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Sonntag, 7. Juni 2026

TRAIN



Mir schräg gegenüber sitzt ein Mann mit lange nicht gewaschenen und geschnittenen Haaren. Er liest die russische Tageszeitung PRAWDA und hustet dabei unablässig, seitlich in den Gang hinein. Sein grau gestrickter, leicht melierter Pullover wedelt in ausgebeulter Übergröße an blassen, fleischigen Handgelenken. Eine dunkelblau Cordhose sowie schwarze, langweilige Halbschuhe komplettieren das fade Erscheinungsbild.

Im großen Fenster des Abteils ist mein Gesicht bereits leicht zu erkennen ... die Nacht zieht mit einem bedeckten Himmel und dunklen Vorahnungen langsam heran. Der Himmel möchte sagen: Gleich schüttle ich mich einmal kräftig, dann wird alles weiß und gut. Wenn ihr mich nur lasst. So sieht es aus. Ein trügerisches Bild voller Verzweiflung, Sehnsucht, Melancholie sowie Verbitterung. Es wird nicht schneien. Das sagen alle: Die News, das bedruckte Papier, internationale Wetterberichte, meine dralle Nachbarin, soziale Netzwerke, ein trunkener Pilot auf dem Weg in seinen Feierabend.

Es ist Freitag. Ein Tag so groß wie Scheunentor. So weit der Blick hinaus in unendliche Möglichkeiten. An einem großartigen Schriftsteller festbeißen, mit Tusche hantieren, schwer gefüllte Gläser heben, Plattenregale ins Visier nehmen, einen guten Braten ansetzen, auf einer vereisten Wiese herumjagen, die Welt in den Sucher nehmen, Holz spalten ... ein Freitag im fast leeren Abteil hält alles parat und vieles offen. Beim Ausstieg achte ich auf die Bahnsteigkante und nehme anschließend die kleine Abkürzung zur Trinkhalle. Dort steht und wartet seit fünf Tagen der Peter. Er kennt sich aus.

Sonntag, 31. Mai 2026

WISSEN SIE ...



Wann es endlich einmal wieder einen richtigen, urigen Winter gibt? Mit meterdick zugefrorenen Seen, polternd, krachend und reißend? Täglichem Neuschnee, knapp werdenden Waren des täglichen Bedarfs, Stromausfall, kollabierenden Räumfahrzeugen, Chaos, Unterrichtsausfall, Notbetreuung, Ausverkauf von Schlitten, Skiern, Schlittschuhen und Po-Rutschen ... Vielleicht muss es ja nicht gleich wieder wie 1976 sein, nicht ganz so überfallartig und brachial. Keiner soll schließlich zu Schaden kommen. Aber in den Fingerkuppen darf es brennen!

Wann Straßen und Autobahnen einmal wieder zurück gebaut werden? Dem verschlossenem Asphalt staubige Feldwege, zarte duftende Wiesen oder rauschende Linden folgen? Plötzlich und unverhofft neue Lebensräume entstehen für Rehe, Hirsche, Wildschweine, Vögel aller Art, Insekten, Luchse, Auerhähne und Füchse? Tausende von Kubikmetern Beton zerbersten und die liebe Erde an eben jener Stelle wieder befreit aufatmen kann? Das wäre wohl insgesamt eine Sensation. Eine Umkehr zur Besinnung.

Wann Gott sich erklärt, wie sich seine Barmherzigkeit, Allmacht und Gnade nachvollziehbar für das dümmliche Menschen-Kind bemerkbar macht? Ob noch in irgendeiner Form etwas Hoffnung für dieses Wirrwarr an Gefühlen bereit liegt und selbst ein kleines Kind verstehen kann, warum es denn nun so furchtbar sterben muss? Wann Glaube und Zweifel endlich aufhören, sich wie von Sinnen im Kreis zu drehen? Inwiefern Gott dauerhaft eine Zufluchtsstätte darstellt? Welche Bausteine für ein ganz normales Schicksal bereit liegen? Immerhin: Fragen wird man dürfen. Oder?

Wann der nächste Zug kommen wird? Schließlich läuft mir die Zeit davon ... Seit zwei Stunden verschenke ich Minute für Minute mein kleines Leben an diese endlose Warterei, dieses flehentliche Hoffen auf drei leuchtende Lichter aus einem stählernen Roß heraus. Trete vom linken auf den rechten Fuß, kralle meine Finger in den ausgebeulten, schwitzigen Taschen und erlaube mir sehnsüchtige Blicke zur Anzeigetafel. Wer hat mich hier vergessen? Wo bin ich? Alles was ich benötige ist ein kleiner Funken an Gewissheit. Eine Zuversicht allemal.

Wer der nächste Präsident von USA wird? Neben Donald gäbe es noch Dagobert, die drei neunmalklugen Neffen, die aufgedonnerte, arrogante Daisy oder schließlich drei glücklose Panzerknacker. Wer soll es machen? Retten die Neffen unsere Welt? Oder vertrauen wir endlich einmal der eigenen Courage? Im Kleinen etwas Großartiges tuen, das wäre doch die Lösung ... wenn, ja wenn alle mitmachen würden. Warum bin ich im Guten so schwach und im Bösen so leichtfüßig? Die USA weiß nicht auf alle Fragen dieser Zeit eine Antwort. Aber der Mississippi ist schon cool.

Zu guter Letzt: Wissen Sie, ob wir nicht doch alle miteinander träumen des Tags und in der Nacht einem ganz besonderem Leben nachgehen? Frage das nur, weil meine Nächte durchaus real daherkommen ... so bunt, einleuchtend, so vielfältig und verwirrend. Vor allem gibt es jede Menge unverhoffte Wiedersehen! Es gibt Gerüche und Geschmäcker, Laut und Leise ... Es sind immer gute Orte um glücklich, angespannt oder ängstlich zu sein. Alles ist da. Ein guter Traum ist ein gutes Leben - und ich wünsche Ihnen allen ein gute Nacht! Von ganzem Herzen wenn es schlägt!