Mir schräg gegenüber sitzt ein Mann mit lange nicht gewaschenen und geschnittenen Haaren. Er liest die russische Tageszeitung PRAWDA und hustet dabei unablässig, seitlich in den Gang hinein. Sein grau gestrickter, leicht melierter Pullover wedelt in ausgebeulter Übergröße an blassen, fleischigen Handgelenken. Eine dunkelblau Cordhose sowie schwarze, langweilige Halbschuhe komplettieren das fade Erscheinungsbild.
Im großen Fenster des Abteils ist mein Gesicht bereits leicht zu erkennen ... die Nacht zieht mit einem bedeckten Himmel und dunklen Vorahnungen langsam heran. Der Himmel möchte sagen: Gleich schüttle ich mich einmal kräftig, dann wird alles weiß und gut. Wenn ihr mich nur lasst. So sieht es aus. Ein trügerisches Bild voller Verzweiflung, Sehnsucht, Melancholie sowie Verbitterung. Es wird nicht schneien. Das sagen alle: Die News, das bedruckte Papier, internationale Wetterberichte, meine dralle Nachbarin, soziale Netzwerke, ein trunkener Pilot auf dem Weg in seinen Feierabend.
Es ist Freitag. Ein Tag so groß wie Scheunentor. So weit der Blick hinaus in unendliche Möglichkeiten. An einem großartigen Schriftsteller festbeißen, mit Tusche hantieren, schwer gefüllte Gläser heben, Plattenregale ins Visier nehmen, einen guten Braten ansetzen, auf einer vereisten Wiese herumjagen, die Welt in den Sucher nehmen, Holz spalten ... ein Freitag im fast leeren Abteil hält alles parat und vieles offen. Beim Ausstieg achte ich auf die Bahnsteigkante und nehme anschließend die kleine Abkürzung zur Trinkhalle. Dort steht und wartet seit fünf Tagen der Peter. Er kennt sich aus.

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