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Mittwoch, 9. September 2026

SPIEGELBILD.



Mensch sein, menschlich sein ... etwas von sich abgeben oder sogar zugeben. Die eigene Schuld, das eigene Versäumnis ... die Relationen nicht aus den Augen verlieren, das innere Kind immer mal wieder zu Wort kommen lassen. Freundlich grüßen, lächeln und eine einladende Grundhaltung einnehmen. Morgens in den Spiegel sehen und die Gesichtszüge trainieren, Lockerheit fördern, mit den Augen blinzeln ... die Zunge so weit wie möglich heraus strecken. Bis zum ersten Schmerz.

Den großen Bottich mit dem milden Kaffee stelle ich behutsam ab. Durch die staubige Fensterscheibe hindurch fällt mein aufmerksamer Blick auf das bemooste Dach gegenüber. Ein kräftiger Eichelhäher macht sich pickend daran zu schaffen. Im Frieden, in der morgendlichen Ruhe und mit einem gedeckten Konto scheint mir das Leben eine einzige Streicheleinheit. Warum nur ist das nicht jedem Menschen vergönnt? Gedanken blättern hin und her ... Fragezeichen krümmen ihren rundlichen Buckel bis zur Unkenntlichkeit.

Ein übrig gebliebener Lavendel-Halm streckt sich zur Sonne hin, das tiefgrüne Schnittlauch im Kräutergarten duftet mächtig vor sich hin, kräftig gewachsener Rosmarin steht andächtig still wie ein feiner Nadelwald in der Flaute. Der kleine Frieden mischt sich unter die emsigen Ameisen, leuchtende Feuerkäfer und schleimigen Nacktschnecken. Auf einem alten Felsstein trocknet die Marder-Kacke aus der unterkühlten Nacht. Alles ergibt sich aus sich selbst heraus. Bis das Glas gefüllt ist.

Donnerstag, 2. Juli 2026

DAS LICHT



Die Sonne strahlt dem Krieger ins Gesicht ...um, dort einmal angekommen, für den Rest des Morgens haften zu bleiben. Mit dem ganzen, vollem Rücken lehnt der Hüne an der knorrigen Rinde einer uralten Kastanie und starrt entgeistert auf eine weit auseinander klaffende Wunde am rechten Unterschenkel. Der rasende Schmerz barst ihm fast den Schädel, so sehr, dass ihm der eigene Schrei die Luft schnürte ... so, fast kirre und halb betäubt misslingt ihm klares Denken und das viele Weiß in seinen Augen verrät eine ohnmächtige Starre. Neben ihm im verdorrten Gras liegen Streitaxt und eine riesige Lanze, ein gebrochenes Schild sowie eine kleine, blutverschmierte Bibel. Im Wipfel des Baumes über ihm krakeelen kleine Vögel und stieben in regelmäßigem Abstand weit auseinander, drehen Kurven wie Kreise bis sie schließlich einträchtig zur Landung im Geäst ansetzen. Von all diesem Treiben, dem sanften Rascheln der welken Blätter, dem zarten Hauch des wärmenden Windes bekommt unser tapferer Mann nichts mit.

In einem immer gleichen, feinem Strom sickert das Rot seines Lebens aus dem verletztem Fleisch und tränkt die Muttererde unter ihm. Als zöge es ihn Stück für Stück in Gottes ewige Gnade, als ginge sein müde gewordener Leib einfach so langsam hinüber ... Jeder Gedanke verweigert eine Auflehnung gegen das Schicksal.
Schlaff und matt sackt der Korpus in sich zusammen.
Das Licht der Sonne mengt sich mit der aufkommenden Ewigkeit.
Vorher - da war das Schlachten. Der Kampf ums Land, gegen Verrat und Verderben. Ein einziges Hauen, Stechen ... ein Meer aus Hieben und Gebrüll. Er hatte sich vergessen ... seine Kindheit, die Gerüche, jede Melodie und Harmonie. Mutter, Vater, Haus und Hof - überhaupt die Sinnlichkeit des Lebendigen. Dafür kochte heißer Teer unter seinem glänzenden Helm, dafür zitterten ihm die Arme bei jedem Schlag und in einer unerklärlichen Gier tobten seine Waffen auf den Leibern seiner Gegner.

Jemand stützte seinen Kopf mit der flachen Hand. Er spürte es. Vorsichtig nahm sie das Gewicht von Hals und Schultern. Immer leichter wurde es ihm, immer mehr ging der Druck in ein Schweben über. Aus der Ferne rief eine Kinderstimme seinen Kosenamen ... mal leise, dann lauter ... ein Entfernen und Näherkommen im Wechsel mit den leichten Böen. Doch da war niemand. Keine Hand und kein Menschenkind. Dafür sog ihn die Erde an und seine Augenlider schlossen sich wie zum Schlafe. Ein winziger, klitzekleiner Seufzer verpuffte aus dem schmalen Spalt seiner trockenen Lippen ... jegliche Taubheit seiner Glieder ging in Schwerelosigkeit über ...

Ein mäßig gebauter Raubvogel landete neben der sterblichen Hülle und blickte scheel aus einem leicht angewinkelten Kopf ... aufmerksam ... jedoch ohne irgendeine Bedeutsamkeit. Die Schwingen in Bereitschaft, jegliche Bruchteile einer Sekunde zu nutzen um der Sonne entgegen streben zu können.