Mittwoch, 8. Juli 2026

WIR VERROHEN NUN.



Mit knapp über 40 Grad Celsius Hitze und einem peitschendem Südwest-Wind zittert sich ein elendig langer Sonntag ins Delirium. Über den teils abgeernteten Feldern kreisen verrückt gewordene Bussarde und lassen sich bei ihrer rasanten Jagd nach kleinem Getier von den Böen treiben.
Im Hof stapeln sich zuhauf die ausgeleerten Weinflaschen ... das große alte Tor knarzt und wummert in den rostigen Scharnieren. Hin und wieder rollen vereinzelt Autos über die alte, gepflasterte Dorfstraße - sonst ist hier nichts als ein Sommersturm, gleißende Glut und der vage Gedanke an die allmähliche Verrohung von uns allen. Unter einer riesigen Glocke aus Haribo-Goldbären, Weinbränden, Sauerbraten, Abgasen, Dispositionskrediten, Flugreisen, Siedlungen, Werbeagenturen, Aufmärschen, mikroskopischer Pornografie, Zuckerwatte, Ego-Zentren, Eitelkeiten, Narzissmus, chinesischen Nudeln, flächendeckenden Tätowierungen, Wühltischen, Vorsorge, Versicherungen, Trips und Staus verschwitzen wir wie in einem Hochofen unsere Sensibilität, die kleinen Ängste, eine naturbelassene Furcht ...
Überall sind tausende von Bildern, Motive und Farben die nicht für uns gedacht sind. Viel zu viel zu viel - auch noch bewegt und dabei auch zu schnell vorüber. Wir verrohen nun. Unmerklich und in aller Stille ...

Die Sonne sengt heute alles nieder. In einer alten Zink-Wanne erwärmt sich rasch das frisch eingelassene Wasser. Schnell hieve ich meinen maladen Körper in das noch etwas kühlende Nass und tauche für mehrere Sekunden ab. Schwer verrenkt, halb eingequetscht in der feuchten Enge wird mir klar im Kopf: Noch bleibt etwas Zeit zum Leben!

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