Donnerstag, 2. Juli 2026

DAS LICHT



Die Sonne strahlt dem Krieger ins Gesicht ...um, dort einmal angekommen, für den Rest des Morgens haften zu bleiben. Mit dem ganzen, vollem Rücken lehnt der Hüne an der knorrigen Rinde einer uralten Kastanie und starrt entgeistert auf eine weit auseinander klaffende Wunde am rechten Unterschenkel. Der rasende Schmerz barst ihm fast den Schädel, so sehr, dass ihm der eigene Schrei die Luft schnürte ... so, fast kirre und halb betäubt misslingt ihm klares Denken und das viele Weiß in seinen Augen verrät eine ohnmächtige Starre. Neben ihm im verdorrten Gras liegen Streitaxt und eine riesige Lanze, ein gebrochenes Schild sowie eine kleine, blutverschmierte Bibel. Im Wipfel des Baumes über ihm krakeelen kleine Vögel und stieben in regelmäßigem Abstand weit auseinander, drehen Kurven wie Kreise bis sie schließlich einträchtig zur Landung im Geäst ansetzen. Von all diesem Treiben, dem sanften Rascheln der welken Blätter, dem zarten Hauch des wärmenden Windes bekommt unser tapferer Mann nichts mit.

In einem immer gleichen, feinem Strom sickert das Rot seines Lebens aus dem verletztem Fleisch und tränkt die Muttererde unter ihm. Als zöge es ihn Stück für Stück in Gottes ewige Gnade, als ginge sein müde gewordener Leib einfach so langsam hinüber ... Jeder Gedanke verweigert eine Auflehnung gegen das Schicksal.
Schlaff und matt sackt der Korpus in sich zusammen.
Das Licht der Sonne mengt sich mit der aufkommenden Ewigkeit.
Vorher - da war das Schlachten. Der Kampf ums Land, gegen Verrat und Verderben. Ein einziges Hauen, Stechen ... ein Meer aus Hieben und Gebrüll. Er hatte sich vergessen ... seine Kindheit, die Gerüche, jede Melodie und Harmonie. Mutter, Vater, Haus und Hof - überhaupt die Sinnlichkeit des Lebendigen. Dafür kochte heißer Teer unter seinem glänzenden Helm, dafür zitterten ihm die Arme bei jedem Schlag und in einer unerklärlichen Gier tobten seine Waffen auf den Leibern seiner Gegner.

Jemand stützte seinen Kopf mit der flachen Hand. Er spürte es. Vorsichtig nahm sie das Gewicht von Hals und Schultern. Immer leichter wurde es ihm, immer mehr ging der Druck in ein Schweben über. Aus der Ferne rief eine Kinderstimme seinen Kosenamen ... mal leise, dann lauter ... ein Entfernen und Näherkommen im Wechsel mit den leichten Böen. Doch da war niemand. Keine Hand und kein Menschenkind. Dafür sog ihn die Erde an und seine Augenlider schlossen sich wie zum Schlafe. Ein winziger, klitzekleiner Seufzer verpuffte aus dem schmalen Spalt seiner trockenen Lippen ... jegliche Taubheit seiner Glieder ging in Schwerelosigkeit über ...

Ein mäßig gebauter Raubvogel landete neben der sterblichen Hülle und blickte scheel aus einem leicht angewinkelten Kopf ... aufmerksam ... jedoch ohne irgendeine Bedeutsamkeit. Die Schwingen in Bereitschaft, jegliche Bruchteile einer Sekunde zu nutzen um der Sonne entgegen streben zu können.

Freitag, 26. Juni 2026

DER MANN



Den Lichtschalter bewegen ... hin und wieder gelang mir das. Die Türen öffnen oder die Flasche verschließen - ein Hemd knöpfen und den Schlüssel im Schloss drehen. Das konnte mitunter leicht gehen. Allerdings fiel mir das Aufstehen schwer, wähnte ich mich doch im falschen Zimmer und im falschen Bett. Das Fenster zum Hügel befand sich auf der linken Seite - nun war es urplötzlich rechts und ein dahinter liegender Hügel schien sich aufgelöst zu haben. Es war helllichter Tag. Die Sonne schien wie immer lustlos durch verstaubte Fenster. Auf der verschwitzten Matratze hatten sich hunderte Zwieback-Krümel eingedrückt. Neben dem Bettgestell stand ein Glas Wasser und daneben lagen die ganzen Bücher herum. Aufgeklappt mit dem Gesicht nach unten, angelesen und kurzfristig verworfen. Der Schlaf übermannte mich ein ums andere Mal. Wen interessiert das.

Es ist jetzt Anfang Juli und ein halbes Jahr wird nun schon der gedanklichen Verwesung überlassen. Das Wasser wird knapp, die Umarmungen werden weniger, es fehlt an Liebe an allen Ecken und Enden. Über dem Ort liegt nichtssagenden Stille, wie verabredet schweigt das Leben und mit großem Bedauern geistert irgendein Unheil um die Häuser. Die Lottozahlen sind banal gesehen auch nur irgendein dämonisches Schicksal. Es darf mir egal sein. Schwere Gewitter sind in Begriff Lebewohl zu sagen - sie möchten das Gültige unserer Abwägungen mit Blitz und Donner ins Nirvana jagen. Sollen sie doch. Mein Geld reicht für eine allumfassende Rettung der Menschheit einfach nicht aus. Der gute Wille steckt mit platten Reifen und Kralle in einer Sackgasse. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Mit dieser Form von Zynismus versuche ich nur mein Seelenheil zu tapezieren, es ist wirklich nicht böse gemeint.

Der Mann hatte es immer gut gemeint. Er mochte keinen Streit und liebte die Harmonien. Nun saß er einfach nur so rum und grübelte über Einzelheiten. Gedanklich schoss es ihn dabei in einen kalten klaren Nachthimmel, tausendfach gespickt mit funkelnden blinzelnden Sternen. Vielleicht steckte kein tieferer Sinn hinter seinen Überlegungen, vielleicht war alles nur vergebene Mühe und keinen Pfifferling wert ... Aber er liebte die Augenblicke der Stille und rieb dabei sanft die müden Hände.
Der Sommer war ein platzender Arsch - geradezu vulgär zimmerte er seine hitzigen Bausteine zu einer Mauer des Schweigens. Die Vögel hatten sich auf der Suche nach Flüssigkeit verirrt und ihr fehlendes Gezwitscher war eine einzige schrille Anklage.
Niemand hielt etwas auf die Einsamkeit, niemand konnte die Leere sehen - die schlaffen Gardinen hingen wie aus Stahl und schliffen den Boden.