimme: „Hallo Ursula! Gott sagt Dir jetzt etwas. Bietet Dir etwas an. Du hast die Wahl: Entweder riskierst du weitere Stunden der unendlichen Quälereien ohne das dich außer mir jemand erhört - oder ich nehme dich auf der Stelle und so wie du bist in mein Himmelreich auf. Da ich keine Zeit habe, bitte ich dich, Ursula, um eine sehr schnelle Entscheidung!"

Die alte Frau, also ich, überlegte überhaupt nicht lange. Egal wie die verstaubte Wohnung noch aussah, egal das die Bettpfanne noch mächtig gefüllt unter dem eichenen Bett stand und der Abwasch sich in der Küche auftürmte. Ich bat Gott um seine herrliche Gnade und fuhr direkt mit ihm und rasend schnell in den Himmel auf. Während des Fluges fielen mir alle Kleider vom Leib und ich veränderte mein Aussehen wieder zu einer jungen ansehnlichen Frau hin. Splitterfasernackt stand ich mit dem lieben lieben Gott vor dem Tor zu einer unendlich scheinenden Wiese. Mir ging das kleine Herz auf und ich konnte nicht glauben was mir plötzlich Gutes geschah. Hatte also doch meine geliebte Mutter an meiner Wiege immer recht behalten. ("Lieber Gott, mach mich Fromm, das ich in den Himmel komm!") Da war ich nun und Gott segnete mich mit preisenden Worten. Unter uns die Welt ... so klein wie eine hübsch eingerichtete Puppenstube. Bald darauf schlief ich friedlich ein. Für immer. Und ewig.