Sonntag, 31. Mai 2026

WISSEN SIE ...



Wann es endlich einmal wieder einen richtigen, urigen Winter gibt? Mit meterdick zugefrorenen Seen, polternd, krachend und reißend? Täglichem Neuschnee, knapp werdenden Waren des täglichen Bedarfs, Stromausfall, kollabierenden Räumfahrzeugen, Chaos, Unterrichtsausfall, Notbetreuung, Ausverkauf von Schlitten, Skiern, Schlittschuhen und Po-Rutschen ... Vielleicht muss es ja nicht gleich wieder wie 1976 sein, nicht ganz so überfallartig und brachial. Keiner soll schließlich zu Schaden kommen. Aber in den Fingerkuppen darf es brennen!

Wann Straßen und Autobahnen einmal wieder zurück gebaut werden? Dem verschlossenem Asphalt staubige Feldwege, zarte duftende Wiesen oder rauschende Linden folgen? Plötzlich und unverhofft neue Lebensräume entstehen für Rehe, Hirsche, Wildschweine, Vögel aller Art, Insekten, Luchse, Auerhähne und Füchse? Tausende von Kubikmetern Beton zerbersten und die liebe Erde an eben jener Stelle wieder befreit aufatmen kann? Das wäre wohl insgesamt eine Sensation. Eine Umkehr zur Besinnung.

Wann Gott sich erklärt, wie sich seine Barmherzigkeit, Allmacht und Gnade nachvollziehbar für das dümmliche Menschen-Kind bemerkbar macht? Ob noch in irgendeiner Form etwas Hoffnung für dieses Wirrwarr an Gefühlen bereit liegt und selbst ein kleines Kind verstehen kann, warum es denn nun so furchtbar sterben muss? Wann Glaube und Zweifel endlich aufhören, sich wie von Sinnen im Kreis zu drehen? Inwiefern Gott dauerhaft eine Zufluchtsstätte darstellt? Welche Bausteine für ein ganz normales Schicksal bereit liegen? Immerhin: Fragen wird man dürfen. Oder?

Wann der nächste Zug kommen wird? Schließlich läuft mir die Zeit davon ... Seit zwei Stunden verschenke ich Minute für Minute mein kleines Leben an diese endlose Warterei, dieses flehentliche Hoffen auf drei leuchtende Lichter aus einem stählernen Roß heraus. Trete vom linken auf den rechten Fuß, kralle meine Finger in den ausgebeulten, schwitzigen Taschen und erlaube mir sehnsüchtige Blicke zur Anzeigetafel. Wer hat mich hier vergessen? Wo bin ich? Alles was ich benötige ist ein kleiner Funken an Gewissheit. Eine Zuversicht allemal.

Wer der nächste Präsident von USA wird? Neben Donald gäbe es noch Dagobert, die drei neunmalklugen Neffen, die aufgedonnerte, arrogante Daisy oder schließlich drei glücklose Panzerknacker. Wer soll es machen? Retten die Neffen unsere Welt? Oder vertrauen wir endlich einmal der eigenen Courage? Im Kleinen etwas Großartiges tuen, das wäre doch die Lösung ... wenn, ja wenn alle mitmachen würden. Warum bin ich im Guten so schwach und im Bösen so leichtfüßig? Die USA weiß nicht auf alle Fragen dieser Zeit eine Antwort. Aber der Mississippi ist schon cool.

Zu guter Letzt: Wissen Sie, ob wir nicht doch alle miteinander träumen des Tags und in der Nacht einem ganz besonderem Leben nachgehen? Frage das nur, weil meine Nächte durchaus real daherkommen ... so bunt, einleuchtend, so vielfältig und verwirrend. Vor allem gibt es jede Menge unverhoffte Wiedersehen! Es gibt Gerüche und Geschmäcker, Laut und Leise ... Es sind immer gute Orte um glücklich, angespannt oder ängstlich zu sein. Alles ist da. Ein guter Traum ist ein gutes Leben - und ich wünsche Ihnen allen ein gute Nacht! Von ganzem Herzen wenn es schlägt!

Montag, 25. Mai 2026

KNOCKOUT.



Peter saß kerzengerade, aufrecht und geradezu brav auf seiner roten Plastikschale in der Straßenbahn Linie 4 und starrte durch die zerkratzte Fensterscheibe auf das muntere Treiben der selbst darstellerischen Großstadt. Nichts an ihm war in irgendeiner Weise auffällig. Gut gepflegt, frisch gewaschen und fein rasiert, saubere Anziehsachen inklusive eines akkurat gebügelten Hemdes in unschuldigem Himmelblau. Darüber die verehrte Jeansjacke von Wrangler ohne Abzeichen, Aufnäher oder sonstige provozierende Details. Saß einfach da und wartete fast schon schülerhaft brav auf die Abfahrt des alten eisernen Kolosses.

Urplötzlich dann - unvermittelt, explosiv wie knallhart schmerzhaft der Schlag aus einer ordentlich Geraden heraus! Klassischer Knockout mit der geballten Faust! Angespannter Stahl trifft locker lose Gesichtshaut und zerquetscht für eine Millisekunde die gesamte Petersche Visage ... zerdrückt alles was nachgeben kann und prallt massiv auf Knochen ohne eine echte Chance des Widerstandes. Während unser Peter sofort und auf der Stelle zusammensackte, lief der ausführende Box-Champion zur mittleren Tür des TATRA-Zuges wieder heraus und verschwand im Gewimmel der Haltestelle. Es roch ranzig nach altem Pommes-Öl und süßlich nach Dior’s Fahrenheit. Billiger abgestandener Gestank. Die Linie 4 fuhr ruckartig an und ließ den lieben Peter dabei kurz durch den Fahrgastraum kullern.

Zehn Minuten später saß der Getroffene wie verdattert auf seinem zitternden Gesäß und bestaunte seinen schmerzenden Kopf ... befühlte sich mit den Händen, schleckte am bereits leicht angetrockneten Blut zwischen Nasenloch und Oberlippe ... wischte mal hier und mal dort mit dem Ärmel der Joppe. Was für ein Punch! Peter war fast andächtig stolz auf diesen Treffer gegen sich - so ganz aus dem Nichts, aus der Kalten ... ohne Anlass oder irgendeinem nachvollziehbaren Motiv. Da stieg einfach einer mal ein und strandete gezielt den Treffer seines Lebens! Wuchtig, direkt, Ziel- und siegessicher! Linearer Ablauf. Vorne Einsteigen, einem im Vorbeigehen aufs Maul geben und hinten wieder rausgehen. Ein Tempo, ein gleichmäßiger Rhythmus, fast wie eine lang einstudierte Choreografie. Peter war emotional hin und hergerissen: schmerzhaft verzerrte Fragezeichen gegen bewundernde Faszination. Die Welt ist ein verrückter Haufen zusammengekehrter Individuen.