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Sonntag, 9. August 2026

WIR STEHEN.



Nichts bewegt sich. Alles wartet. Keiner kommt voran. Stillstand. Ist das nicht wunderbar?
Wenn ich mir die Wipfel der Bäume ganz genau beschaue, dann erkennen selbst meine müden, unscharf fokussierten Augen keinerlei Regung. Ach! Und der Himmel erst ... mattes königsblau von links nach rechts, quer wie diagonal. Nicht das kleinste Wölkchen hastet oder schleicht vorüber, kein Flieger in der Ferne ... Ausgebremste Gegenwart. Die Ruhe selbst.

Im Abteil träumt eine komplett schwarz gekleidete Mittdreißigerin unter dem reißenden Gewicht ihres mächtigen Vorbaus. Leblos hängen breite Arme seitlich herunter. Ein Kaugummi ist im Begriff, den leicht geöffneten Mundwinkel in freiem Fall zu entkommen ... Das Leben zementiert sich auf höchst köstliche Weise. Mir bleiben in dieser Leere viele Gedanken, fein sortiert ... Anlauf nehmend, platzieren sie sich majestätisch in Reih und Glied. Ordnung in Reinkultur. Das tut gut.

Stramme Waden, ein viel zu lustlos geratener Hintern, lieblos lackierte Fußnägel direkt vor mir am Fahrkartenautomaten. Die Äcker müssen bestellt werden, wo die Erde noch fruchtbar scheint. Mir bleibt nicht mehr viel Zeit, das spüre ich an leblosen Tagen ganz besonders. Gleich und gleich gesellt sich gern ... Himmel, Arsch und Zwirn ist das heute still! Keiner haut mit der Faust auf den Tisch und fordert mit dem Schnaps sein Existenz ein. In der Hoffnung auf eine baldige Weiterfahrt, verbleibe ich mit besten Grüßen!

Sonntag, 7. Juni 2026

TRAIN



Mir schräg gegenüber sitzt ein Mann mit lange nicht gewaschenen und geschnittenen Haaren. Er liest die russische Tageszeitung PRAWDA und hustet dabei unablässig, seitlich in den Gang hinein. Sein grau gestrickter, leicht melierter Pullover wedelt in ausgebeulter Übergröße an blassen, fleischigen Handgelenken. Eine dunkelblau Cordhose sowie schwarze, langweilige Halbschuhe komplettieren das fade Erscheinungsbild.

Im großen Fenster des Abteils ist mein Gesicht bereits leicht zu erkennen ... die Nacht zieht mit einem bedeckten Himmel und dunklen Vorahnungen langsam heran. Der Himmel möchte sagen: Gleich schüttle ich mich einmal kräftig, dann wird alles weiß und gut. Wenn ihr mich nur lasst. So sieht es aus. Ein trügerisches Bild voller Verzweiflung, Sehnsucht, Melancholie sowie Verbitterung. Es wird nicht schneien. Das sagen alle: Die News, das bedruckte Papier, internationale Wetterberichte, meine dralle Nachbarin, soziale Netzwerke, ein trunkener Pilot auf dem Weg in seinen Feierabend.

Es ist Freitag. Ein Tag so groß wie Scheunentor. So weit der Blick hinaus in unendliche Möglichkeiten. An einem großartigen Schriftsteller festbeißen, mit Tusche hantieren, schwer gefüllte Gläser heben, Plattenregale ins Visier nehmen, einen guten Braten ansetzen, auf einer vereisten Wiese herumjagen, die Welt in den Sucher nehmen, Holz spalten ... ein Freitag im fast leeren Abteil hält alles parat und vieles offen. Beim Ausstieg achte ich auf die Bahnsteigkante und nehme anschließend die kleine Abkürzung zur Trinkhalle. Dort steht und wartet seit fünf Tagen der Peter. Er kennt sich aus.