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Mittwoch, 10. Juni 2026

ICH GEHE.



Auf Wiedersehen - ich gehe! Vielleicht Zigaretten holen oder in einen undurchdringlichen Urwald, auf eine stillgelegte Autobahn, zur Post, auf meine Dienststelle, in die nächstgelegene Kneipe, auf Wanderschaft, in das teuerste Bordell der Stadt (und hinterher zur Beichte), zur lieben Großmutter, ins kühle Sanatorium, zurück nach Italien, zur Kur, mitten hinein ins stille Meer, auf den sichersten Berg der Welt oder einfach nur in den muffigen Keller ... aber: Ich gehe! Gehe, weil ich muss - weil schließlich alles hinter mir liegen und letztlich in Vergessenheit geraten soll. So als wenn nichts mehr ist. Wie frisch und behutsam gefallener Schnee aus einem dunklen Nachthimmel heraus ... wie er alles feierlich und würdevoll bedeckt, all den Dreck der Gegenwart und all die widerlichen Geschichten von Angst und endlosem Kummer. Es soll schneien, denn wenn ich gehe, dann auf pulvrigem Weiß. Durch die Hügel dieser Gegend hinab in die kleinen, seichten Täler, vorbei an den gefurchten Äckern, den leeren Pferdekoppeln, vereisten Bächen, entlaubten Weiden und Pappeln. Zum Flennen bei gleichzeitigem Gefrieren der Tränen ... was weiß ich denn. Der ganze Einkaufswagen eben wieder voll mit dem üblichen, erdrückenden Selbstmitleid. Es ist zwecklos dagegen die Gewehre zu laden ... zu verworren und verstrickt sind die Eindrücke und Schlussfolgerungen. Es gibt nichts zu sehen, bitte gehen Sie weiter!

Es ist Samstagabend irgendwo auf dem Land. Mein Blick verfängt sich hoffend im orangenen Licht der Dorfplatz-Laterne ... und siehe da: Es schneit! Die Meteorologen halten einmal Wort und wie dicke, fette Wattebäusche landen die Teilchen hier bei uns auf Mutter Erde. Ich sehe es mit kindlicher, fast schon diebischer Freude - möchte die Menschen aus ihren Häuschen, Villen, Verschlägen und Kasernen klingeln und zu einer nächtlichen Schlittenfahrt einladen. Mit Jauchzen und Gebrüll die Hänge hinab ... die steile Abfahrt hinterm Friedhof, der lang ausladende Berg kurz vorm Nachbarort, der holprige Hügel am Feldweg. Immer dichter drängeln sich die Flocken auf ihrem vorbestimmten Weg, immer ruhiger und gedämpfter gibt sich die gepflasterte Dorfstraße. Es ist eine Woche nach Silvester und in dieser momentanen Stille liegt ein kleiner Frieden. Ich gehe jetzt.

Sonntag, 5. April 2026

KOMM - WIR GEHEN!



Spätestens als der vermaledeite Befund wie eine Wand glasklar aber undurchdringlich - schließlich hart wie Stahl den weiteren Verlauf der Dinge kreuzte, spätestens da bekam ich die Endlichkeit endgültig zu fassen! Vollendete Tatsachen, unverrückbare Zustände knebeln die Atemwege bis zu einer kaum noch auszuhaltenden Beklemmung. Und da kommst du mir ausgerechnet mit dem lieben Gott! Erzählst mir von Hiobs Leid, bedauerst alles zutiefst und lässt, ohne es zu merken, die Schultern hängen. Den Hunger stillt man doch nicht mit einem verbranntem Toast! 

Das Kommen und Gehen verläuft nun schon seit Jahrtausenden immer auf die gleiche dramatische Art und Weise. Manchmal ganz im Stillen und fast reibungslos ... oder aber unter Schmerzen, einem Schrei und in schier unendlicher Verzweiflung. Vermutlich macht sich nur der Mensch ein ums andere mal darum einen Kopf, zerbricht förmlich an den Grübeleien über das Dasein und den tieferen Sinn darin. Die Sumpfdotterblume, das Tränende Herz, der alte Pflaumenbaum oder das kleine Kätzchen aus der Nachbarschaft - allesamt befreit von all den Zerwürfnissen, Gedanken, Plänen und Wünschen der Menschheit.

Peter legt einen seiner langen Arme über meinen von je her leicht gekrümmten Rücken. Still ist es um uns herum geworden. Sein rechter Fuß drückt den feinen Straßenstaub unter seinem Schuh hin und her. Peter ist verlegen und unbedarft hilflos. Was soll man auch sagen? Komm - wir gehen!

Dienstag, 30. September 2025

ALTE MENSCHEN.



Alte Menschen wellen sich, welken nach und nach - und manchmal fallen sie einfach so in sich zusammen. Mir gegenüber sitzt einer von jenen, denen die Zeit mit ihrer Großzügigkeit und Gnade entgegenkam. Die kleinen Augen blinken und blitzen noch immer lebendig und mit einem milden Blick durch den langen Gang des Zugabteils. Ein goldener Siegelring steckt umwachsen von weicher Haut an seinem dafür vorgesehenen Finger. Schwarze, schuppige Schiebermütze - eine ausladende Jacke aus künstlichem Leder, olivenfarbige Cordhose sowie der frisch-herbe Geruch von brennendem Rasierwasser sind weitere Kennzeichen. Sein Leben liegt vor mir wie eine eichene, gut verschlossene Truhe. Oder aber eine tief ausgehobene Fallgrube. Wir kennen die Menschen als solche - im Einzelnen bleiben Sie mir jedoch immer ein Rätsel. Das scheint mir auch keine völlig neue Erkenntnis - im Gegenteil: Banales bleibt banal. Es gehört nur eben als solches an seinen angestammten Platz und nicht in ein pathetisches Durcheinander. So bleibt alles in seiner Ordnung und mit ihr fühle ich mich sicher. Von der Geburt hinüber ins Altern, aus dem Kreißsaal heraus katapultiert um sich Jahre später in die Hände pflegender Kettenraucher zu geben. Am Anfang wie am Ende verstummt unser Wille. Oder er wird schlichtweg überhört.

Ein Militär-Psychologe umriss seine seelsorgerischen Künste einmal damit, seinem Klienten folgende Realität zu präsentieren: "Sie werden ein Krüppel bleiben, finden sie sich damit ab"!
Das Mädchen vor mir ist kaum zwanzig Jahre jung. Lange Rastas schlängeln sich aus einer weinroten, wollenen Street-Work-Mütze. Seeblaue, große Augen leuchten wie aus einem klaren Himmel heraus. Das Buch in ihren Händen trägt den Titel "Horror-Stories" und ist gut vier Zentimeter dick. Nebenbei beißt Sie kraftvoll-energisch in einen frühreifen, sattgrünen Apfel.

Mittwoch um 7:44 Uhr. Zwischen den Sitzen ist kein Platz. Breite Ärsche formieren sich, berühren einander und ungeniert dringt das Gefühl intensiver Nähe von Mensch zu Mensch. Es knistert Aluminiumfolie, der Geruch von Banane zementiert die Geruchssinne - es ist Berufsverkehr und nie werden sich fremde Frauen wie Männer näher sein. Die Leberwurst-Schnitte ist mit vier kräftige Bissen verschlungen worden.

Der Morgen hält die üblichen Augenringe bereit. Alte Menschen sehen sich madig und überhaupt in einem seltsamen, fahlem Licht. Um diese Zeit gibt es wenige ganz alte Menschen hier. Vermutlich quälen sich diese gerade aus ihren Steppdecken oder schlurfen durch einen kalten Flur in Richtung Toilette. Mein Großvater hackte früher immer das Holz - noch vor dem Morgengrauen. Später feuerte er den Ofen an, setzte Kaffee auf und raschelte mit der Tageszeitung. Eine mühsame, gute Zeit. Die Finger fast blau vor Kälte, rauchender Atem, kleine Tränen in den Augen. Essenzielle Tage ... wie massiv gezimmert für eine sentimentale Kindheitserinnerung.

Es scheint, als ginge es mit einem U-Boot in die unendliche Tiefe hinab. Stille und Leere überall - einzig das leise Rotieren der Motoren sowie der leichte Trommelwirbel unserer Herzen künden vom Leben. Die Zeit, also jene die uns bleibt, geht in einem ganz unterschiedlichen Tempo vornweg. Alte Menschen (damit schließe ich diesen Text) sollten bestenfalls und aus ganz natürlichen Beweggründen des Lebens müde sein. Dann hat alles seinen Platz.