Freitag, 5. Dezember 2025

INTERVIEW - VOM SPEERWERFER FABIAN



Der aktuelle Weltrekord im Speerwurf der Herren liegt bei 91,82 Metern und wird vom bulgarischen Ausnahme-Athleten Juri Boskop seit reichlich zwei Jahren gehalten. Eine sagenhafte Weite, bedenkt man dazu den Umstand, dass ein offizieller Wettkampf-Speer 2,20 Meter lang und ein knappes Kilo schwer ist. Doch es geht noch besser.
Durch den Tipp eines szenekundigen Sportfreundes erfuhr ich vom Hobby-Speerwerfer Fabian U. aus dem sächsischen Raum - ein Enfant-Terrible seiner Zunft und unbekannter Rekordhalter in dieser olympischen Parade-Disziplin. Die große Besonderheit dieses Könners liegt in der Einsamkeit seiner Trainingseinheiten, den immer wieder neuen Rekorden und seinem obersten Wunsch nach absoluter Anonymität. Über verschiedene Umwege und zwei diskret geführte Kontakte gelang es mir schließlich, ein knapp 15 minütiges Interview, in der Abgeschiedenheit eines halbdunklen Sportplatzes, führen zu können.

Fabian, ich falle gleich zu Beginn mit der Tür ins Haus: Eine reichliche Stunde beobachtete ich dich bei deinem stoischen Training und zählte dabei zehn gemessene Würfe ... Welche Werte hast du an diesem unwirtlichen Regentag erreicht?

Sie lagen alle im Bereich von 102 und 106 Metern. Es waren aber reine Trainingswürfe mit einem schwereren Speer. Wenn ich an meinem persönlichen Rekord arbeiten möchte, verwende ich den offiziellen, olympischen Speer.

Wie bitte? Das sind doch Werte weit über dem aktuell gemessenen Weltrekord! Und die hast du gerade mit einem noch schwereren Trainingsspeer erzielt? Wie geht das zu?

Das schafft man nur mit einer inneren Passion und wird letztlich von mir trainiert wie eine punktuelle Spezialisierung. So wie das Athleten von einem Zirkus tun würden. Man fängt sehr früh im Leben damit an und tut es Tag für Tag, Jahr für Jahr - mit Hingabe, großer Liebe, streng geführten Abläufen und größtmöglicher Härte. Disziplin nennt man das wohl auch. Mit reichlich zwei Jahren begann ich die ersten Gegenstände zu werfen - ich betone extra: zu werfen. Dann schritt ich die Entfernungen ab und wollte immer mehr und mehr. Als Sechsjähriger knackte ich dann die Rekorde an der Sportschule ... die der Vierzehnjährigen.

Das muss für viel Aufsehen gesorgt haben ...

Durchaus. Verschiedene Trainer des Landesverbandes standen auf der Matte und bearbeiteten mich täglich. Aber ich war stur wie ein Bock und wollte meine Leidenschaft ganz für mich allein. Öffentliche Anerkennung, Siege oder gar offiziell geführte Rekorde für die Ewigkeit waren für mich nicht erstrebenswert. Schäfer wollte ich immer werden und den Speerwurf als liebevoll gehegten Ausgleich zelebrieren. Darüber war vor allem mein Vater verzweifelt. Aber mittlerweile haben es alle aufgegeben mich umzustimmen, mich zu erpressen oder zu bestechen.

Wo liegt denn nun dein persönlicher Bestwert?

Vor einer Woche warf ich den Speer bei gerade noch zulässiger Windgeschwindigkeit. Ein sehr guter Ablauf an einem bedeckten und mildem Samstagmorgen ... aus den Bächen war gerade ein leichter Nebel verflogen. 112,96 Meter. Es wird jedoch immer schwerer und damit seltener, dass ich meine Rekorde knacke. Das wiederum reizt mich jetzt desto mehr.

Was unterscheidet dich denn generell von einem professionellem Champion?

Der übliche Werdegang! Die aktuellen Novizen wurden klassisch gesichtet, begutachtet, gefördert und gefordert. Leistungszentren, Trainerstäbe, Ernährungspläne ... bis hin zu systematischem, legalen und illegalem Doping. Dazu Vermarktung, öffentlichkeitswirksame Auftritte, Sportlerbälle, Autogramme und Interviews. Zwischen all diesen Notwendigkeiten verliert sich die optimale Leistungsfähigkeit. Mein Weg war von früh an ein anderer ...

Ich bin natürlich fasziniert ... und ungläubig zugleich. Wie soll das weitergehen, wo soll es schließlich enden? Welches Ziel steckt hinter all diesen versteckt gehaltenen Höchstleistungen?

Braucht es immer eitle Siege und verletzende Niederlagen? Für mich nicht. Eigentlich werfe ich nur unglaublich gern den Speer, eine sehr klassische Disziplin mit großer Geschichte. Und natürlich feile ich tagtäglich an meiner Technik und an dem perfekten Wurf. Die Messungen sind dabei lediglich Ergebnissicherung ... nicht mehr und nicht weniger. Niemanden teile ich die Werte mit.

Außer mir ...

Ja, damit bin ich aber nicht ganz glücklich. Ihr habt mich einfach zulange bearbeitet (runzelt die Stirn). Aber ich bitte ja auch um absolute Anonymität bei der Veröffentlichung ... Deckname Fabian wenn möglich.

Kein Problem. Wie reflektierst du das systematische und immer schwieriger nachweisbare Doping für dich?

Eine klaffende Wunde im Spitzensport. Die Athleten belügen sich selbst, all die harte Arbeit auf und neben dem Trainingsplatz! Furchtbar sinnlos. Stell Dir vor, ein talentierter, aufstrebender Radprofi mit einer perfekten Haltung, Muskulatur und sowie optimalen Umgebung ... dazu ein Rennrad im fünfstelligen Preisbereich, viel Leidenschaft sowieso ... und dann baut sich dieses Ausnahmetalent zusätzlich einen kleinen Hilfsmotor in sein Sportgerät! Welche Aussage haben denn dann alle seine Zeiten? Was bleibt von seiner eigentlichen Leistung übrig? Bei einem unzulässigen Rückenwind messe ich meine Speerwürfe doch auch nicht ... so in etwa empfinde ich Doping im Sport. Auch einer der Hauptgründe, warum ich nie in die Eliten aufsteigen mochte.

Nachvollziehbar. Wie geht es denn nun mit dir weiter?

In erster Linie bin ich Schafhirte oder Schäfer. Wie auch immer. Und der Speerwurf ist mein Hobby ... so wie sich andere mit ihrer Modell-Eisenbahn auf dem Dachboden verbarrikadieren, obwohl sie mit ihren logistischen Fähigkeiten einen Güterbahnhof dirigieren könnten. In meiner Leidenschaft bin ich nicht eitel und ohne jegliches Geltungsbedürfnis.

Dennoch bin ich mehr als froh, dieses einmalige Interview mit dir führen zu dürfen. Und irgendwie ist es auch schade, dass solche unglaublichen Leistungen keinerlei Aufsehen erregen werden. Wann wirst du einmal damit aufhören?

Eine Frage, die ich nach dem bisherigen Verlauf des Interviews nicht verstehen kann. Insofern meine Gesundheit es zulässt, werde ich den Speer so lange es irgend geht durch die Lüfte schleudern. Es wird immer meine große Liebe und Leidenschaft bleiben. Völlig unabhängig von den Ergebnissen. Und selbst wenn es die Messungen braucht: Was wäre denn so verkehrt daran, wenn ich mich als Siebzigjähriger einmal über einen weiten Wurf freue? Egal wie weit ich bis dahin hinter meinen eigenen, jüngeren Bestmarken bleibe.

Verstehe endgültig und wünsche Dir weiterhin größtmögliche Erfüllung mit deinem Sport. Meine Begeisterung wirst du mir sicher anmerken ...

Ja. Vielen Dank und alles Gute! 

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