Mit reichlich einhundertdreißig Stundenkilometern sich in eine enge Linkskurve zu legen, ist an sich schon sportlich ... noch dazu, wenn diese feine Biegung einen derartigen Winkel bereit hält, dass die zuständige Behörde eine Begrenzung auf achtzig Kilometer je Stunde als absolutes Limit vorschreibt und dies mit einem entsprechenden Verkehrsschild auch sichtbar zum Ausdruck bringt. Jetzt war es jedenfalls für eine Korrektur zu spät und wer bremst verliert. So trug des den Motorrad-Mann aus der Bahn ... und während er sich von seinem schnellen Gefährt schweren Herzens trennen musste, segelte er auch schon in hohem Bogen durch die Lüfte. Flog und flog sich drehend und überschlagend über Felder und Flure, breitete die Arme aus und verlor sich in Gedanken. Hoch oben gedachte er der vorgestern erst abgeschlossenen Renten-Vorsorge ... was mit sicheren Aktien und wenig Risiko. Hoch oben erinnerte er sich ebenfalls an die Rechnungsmahnung für sein letztes Tattoo (ein Adler mit drei Köpfen) ... hoch oben fiel ihm auch plötzlich wieder ein, was er morgen noch im Baumarkt besorgen wollte ... Grundierung ... und zwei Pinsel!
Schließlich endet jede Reise und der Motorrad-Mann lag letzten Endes etwas verknautscht und verkrümmt neben einem Hügel aus frisch geernteten Zuckerrüben. Seine schwer demolierte Maschine tat es ihm nach - einhundert Meter abseitig und noch mit den Rädern geflissentlich ins Leere rollend. In etwa zwei Tagen würde ein hölzernes Kreuz die Kurve zieren, ein paar feuerrot flackernde Grabkerzen, das hübsche Bildnis eines viel zu früh von uns Gegangenen sowie neun lustig dreinschauende Kuscheltiere. Über den Bäumen zog frischer Wind hinweg und riss die ersten müden Blätter mit. Ein gewissenhafter Specht hämmerte auf eine tote Birke ein und suchte nach den schmackhaften Köstlichkeiten des Herbstes. Zwei Traktoren lieferten sich über einem schlammigen Acker ein kleines Wettrennen und bliesen stechenden Diesel in einen Moment voller absurder Normalität. Der Tag wird zu Ende gehen und letztlich am nächsten Morgen auch wiederkommen. Ein kleiner Junge läuft dann mit seinem Einkaufsnetz zum Bäcker und sammelt Speichel in seinem Mund. Die namenlosen Katzen der Stadt belecken sich die Pfoten und schauen sich prüfend um. Irgendwo am Himmel verliert sich die Feldlerche zwitschernd im riesenhaften Nichts.

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