Im dunkelsten tiefstem Dickicht zwischen meterhohen Nesseln, Disteln, Schlingen und spitzen Dornen, hängt der böse Wolf fest. Seine Augen sind müde und trüb wie ein starrer, verwachsener Teich, das Fell strähnig, verklumpt, zerzaust. Schlaff hängt der Wirbel - und das wenige Fleisch auf seinen Rippen lässt dieses ursprünglich wilde Tier erbärmlich erscheinen. Aus seinem Maul ist kein Heulen mehr zu vernehmen, keinerlei Klagen oder Aufruhr. Nichts an ihm scheint wehrhaft und die klamme Luft in diesem Dunkel riecht nach fauler, modriger Erde.
Es ist ein schaler Sonntagmorgen, grelles Licht flankiert aufsteigenden Nebel und die erste Herbstkälte lässt das Ungetüm zittern. Die Bäume stehen stramm und gehorsam wie unerbittliche Wachen, gekleidet in dunklem Grün welches fast ins Schwarz übergeht. Unter morschen Hölzern bewegen sich hunderte Asseln, kleines von der Welt völlig ignoriertes Getier ohne Bedeutung.
Das Leben ein zerbrochenes Lineal, gebraucht und in gewisser Weise unnütz. Keinerlei Laut dringt hinein in diese Düsternis - geschweige denn aus ihr heraus. Der böse Wolf schaut mühsam auf und sucht den Himmel ... allein kein Blau touchiert seine Pupillen! Nichts als dumpfe, triste Tiefe!
Was hat Gott vor? Worin liegt seine Hoffnung, seine Gnade? Auf welchem Weg führt die Einsamkeit ins Licht?
Das Tier hat etwas auf dem Kerbholz, so viel steht fest. Nicht umsonst ist's der BÖSE Wolf. Aber spielt das eine Rolle? Vielleicht. Weil Strafe sein muss. Schließlich hat Gott auch bestraft - wie soll sich wohl sonst auch das Gute schützen lassen ...
Der Aussätzige kämpft mit sich. Sonst keinerlei Regung zeigend, tobt ein Sturm durch seinen Kopf und wirbelt die Gedanken umher. Die missliche Lage scheint aussichtslos: Von aller Welt verlassen, badend im Selbstmitleid und sich wälzend mit der Schuld.
Die Fragen dieser Tage stehen uns ebenso bis zum Hals. Was ist richtig und was falsch. Wer meint es ehrlich mit uns, mit mir? Wieviel Leid steht der Liebe weiterhin im Weg? Ist der Himmel tatsächlich noch unberührt vom menschlichen Filz? Wie viele Heldentaten braucht es bis ins Ziel? Sind unsere Bewegungen dem Leben noch nützlich oder nur Diener einer bezweckten Zuversicht? Glauben wir all das, was wir unseren Kindern erzählen oder wollen wir nur ihre Unbedarftheit behüten?
Es gibt keine Antworten die uns vollumfänglich bedienen, schon gar nicht auf Bestellung zur richtigen Zeit und am richtigen Ort. Die Fehlerketten innerhalb unseres Daseins reißen nicht ab und knebeln unseren Laut, so wie es dem Wolf die Stimme verschlägt. Alles was uns tatsächlich bleibt ist die Besinnung, die Einkehr und Konzentration auf das wirklich Unmittelbare! Die paar Jahre vor uns, die unendlichen Jahrhunderte nach uns: Wir sind nichts, schließlich wohl sogar weniger als das kleinste Sandkorn am Weg ... mit dieser Demut lässt es vielleicht wieder zu einer gleichmäßigen Atmung finden.
Und wenn er nicht gestorben ist, dann er lebt der Wolf noch heute.

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