Samstag, 4. Juli 2026

GNADE



Nur noch ein paar kleinlich abgezählte Jahre ... nur noch den einen oder anderen zaghaften Frühling ... nur noch etwas von der großartigen Liebe welche mich so glücklich macht ... nur etwas erlösender Starkregen ... nur noch ein wenig friedlichen Schlafes ... nur noch dieses eine unerwartete Wiedersehen ... nur noch etwas auf die große Erlösung hoffen ... nur noch die letzten Gedanken an den guten Glauben verschenken!

Wir hocken dicht an dicht in der kühlen Kirche und zwischen all dem aufgeregtem Gemurmel ist auch Räuspern und Unverschämtes zu vernehmen. Mitten im satten Leben, da wo sich die grellen Farben quietschend durch laute Straßen drängen und der berstende Geruch von Fett und Sperma alles matt belegt - dort soll Platz für Jesus sein? Oberflächlich starrt der Mensch am Licht vorbei, wenig Demut, wenig Andacht und noch viel weniger Liebe. Die Hauptsache versickert im eigenen Glück.
Der Pfarrer predigt. Er findet die Worte. Schließlich fasst er alles zusammen. Amen bedeutet Tatsache. Alle schmunzeln in ihrem eigenen Saft.

Es bleibt nicht mehr viel Zeit. Dem einen oder anderen ereilt das Schicksal demnächst und unangekündigt. Die Autobahnen und Krankenhäuser sind voll von derartigen Querschlägern des Lebens ... im Verborgenen siecht das abgedunkelte Leid vor sich hin ... kein überdimensionales Kreuz auf einem gut sichtbaren Berg. O du fröhliche, gnadenbringende Weihnachtszeit! Alles singt voller Inbrunst und das ist wirklich jedes Jahr so. Immer und immer wieder ... Nur noch dieses eine gemütliche Fest ... nur noch einmal die verwegenen Wildgänse gen Süden ziehen lassen ... nur einmal noch am brausenden Meer ... nur noch hinter dem einen, rundem Geburtstag her jagen ... nur ein ordentliches Besäufnis noch ... mit Vollgas ins blitzende Radar und wirklich nur noch einmal alles um mich herum völlig vergessen können!

Die Gnade sei mit mir.

Donnerstag, 2. Juli 2026

DAS LICHT



Die Sonne strahlt dem Krieger ins Gesicht ...um, dort einmal angekommen, für den Rest des Morgens haften zu bleiben. Mit dem ganzen, vollem Rücken lehnt der Hüne an der knorrigen Rinde einer uralten Kastanie und starrt entgeistert auf eine weit auseinander klaffende Wunde am rechten Unterschenkel. Der rasende Schmerz barst ihm fast den Schädel, so sehr, dass ihm der eigene Schrei die Luft schnürte ... so, fast kirre und halb betäubt misslingt ihm klares Denken und das viele Weiß in seinen Augen verrät eine ohnmächtige Starre. Neben ihm im verdorrten Gras liegen Streitaxt und eine riesige Lanze, ein gebrochenes Schild sowie eine kleine, blutverschmierte Bibel. Im Wipfel des Baumes über ihm krakeelen kleine Vögel und stieben in regelmäßigem Abstand weit auseinander, drehen Kurven wie Kreise bis sie schließlich einträchtig zur Landung im Geäst ansetzen. Von all diesem Treiben, dem sanften Rascheln der welken Blätter, dem zarten Hauch des wärmenden Windes bekommt unser tapferer Mann nichts mit.

In einem immer gleichen, feinem Strom sickert das Rot seines Lebens aus dem verletztem Fleisch und tränkt die Muttererde unter ihm. Als zöge es ihn Stück für Stück in Gottes ewige Gnade, als ginge sein müde gewordener Leib einfach so langsam hinüber ... Jeder Gedanke verweigert eine Auflehnung gegen das Schicksal.
Schlaff und matt sackt der Korpus in sich zusammen.
Das Licht der Sonne mengt sich mit der aufkommenden Ewigkeit.
Vorher - da war das Schlachten. Der Kampf ums Land, gegen Verrat und Verderben. Ein einziges Hauen, Stechen ... ein Meer aus Hieben und Gebrüll. Er hatte sich vergessen ... seine Kindheit, die Gerüche, jede Melodie und Harmonie. Mutter, Vater, Haus und Hof - überhaupt die Sinnlichkeit des Lebendigen. Dafür kochte heißer Teer unter seinem glänzenden Helm, dafür zitterten ihm die Arme bei jedem Schlag und in einer unerklärlichen Gier tobten seine Waffen auf den Leibern seiner Gegner.

Jemand stützte seinen Kopf mit der flachen Hand. Er spürte es. Vorsichtig nahm sie das Gewicht von Hals und Schultern. Immer leichter wurde es ihm, immer mehr ging der Druck in ein Schweben über. Aus der Ferne rief eine Kinderstimme seinen Kosenamen ... mal leise, dann lauter ... ein Entfernen und Näherkommen im Wechsel mit den leichten Böen. Doch da war niemand. Keine Hand und kein Menschenkind. Dafür sog ihn die Erde an und seine Augenlider schlossen sich wie zum Schlafe. Ein winziger, klitzekleiner Seufzer verpuffte aus dem schmalen Spalt seiner trockenen Lippen ... jegliche Taubheit seiner Glieder ging in Schwerelosigkeit über ...

Ein mäßig gebauter Raubvogel landete neben der sterblichen Hülle und blickte scheel aus einem leicht angewinkelten Kopf ... aufmerksam ... jedoch ohne irgendeine Bedeutsamkeit. Die Schwingen in Bereitschaft, jegliche Bruchteile einer Sekunde zu nutzen um der Sonne entgegen streben zu können.