Dienstag, 20. Januar 2026

DIE TEXTAUFGABE.



Wenn die Technik veraltet, wenn der Baum sich schüttelt und sein Blätterwerk abgibt, wenn der Bart ins Graue übergeht, wenn das alte Haus in sich zusammenfällt, wenn der Wagen liegen bleibt, wenn ein Zeugnis alles besiegelt, wenn die Urne sich senkt, wenn die Bahnstrecke stillgelegt wird, wenn Großvater ein letztes Mal seufzt, wenn die Tränen getrocknet sind, wenn der Leichenwagen über die Dorfstraße holpert, wenn das Kinderspielzeug verstaubt, wenn im Flacon nur noch die Leere gähnt, wenn die Luft raus ist, wenn die Schwestern und Ärzte überm Krankenbett flüstern, wenn das Wasser in der Vase verdunstet ist, wenn der Laden für immer schließt, wenn die Scheidung amtlich ist, wenn das Grab frisch ausgehoben wurde, wenn die Kinder aus dem Haus gehen, wenn der Flieger senkrecht fällt, wenn die Felder brach liegen, wenn die Stille versteht zu brüllen, wenn der Frieden sich ergibt, wenn die gute Laune abgelaufen scheint, wenn der Schimmel alles übernimmt, wenn der Kapitän das Schiff verlässt, wenn der Pfarrer sich in der Scheune aufknüpft, wenn die Löcher in den Socken nicht mehr gestopft werden, wenn die Lust in Gier übergeht, wenn die Zeit zu Staub wird, wenn sich unsere Hände loslassen, wenn sich alle Farben ins Negative verwandeln, wenn Kerzen sich nicht mehr entzünden lassen, wenn auf die Tischdecke keine Flecken mehr passen, wenn mein Blick ins Leere fällt, wenn die Rosen nicht mehr riechen, wenn die Tiere den Hass entdecken, wenn die Fahrt kein Ende nimmt, wenn sich Holz nicht spalten lässt, wenn der Zufall es nicht will, wenn das Sieb keinen Durchlass mehr kennt, wenn kein Weg vorbei geht, wenn die Berge zu Wasser werden, wenn ein Echo nie mehr verstummt, wenn das letzte Hemd nicht existiert, wenn am Ende der Schlange kein Ende in Sicht ist, wenn Bücher sich nicht öffnen lassen ...

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Geradezu fassungslos hielt die zerbrechliche Deutsch-Lehrerin Frau Iris Kraake das Blatt Papier zwischen ihren schmalen Fingern. Die Klasse 6a hatte ursprünglich die Aufgabe, aus der Anfangszeile „Wenn die Technik veraltet ...“ eine literarisch passende Fortführung zu verfassen. Natürlich unter Einbezug aller grammatikalischer wie orthographischer Gesetzmäßigkeiten. Auch das würde selbstverständlich benotet werden. Aber was hier der Schüler Yves Galenskij zusammengeschrieben hatte, das hatte sie so noch nie zu Gesicht bekommen. Sie las das Geschriebene ein zweites, drittes und viertes Mal und schließlich rollte ein Tränchen aus dem einen und kurz danach dem anderen Auge. Zwischen Fassungslosigkeit und Rührung bebte ihr schlanker Körper, hob und senkte sich ein zart gezeichneter Busen und schlug das Herz wie nach einer Hatz. SO konnte sie das nicht benoten, nicht beurteilen, nicht richten oder korrigieren. Frau Iris Kraake küsste das Geschriebene und faltete es solange es ging ... insgesamt sechsmal und schnürte das kleine Päckchen mit einem grauen Garn. Sie wog das Mini-Bündel in ihrer blassen Hand und legte es schließlich in eine kleine alte Schatulle aus Kirschholz. So lag es gut, war aufgehoben und doch von der Bildfläche verschwunden. Die Werke der anderen Schüler zerschnitt sie fein säuberlich mit der alten Nähschere und streute die Schnipsel in die riesige Papiertonne. Später schwieg sie über Wochen die Zensuren einfach weg - bis auch der letzte Schüler nicht mehr an eine Bewertung glaubte und wohl insgeheim auch froh darüber war. Nie - wirklich nie wieder ließ Frau Iris Kraake ihre Schüler und Schülerinnen eine derartige Aufgabe bearbeiten. Yves Galenkij wurde viele Jahre nach seiner aktiven Schulzeit nicht mehr und nicht weniger als ein liebevoller Kümmerer in der Gärtnerei eines Friedhofes.

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