Seltsam, seltsam kam er mir vor - der Busfahrer. Keiner der von Berufs wegen hinter dem riesigen Steuer hockt und seine Touren schrubbt, sondern ein Sonderling, welcher gleich in vorderster Reihe die Runden als Fahrgast mitfährt ... tagtäglich, ausgerüstet mit einer Jahreskarte und einem wachsamen Blick für das Große und das Ganze. Ein Interview:
Guten Tag Günther! Du bist MDV-Vielfahrer und von früh bis spät ausschließlich in Bussen anzutreffen. Wann beginnt deine tägliche Fahrt und wann endet sie schließlich?
Guten Tag, also die ersten Busse im Tarifgebiet des MDV starten bereits ab vier Uhr in der Frühe und enden etwa ein Uhr in der Nacht. Im ländlichen Nahverkehr, meine Passion sozusagen, geht es erst ab etwa fünf Uhr los und endet meist gegen zehn am Abend. An den Wochenenden fahre ich seltener mit ... hier kreuzen die Busse auch viel seltener das Umland, vor allem Sonntags.
Du kennst dich aus ...
Sicher doch. Neben sämtlichen Fahrzeugtypen sind mir auch fast alle Kunden und erst recht die Führer der Busse ein Begriff. Man kennt sich ... und die meisten schätzen mich auch.
Mir wurde aber erzählt, du seist ein "Sonderling, ein Verrückter" ... und das nicht nur von den Fahrgästen!
Ja, die kenne ich alle. Erkennt man an deren Blicken oder einem verbitterten Hüsteln. Einer hat mich sogar mal angerempelt und dabei “Verpiss dich endlich” gezischt. Und es gibt auch drei, vier Fahrer, denen es nicht gefällt, wenn ihnen ständig einer über die Schulter guckt. Dabei wechsle ich doch oft die Linien und gehe eigentlich keinem auf den Wecker ...
Und es ist ja auch dein gutes Recht, hast eine gültige Jahreskarte, bist höflich und hilfsbereit. Wie kommt das an?
Die meisten Leute kommen mit mir klar: Man grüßt wie unter alten Bekannten, klopft sich auf die Schulter, macht ein Schwätzchen oder trinkt in den Pausen ganz und gar einen Kaffee zusammen. Busführer sind eher einsame Typen, in sich gekehrte Einzelgänger und tragen eine ganze Menge Verantwortung. Die Anforderungen sind immens und man sollte in einem solchen, tonnenschwerem Gefährt ununterbrochen konzentriert bleiben ... Ich quatsche die Männer jedenfalls nicht während der Fahrt an - solange es keine Gefahr gibt.
Was für eine Gefahr?
Nun ... hinter den riesigen Lenkern sitzen Menschen. Jeder schleppt seine eigene Geschichte mit sich herum, trägt sein persönliches Päckchen - der eine hatte am Vorabend seinen Fünfzigsten mit drei Schnäpsen zu viel, ein anderer bedenkt sich seit Wochen mit Selbstmordgedanken weil seine Erna ihn betrügt, manchem fehlt oft ausreichender Schlaf oder die richtige Einstellung zu seinem Job. Ich habe Busfahrer kennengelernt, die haben ihre Fahrgäste angebellt, weil sie nicht die richtige Hautfarbe hatten - andere wiederum haben dafür unauffällig arme Schlucker umsonst mitfahren lassen. Das bekomme ich alles mit und schreite hin und wieder ein. Sekundenschlaf ist so ein Schlagwort.
Wieso?
Weil den Fahrern immer wieder die Augen zufallen. Vor allem in langen Staus. Die machen müde. Dann huste ich immer ganz laut, damit sich es nicht peinlich wird. Funktioniert immer.
Gern frage ich in meinen Interviews nach einem ganz besonderem Erlebnis ... gib doch mal eines zum Besten!
Sehr gern. Also: vor zwei Jahren machte ich was mit, was ich nie vergessen werde! Erwin aus Kleinkugel, seit über vierzig Jahren in Sachsen-Anhalt Busfahrer, stand kurz vor der Pensionierung. Hatte noch eine Woche zu fahren ... an seinem letzten Arbeitstag “borgte” er sich nach der letzten Schicht, der aller letzten Fahrt den Bus und wollte damit ans Meer. Und ich sollte mit! Also tankte er nochmal voll und wir fuhren durch die Nacht hoch an die See. Im Morgengrauen schlürften wir schließlich Tankstellen-Kaffee in einem leeren Bus. Wortlos. Er saß ganz vorn und träumte durch die riesige Windschutzscheibe hindurch, ich ein paar Reihen hinter ihm. Es war bombastisch: die Leere, die Stille, der Raum, die Zeit! Dann fuhren wir quer zur Ostsee in westlicher Richtung ... Rostock, Warnemünde, Heiligendamm, Kühlungsborn, Wismar und schließlich bis nach Lübeck. Aus dem stillen Erwin sprudelte es nur so heraus ... als habe er ein Leben lang geschwiegen und müsse nun alles nachholen. Unglaublich. Daran erinnere ich mich oft dankbar.
Nun komme ich zu meiner wichtigsten Frage ... warum fährst du so oft mit?
Es ist sehr einfach zu beantworten. Ein Leben lang, von Kindesbeinen an, wollte ich Busfahrer werden. Vor allem mit einem großen, modernem Reisebus. Aber leider hatte ich immer Angst vor der Fahrschule. Also generell - sogar für das Moped oder Auto. Hab es nie geschafft ... die Furcht vor den Prüfungen war einfach zu groß. Einmal hatte ich mich überwunden. Im Zuge einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme begann ich 1996 mit der Theorie. Während meiner ersten Fahrstunde versagten mir jedoch die Nerven. Komplett.
Aufgrund verschiedener Schicksalsschläge wurde ich Langzeitarbeitslos, erkrankte zwischendurch schwer und gelte jetzt als Invalide. Erspar mir weitere Ausführungen ... es war eine furchtbare Zeit. An einem Heiligen Abend schenkte mir meine damals noch lebende Mutter schließlich erstmals eine Jahreskarte für sechs Tarifzonen des MDV. Als Trost für alle Entbehrungen und Ansporn, den eigenen vier Wänden zu entkommen. Für mich brach eine neue Zeitrechnung an ... ich fühlte mich fortan wie ein Werktätiger. Der Rhythmus tat mir gut: Früh raus wie alle, spät rein wie alle. Zwischendurch viel gesehen und erlebt. Es ist eine Leidenschaft geworden.
Das spürt man. Leben braucht Leidenschaften. Allzeit gute Fahrt!
Danke dir Meiner.

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