Samstag, 7. März 2026

EINFACHES LEBEN.



Die Zahncreme ist extra „Fresh“ und „Mint“ und gegen „Verfärbungen“ und für den Erhalt von „Zahnschmelz“ und überhaupt mit Glitzer, Glanz und Gloria beworben. Beim Scheuern der letzten verbliebenen Zähne sowie dem noch immer eitlem Blick in einen Spiegel voller Wasserflecken, schätzt sich der Mann wieder mindestens zehn Jahre jünger. Ganz klar. Er sucht nach scheinbar verwegenen Tätigkeiten oder zumindest einer Beschäftigung, welche sich in seinem Ur-Charakter wohlig und leicht herbes Gefühl wiederfinden kann: Holz spalten mit freiem Oberkörper, die Küchenmesser von Hand nachschleifen, zwei Kilo BBQ-Rippchen auf den Grill flanschen, alte Schallplatten waschen, am Motor des Wagens herum fingern oder eine frostige Nacht im Freien verbringen. Irgend so ein Zeug, so eine Melange aus Härte, Schmutz, Produktivität und Schmerz.

Der handgemahlene Kaffee puscht den Mann und ein fast zu kalter Morgen bekommt etwas Uriges wie Greifbares. Die üppigen Brusthaare kräuseln sich in ihrer weißlichen Pracht und die kleinen festen Warzen recken ihre Köpfchen um überhaupt noch irgendwas sehen zu können. Ihm schießt der Baumarkt durch den Kopf ... kurz danach eine teure Zigarre und alsbald hart getrocknetes Brot mit einem ordentlich Stück Butter. Er will sich spüren, sich verändern und vor allem möchte er wahrgenommen werden! Der Mann prüft seinen Gang und fuchtelt mit den Armen ... ahmt einen Karate-Kämpfer nach oder tänzelt kurz darauf wie ein glamouröser Transvestit. Er möchte eben plötzlich alles können und erlernen - in einem Alter wo er beginnt zu vergessen und sich ständig irgendwo stößt. Ihn befällt Melancholie, Sentimentalität und Wehmut - und was es noch alles für Begriffe gibt für eine Ziellinie in Sichtweite.

Auf dem Pulli kleben ölige Reste und in der Pfanne zischen die Blasen aus einem Spiegelei heraus. Im Nachrichtensender verquirlen sie Stunde um Stunde den Tod, das Leid, Wetterbericht und die Tipps fürs Wochenende. Er zieht sich das rein und schwankt zwischen abgeklärter Kühle und dem fast schon vollständig ausgefülltem Spendenscheck. Er ist doch auch nur ein Mensch.
Es juckt ihm ordentlich am Nacken und mit dem Rührlöffel schabt er den nervigen Reiz weg. Aus der ausgebeulten Jogginghose entweicht ihm ein lang angehaltener Furz und lockt ihm ein fast stolzes Raunen aus dem Mund. Die Visionen des Mannes sind ein klappriges Gebilde und noch in der Badewanne beginnt er wieder mit der Sauferei. Nichts mehr mit extra „Fresh“ ... und beim Abtauchen in die nasse Hitze spürt er seine Leichtigkeit in Schwere übergehen.

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