Mittwoch, 11. Februar 2026

THE SERVICE.



Im riesenhaften Berlin gibt es einen besonderen "psychologischen" Dienst - die Art Ego-Therapie, bei welcher der Klient sich fein nach dem Mund reden lassen darf. Das spezielle Konzept ist so einfach wie durchschaubar: Terminfindung, Vorstellung und dann Reden. Es gibt auch eine grünliche Couch aus grobem Cord. In einer Ecke tickt ein großer schwerer Uhrenkasten. Der jeweilige Moderator nimmt auf einem eher unbequemen Schemel Platz. Er ist auch derjenige, welcher die Informationen aufnimmt und eben nicht verarbeitet oder gar bewertet. Es wird einfach nur zu Munde geredet - also geschmeichelt, bejaht, genickt, befürwortet, unterstützt und einfach so getan, als ob der Klient mit allem im Recht und Reinen wäre. Das kostet allerdings einiges an Geld - schließlich leistet sich hier der Kunde eine Art „warme Dusche“ - also das Streicheln und Bepinseln der eigenen Befindlichkeiten. Dazu gibt es inklusive handgerösteten Hochland-Kaffee oder feinen Tee in jeglicher Form der Darreichung, die freie Wahl attraktiver männlicher oder weiblicher Moderatoren/innen sowie eine abschließende Massage der Schläfen.

Meinem guten alten Freund Peter habe ich dieses doch recht kostspielige Vergnügen zum vierzigsten Geburtstag geschenkt. Er durfte insgesamt eine halbe Stunde lang heulen, schimpfen, jammern, brüllen, sich selbst bemitleiden, wütend sein, philosophieren, lügen, denunzieren, behaupten, schreien, beschimpfen und verkrampfen - all das bei einer gut trainierten, frisch blondierten und mit den Augen aufreizend blinkernden jungen Dame im allerbesten Alter! Sie schenkte ihm die volle Aufmerksamkeit, jegliches Verständnis, aufrichtiges Mitleid sowie eine erwärmende Sympathie für all das „Erbrochene“ vom traurigen Peter. Das kostete mich am Ende pro Minute einen 10 Euro-Schein. Eigentlich noch ein Schnäppchen für den "Fall Peter". Der kam mir am Nachmittag mit praller Brust entgegen, nahm mich besonders fest und dankbar in seine Arme und hielt mich minutenlang in einer sehr freundschaftlich gemeinten Umklammerung. Hinterm Gleisdreieck hatte sich eine dieser traurig aussehenden Berliner Stadttauben in einer abgelösten Dachrinne eingeklemmt, schlug in furchtbarer Panik und rasendem Schmerz mit den Flügeln. Feine Federn rieselten auf uns herab und wir wähnten uns für den kürzesten Augenblick eines Lebens mitten im Winter.

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