Plötzlich alt. Der bespritze Spiegel im Badezimmer, 50 cm breit und 90 cm hoch, verkündet nichts anderes als die hässliche Wahrheit ... wie ein eifriger Whistleblower mit aller zu erwartenden Konsequenz! Peter schleudert das Flakon mit der Aufschrift CARACTÉRE mit voller Wucht gegen das Glas und wäscht sich anschließend minutenlang und mit eiskaltem Wasser das Gesicht. Durch den Fensterspalt zieht der Gestank frisch gedüngter Felder, mengt sich mit dem Muff von Studentenblumen und sorgt obendrein mit einem Hauch von Zitronenmelisse für ein absolutes Debakel für den breiten Riechkolben. Der Himmel bedeckt, die Vögel stumm und hinterm Haus lauert ein heimtückischer Nebel. Was für ein liebloser Einweg-Morgen!
Beim Rasieren wird Peter etwas grob mit sich und seiner faltigen Haut. Er fuhrwerkt eher brachial mit der gewellten Klinge zwischen Kinn und Halsansatz ... verpasst sich einen blutroten Schlitz und läßt die schwere Suppe ins Waschbecken tropfen. Rosa Flammen entstehen im Mix mit den Wasserperlen - Muster von feinstem Marmor und so Zeug. Fasziniert stiert Peter eine zeitlang dem Treiben zu, dann reißt er einen Fetzen vom Klopapier ab und pappt es sich auf die Wunde. Er wird damit nur noch unansehnlicher und entläßt fast schon inbrünstig einen derben Luftzug aus dem Gedärm. „Primitives Schwein“ sagt er laut zu sich. Sein Gesicht verzieht sich zu einer hämischen wie irrsinnig erscheinenden Maske.
Der Eierkuchen verbrennt jämmerlich in der Pfanne. Plötzlich kein Hunger mehr und zu faul das Küchenutensil von der Herdplatte zu schieben. Stattdessen probiert Peter ein dreißig Jahre altes Jackett an ... zwängt sich quasi nackend in das spannende Textil und schlich wieder vor den (mittlerweile rissigen) Spiegel im Badezimmer. Er konnte seinen Urin riechen ... der WC-Deckel stand offen und zeigte einen kleinen gelben Teich.
Diese Augenringe! Diese Tränensäcke ... wie leere Jutebeutel hingen sie schlaff und schläfrig ... und wieder flog ein Flakon gegen das eigene Bildnis. Diesmal Rasierwasser. Noch mehr Bruch - dafür blieb das Fläschchen heil und Peter kippte sich das Wässerchen in seinen Mund.
Er kannte mal einen, der hatte so massiv ausladende Tränensäcke, dass sich darin das Regenwasser sammelte! Noch heute muss er darüber schmunzeln ... wenn er sich jetzt allerdings selbst betrachtet, erstickt das Lachen wie das Flämmchen einer Kerze zwischen angefeuchtetem Daumen und Zeigefinger. Selber hässlich - denkt er. Eigentlich müsste er aufstehen und die Fenster schließen. Von draußen zieht es eiskalt rein - aber er ist starr vor Schock und Trauer. Wenn nur Mutter noch da wäre ... die liebe kleine Frau Mama mit ihrer ungebremsten Liebe und Zärtlichkeit! Ach Mutter, ach Mutter ... beginnt er zu jammern und zu heulen. Aus seinem Mund strömt der blumige Duft seines vertilgten Rasierwassers und brennt zusätzlich in den Augen. Überall schlängelt sich die bloße Trostlosigkeit durch die kleinsten Ritzen seiner unterkühlten Behausung.
Der Text bekommt heute keine Kurve mehr. Hinter Kurven eröffnen sich manchmal und wie aus dem Nichts neue Perspektiven - aber in Peters Tank ist kein Sprit und für ein Weitergehen reicht geleerter Wille ebenfalls nicht. So bleibt es bei der Gerade, dem Geradeaus ins bloße Grau, dem Nebel, dem Schleier und einem schrillem Nichts. Ach Mutter!

