Freitag, 1. Mai 2026

GEBÜSCH-MANN. INTERVIEW.



Endlich scheint mir eine Geschichte wieder schräg genug, um darüber ein echtes Doppelkorn-Interview veranlassen zu können. Den "Gebüsch-Mann" entdeckte ich auf meiner kleinen Pendler-Strecke vom Fenster des Zuges aus. Etwas nördlich von Halle an der Saale, zwischen zwei Haltepunkten, hinterm NETTO-Supermarkt kroch ein seltsames Menschen-Kind zwischen wild wuchernden Knöterich herum. Entlang der Gleise wächst dieses Gestrüpp derart massiv und aggressiv - sowohl in die Breite als auch meterhoch in den Himmel ... je nachdem, welches Geäst sich zum entlanghangeln dafür bereit hält. Man könnte auch von einem echten Dschungel sprechen - undurchdringliches Wirrwarr, ein natürlicher Filz - blickdicht obendrein. In diesem Wust lebt tagein, tagaus der 54-jährige ehemalige Schlosser-Gehilfe Wolfram ...

Guten Morgen Wolfram, danke das du pünktlich zum Termin erschienen bist! Schade das wir das Interview nicht in deinem geheimnisvollen Versteck führen können ...

Moin. Es wurmt mich natürlich, das du meinen heimlichen Bau entdeckt hast. Bisher ist noch niemand dahinter gekommen, also behalte das bitte für dich ...

Selbstverständlich! Aber es gibt da einen Blickwinkel aus der S-Bahn heraus ... vor allem im Herbst und Winter sieht man etwas durch das Gestrüpp hindurch deine notdürftige Behausung. Wieso hast du dir es ausgerechnet dort eingerichtet zu leben?

Als Kinder haben wir uns auch schon ziemlich perfekte Buden gebaut. Das habe ich immer gern gemacht. Als ich vor zwei Jahren, im Sommer, obdachlos wurde, fing ich mit einer Heckenschere an ... Habe mir einfach eine Art Rundung ins Dickicht geschnitten. Ausgehöhlt quasi. Dazu alte Zeltplane gespannt und eine Matratze rein bugsiert. So begann mein Leben dort drinnen.

Wie verhält es sich dann mit Dauerregen oder anderen Wetterkapriolen? Das ist doch sicher kaum auszuhalten?

Die Natur hält stand. Im Sommer schafft es kaum mal ein Tropfen durch dieses gewachsene Dach. Und dann ist ja noch die Pläne drunter. Nur im Winter ist es mitunter etwas grenzwertig. Wenn gar nichts mehr geht, laufe ich zu NETTO rüber und halte mich dort stundenlang auf. Solange ich was im Wagen liegen habe und nichts klaue, müssen die meine Anwesenheit erdulden. Das hat sogar die Polizei denen mal so sagen müssen.

Thema Hygiene, Notdurft ...

Tja was soll ich dazu sagen? Die paar mal dusche ich für ein paar Euro im Hauptbahnhof. Notdurft geht direkt in die Landschaft über. An der Galgenberg-Schlucht gibt es genug Ecken ... und die Hunde machen da eh immer ihre Haufen. Da fallen meine Fäkalien kaum auf.

Nochmal für mein Verständnis: warum suchst du dir keine bessere Lösung? Es gibt ja doch auch andere klassische Zufluchtsorte?

Ganz einfach: dort habe ich meine absolute Ruhe vor Allem! Wie gesagt - Buden habe ich schon immer gemocht und ich habe diese perfekt gebaut. Kann dort liegen, schlafen, lesen und auch mal einen Brief schreiben. Ansonsten ziehe ich ja eh jeden Tag in der Weltgeschichte umher ... am liebsten bin ich am Hallmarkt und schau vom Händeldenkmal aus dem munteren Treiben zu. In meinem Hut landen täglich um die zwanzig Euro ... Sommer eher weniger, Winter etwas mehr. Am besten läuft es im Advent ... da gibt es immer “Weihnachtsgeld” - wie wir Penner zu sagen pflegen. Man spricht sich ab, nicht zu nah aneinander zu hocken. Größte Probleme bereiten uns die organisierten Bettler ... da wird uns teilweise gedroht!

Wird es für dich einmal ein anderes Leben geben? Du wirst nicht jünger ... noch klingt das alles abenteuerlustig ... Aber in deinem Kopf gibt es doch sicher einen Plan B?

Abenteuerlustig? So sollte es nicht klingen. Habe mich nur mit diesem Leben halbwegs arrangiert ... mehr nicht. Könnte ich das Rad nochmal zurück drehen, dann würde ich alles anders machen! Vor allem Kinder fehlen mir ... traurig das ich nie Vater geworden bin! Es ist furchtbar einsam manchmal. Sollen sie mich doch eines Tages aufgabeln und in so ein vollgepisstes Pflegeheim stecken ... Dann grabsche ich unbeholfen aus dem Bett heraus den Tanten an die Ärsche und nichts können die dagegen machen. Außer mich verabscheuen. An dem Punkt bin ich jetzt sowieso schon. Als Penner bist du nichts. Man dient nur als an natürliche Regung für Mitleid und achselzuckendes Bedauern. Das ist das Schlimmste überhaupt.

Klingt sehr verbittert und resigniert. Würdest du dir denn helfen lassen?

Niemals. Für alles was passiert ist bin ich selbst verantwortlich ... ich könnte mir sicher auch noch selbst helfen, will es aber im Moment nicht. Also tu mir einen Gefallen bitte, und verrate mein Versteck nicht. Irgendwo hinterm NETTO reicht. Muss jetzt weiter.

Danke für deine Offenheit, für diese Unterhaltung!

Wo steht denn das dann geschrieben? Zeitung?

Auf meinem Blog. Im Internet. Aber natürlich anonymisiert unter falschem Namen.

Internet! Damit kenne ich mich sowieso nicht aus. Vielleicht sieht man sich mal auf dem Markt. Bis dann!