Auf dem alten morschen Steg am See, der mit den fehlenden Brettern, dort wo keine Boote mehr angekettet werden, sehe ich hinaus auf den minimalen Klang vorsichtig bewegter Wellenspiele. Ausgebreitet, alle Gliedmaßen gestreckt, liege ich auf meinem Bauch und starre ins klare kalte Wasser. Kleinere Bataillone von winzigen Fischen stehen auf der Stelle und scheinen auf irgendein Ereignis zu warten.
Schutz und Deckung in der Einsamkeit - vergeblich läuft die Sehnsucht danach ins Leere. Mutter, Vater, Großvater und Großmutter - sie fehlen mir. Der Lauf der Dinge bekommt einen immer bitterer werdenden Beigeschmack. Das Wachsen und Gedeihen der eigenen Kinder ist ein Glück und auch ein Trost - das Fehlen aller anderen jedoch noch immer quälend.
Ganz dort hinten liegt der alte vergessene Strand. Die Badestelle ist zu gewuchert von aufdringlichem Schilf, einer Art von Natur die auch mitunter unverzeihlich radikal über alles drüber fährt. Melancholie ist eines dieser Bitterstoffe, an denen ich immer wieder vorsichtig lecke und dann doch abwehrend zurückschrecke. Das Abfinden mit den Realitäten ist ein ewiger Kampf mit der eigenen Zuversicht und endet meistens im Undank.
Meine Arme baumeln jetzt ganz knapp vom gesplitterten Holz herunter, kurz über dem seichten Spiegel des Wassers. Vorsichtig streifen müde Fingerkuppen die Oberfläche und zerreißen dabei Glätte und Harmonie. Die Kinderfische sind verschwunden. Kleine Tropfen plumsen herab und viele Ringe breiten sich sekundenschnell aus. Alles beginnt sich zu drehen und zu schwanken, Schwindel überfällt mich, der aufkommende Wind greift gierig und kühlend nach meiner Hüfte.
Wohin also mit den Wäldern aus Gedanken? Viel zu viel Gestrüpp und Dickicht, Verkettungen, Täler, Berge und Gruben. Der Ausweg aus all dem Wirrwarr ruht in mir selbst und bevor ich in meiner Handlungsfähigkeit regelrecht erstarre, streife ich meinen Schlüpfer herunter und geselle mich mit kühnem Sprung zu den klugen Fischen und frage sie unbedarft nach Rat. Schmerzhaft reißt es an meiner Durchblutung, verkrampft wirkt der Versuch zu tauchen. Es ist Ende März und unter einem verkümmerten Eichenblatt versteckt sich der letzte Schnee.
Schlotternd, zitternd, zähneklappernd renne ich über eine vom Reif bedeckte Wiese, das Herz völlig verschrumpelt, der Fluss des Blutes zäh und beide Füße blau vor Schmerz! Kleiner dummer Junge der ich immer geblieben bin, ein wirres und nun schon recht langes Leben lang! Mein Selbstmitleid ist wie eine fünfstöckige Sahnetorte gebaut ... gespickt mit unendlich vielen Kerzen - was für ein umwerfender Anblick! Ja, ich weiß es.

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