Samstag, 17. Januar 2026

JAZZ! ALTER MANN!



THE OSCAR PETERSON TRIO macht Jazz alter Mann! Aufreizend vulgär sinkt die Nadel ins Gerillte und beginnt mit dem „Night Train“ von Duke Ellington. Locker flockig und leicht klimpert das Piano in die schwüle warme Nacht hinein. Vereinzelte Junikäfer wummern immer wieder an die erleuchteten Fenster meines Arbeitszimmers, erbeten damit Einlass in irgendeinen vermuteten Zustand des Glücks. Der schlanke Hals eines Supermarkt-Bieres biedert sich an und erzwingt schließlich ein leichtes Rauschen in der Hitze des Gefechtes. Zärtlich streichelt das kurz gehaltene „Georgia on my mind“ über meine aufrecht stehenden Rückenhaare, der Wolf wird heute keine Lämmer mehr reißen - es kann alles so schön unwirklich sein.

Jazz alter Mann, so alt und ehrlich wie der graue Bart in meinem müden Gesicht. Die Anziehungskraft der Erde nimmt täglich zu. Rapider Verfall mit deutlichen Spuren. Krise an Krise verfängt sich in einem unsortiertem Kopf - die Musik heizt diesen chaotischen Zustand nur noch zusätzlich an. Während der Film für jeden sichtbar gerissen scheint, marschiert der „Moten Swing“ unsensibel durch die leeren Säle des sinkenden Schiffes. Wie herrlich pathetisch und trübe! Was für ein Durcheinander! Jetzt kann ich hier im Moment nichts mehr für sie tun, bitte konkretisieren sie ihre Absichten und gehen fürs erste ihrer zahlreichen Wege. Jetzt habe ich geschlossen. Die Musik braucht mich.

Jazz alter Mann, lässt sich nicht auf leichte Schulter nehmen. Da ich nur die Hälfte von alledem verstehe, muss ich nun gut zuhören und mir alles merken. Jedes Gefühl benötigt seinen ganz eigenen Ort der Geborgenheit. Das kann wie bei „The Honeydripper“ durchaus zur Tortur werden. Mein Kopf rüttelt die 2:25 Minuten im Vollrausch durch. Gut gemacht Joe Liggins Jr., guter Junge, frohgemut und optimistisch mitten hinein in die Atemlosigkeit. Die Töne schwollen wie heiß gewordene Narben und erzählen in einer Tour von verträumten Sehnsüchten. Der kleine zarte Mensch mutiert zu erschreckender Größe, versteckt sich plötzlich hinter viel zu klein gewordenen Bäumen und beginnt sich selbst zu suchen. Oscar Peterson am Piano, Ray Brown am Bass und Ed Thigpen an den Drums.

Jazz alter Mann, du weißt was ich meine ... trinken wir alles zur Neige, alles was sich noch im Hause finden lässt. Still hocken wir nebeneinander her, wippen mit den Köpfen zu einem formidablen „Band call“ und lassen uns ordentlich gehen. Könnte diese Nacht vielleicht nur ein einziges mal kein Ende finden? Die Sonne würde gerade jetzt stören. Mit dem Licht begibt sich die Realität immer auf die Suche nach dem schlechten Gewissen. Das ist hier und heute einmal außer Kraft gesetzt und damit geht es dem geneigtem Zuhörer auf eine furchtbare Weise zu gut. Lassen wir „Hymn To Freedom“ also auf uns wirken und selig die Flaschen kreisen. So jung kommen wir uns in diesem Leben nie wieder so nah. Das warme Raunzen der Langspielplatte mischt sich auf eine durchaus gütige Weise in unseren Alltag ein.

Jazz alter Mann, das sind auch 2:49 Minuten „Volare“! Peter tritt die Fülle der leeren Flaschen einmal quer durch den muffigen Raum. Wir wissen uns nicht zu helfen, sind immer Kleinkinder geblieben, mit wichtigtuerischen Gesichtern und gegerbten Erfahrungen. Lass uns diesen Abend den Anschluss verlieren, alle Züge und Boote, Busse und Flieger, Taxis wie Bahnen greifen uns nicht mehr auf. Wir verharren in unserer seltsam anmutenden Starre und versuchen uns mehr und mehr am Gleichgewicht. Der unausweichliche Streit um die nächste Platte mündet in LITTLE STEVIE WONDER und „I call it pretty music but the old people call it the blues“. Peter spricht spontan Lobhudeleien aus, ganz so, als hätte er den Musiker auf eigene Faust gerade erst entdeckt. Das finde ich unangemessen und peinlich.

Jazz alter Mann, ist das aber nicht mehr! Hier singt und klatscht ein 12 jähriger blinder Junge angenehm frühreif zu herrlich pubertären Songs wie „Don‘t You Know“. Wir schlagen uns begeistert die Hände vors Gesicht und feiern unsere rötlichen Wangen! Wie geil! Hier will keiner mehr nachgeben. Im Kühlschrank holen sich die restlichen Flaschen keinen Schnupfen mehr. Lied um Lied wird verklärt und in den Himmel erhoben. Das leisten wir uns - pfeifen auf das Gekicher all jener, die uns einfach nicht verstehen mögen. Junge Anarchisten in alten Vasen oder so ähnlich. Das System machen wir uns zu nutze und schon funktioniert Ideologie auf steinigen Wegen. Stevie Wonder, du alte Rakete und Botschafter der Liebe! Wir trinken auf den Jazz und deine Jugend! Aus allem hast du das Beste gemacht: „Hallelujah I Love Her So“!

Uns wird schwarz vor Augen.

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