Die Assistentin der Ärztin verunsichert mich. Sie redet mir viel zu viel und schließlich auch andauernd. Mein Warten auf die Behandlung wird dadurch zur Geduldsprobe. Ihr halbes Leben liegt vollkommen entblößt vor mir - die hektische Kindheit, eine vereitelte Jugend und stringente Studienjahre. Details ungeahnten Ausmaßes zieren ausufernde Rückblenden. Unverlangt geschenktes Vertrauen schmiegt sich an mich heran, schnürt und gurtet, zwängt und zwingt mich zur Kapitulation. Jede Pore meines Körpers signalisiert Überforderung, Not und Abwehrhaltung. Allein die Assistentin der Ärztin sieht sich leider nicht als Empfängerin dieser stummen Schreie. Mir bleibt nur der flüchtige Blick entlang des glänzend gebohnerten Korridors. Neonlicht spiegelt sich aufreizend auf dem Linoleum. Stumme Punkte zieren das kalte Grau.
Zu allem Überfluss überschüttet sie mich aus dem Nichts mit Fragen ... wie ich die Situation in den Amerika beurteile, wann der letzte Dauerfrost gewesen sein mag, auf was ich allergisch reagiere, welche Blumen auf meinem Beet wachsen, ob die Inflation andauern werde oder ob ich Angst vor einem nahenden Krieg habe. Wie gelähmt überlasse ich ihr selbst die Antworten. Darauf zielte es wohl auch ab. Manche Menschen stellen Fragen und bieten im gleichen Atemzug ihre Hilfe bei der Beantwortung an. Genau so eine war sie. Blond gelockt. Mit leichtem Silberblick hinter massiven Brillengläsern. Sehr breiter Hintern in einer viel zu engen weißen Stoffhose. Dazu weiße Ringelsöckchen über den sehr kleinen Füßen. Medizinische Sandaletten. Über dem rechten Ende ihrer Lippen erhob sich ein durchsichtige rosafarbene Warze. Zwischen beiden vorderen Schneidezähnen klaffte mittig ein breiter Durchlass. Während meiner Beobachtungen durchfloss mich ein leichter Rausch. Es schien so, als vermengten sich hunderte Worte zu einem wässrigem Wirbel. Müdigkeit stieg in mir auf. Matt und schlaff rutsche ich auf meinem Stuhl in mich zusammen. Ein kleiner feiner Faden von durchsichtigem Speichel suchte sich den Weg aus meinem halb geöffnetem Mund. Beim ersten Einschlafen kippte ich wie in Zeitlupe ab und landete auf dem bereits beschriebenem Boden des Flures. Ein kleiner feiner Traum erhob sich aus einer dunklen Senke und schenkte mir einen lang ersehnten Frieden.

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