Mittwoch, 8. April 2026

MUSKEL.



Ganze Gebirgszüge aus steilen Muskeln schwirren durch meinen Kopf. In einem jähen Anflug aus Midlife Crisis, jugendlichem Ehrgeiz, Pioniergeist, militärischer Prinzipientreue, Selbstachtung und Zielstrebigkeit mobilisiere ich seit mehreren Jahren jeden einst zur Ruhe gekommenen Muskel. Schließlich war da ja mal was. Man war ja mal wer ... Bezirksspartakiade, Blechmedaillen, Urkunden aus recyceltem Papier. 3000 Meter in knapp 10 Minuten - da war ich 16 Jahre jung und wollte wie ALI “Ich bin der Größte” in die Nacht brüllen.

Das Training ist stumpfsinnig, eintönig, still, primitiv, öde, karg, stupide und lebt von ständiger, gleich bleibender Wiederholung. Einsamkeit ist Trumpf, allein mit den schweren Gewichten, den  strammen Riemen ... verlassen wirken auch die Knie- und Rumpfbeuge. Immer wieder laufe ich zwischen den Einheiten aufrecht durch den Raum, pruste, wölbe stolzierend die behaarte Brust, kreise mit den Armen und treibe mich mit klaren Anweisungen an. General und einfacher Soldat in einem Atemzug.

Mein Kopf leert sich. Eine verrührte Brühe aus Haferdrink, Quark, Banane, Hanf-Protein, Kokosfett, Olivenöl und Zimt wabert in den durstigen Schlund meines sperrangelweit geöffneten Maules. Die Oberarme haben sich verändert, Bizeps und seine Geschwister rekeln sich schwerfällig wie nach einem viel zu langem Mittagsschlaf. Bauch geht zurück und kehrt Schritt für Schritt als Ursus, Brutus, Adonis, Cäsar oder Rambo zurück. Was für ein Wiedersehen!

Bodybuilding interessiert mich. Vor allem die eiserne, minutiös Disziplin dahinter. Eiweiß, Proteine, Fett, Kohlenhydrate, Insulin, Atmung der Muskeln, Verbrennung, Ausschüttung, Wasser, Zucker, Nüsse ... Struktur und Gewissheiten umgarnen den Betriebsablauf des Körpers. Bis hin zur Selbstaufgabe zementieren die zähen Girls und bergigen Boys ihre Einstellung zur Definition des Körperbaus. Mitunter ist dafür wirklich jedes Mittel recht. Dennoch bleibt die Qual nicht aus - als sei der Mensch nicht ausgelastet genug.

Da liege ich nun flach auf dem Rücken, recke zum X-ten mal die Kilos der Hanteln gen Zimmerdecke und spüre in der Mühsal nichts als die Bereitschaft zu kämpfen: Gegen das Böse, gegen all die üblen Erkrankungen dieser Zeit, tickende Diagnose-Bomben, gegen den Irrsinn der Welt, den Hunger, Missbrauch, Terror ... Kämpfen gegen die eigenen Untiefen, die Sattheit und den ausdauernden Wünschen nach immer mehr vom Leben. Salziger Schweiß brennt mir in den Winkeln meiner Augen. Allein mit mir, den Gewichten, der Zeit und den Muskeln.

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