Mittwoch, 29. Juli 2026

DER AUFSATZ 2



//Außerhalb meiner großen inneren Unruhe weht ein ausladender schwerer Schatten in allen möglichen Farben. Mit einer feinen silbernen Gabel verkleinere ich Stück für Stück die vor mir liegende Sahnetorte. Alles verschwindet in einem großen taubem Maul und legt sich bleischwer in die Quere meines Wohlbefindens. Spiralförmig spielen sich die Gedanken auf, tanzen und wirbeln herum, drängen sich an mich heran und verschieben jede innere Ordnung. Sahnetorte-zu Befehl! Immer nur hereinspaziert! Süßes, Klebriges, Vollmundiges, Fettiges ... schweres Gestein! Einhundertfünfundsechzigtausend kleine bösartige Stichpunkte - noch dazu schmerzhaft wie Nadelstiche - erinnern mich an alles und jeden der mir etwas Böses nachsagen könnte. In aller größter Not befindet sich die Gabe endlich Einschlafen zu können ... stattdessen liegen überall angefangene und nicht zu Ende gedachte Wahrheiten, Illusionen, Möglichkeiten, Verkettungen, Ideen, Konsequenzen und Irritationen. Völlegefühl bläst mich förmlich auf und schon bahnt sich der Zeigefinger seinen Weg in das dunkle Innere meines zögernde Mundes.//

ABBRUCH! ABBRUCH!

Die Zeit war plötzlich abgelaufen! Frau Schneyder sammelt die Aufsätze gewissenhaft und auf die Minute pünktlich ein. ICH KÖNNTE KOTZEN! - so das altersgerechte Thema am heutigen Donnerstag bei 38 Grad Hitze im kargen Schatten des alten Schulgebäudes. Frau Schneyder unterrichtet uns in Deutsch und greift gern lebensnahe Themen der Schüler und Schülerinnen auf. Sie möchte an das Große und Ganze ran und mit ihrer Art von Schule für Lebendigkeit sorgen. Sie ist gut zu uns. Wenn ich mal am Abend nicht einschlafen kann, dann streichle ich mich vorsichtig an beiden Armen und stelle mir vor das sei Frau Schneyder. Ihre unglaubliche Sauberkeit, ihre gepflegten Umgangsformen, die nach Frische duftenden Anziehsachen, das konsequente Auftreten - all das gibt mir eine gute Heimat. Oft wünschte ich ihr Kind sein zu dürfen. Das sind schöne Vorstellungen und ich greife nach meinem abgelegenen Plüsch-Elefanten und atme tief an seinem Geruch ... wie an einer alten muffigen Couch. Beim Verlassen des Klassenraumes trifft mich kein extra zubereitetes Lächeln, kein motorisches Zwinkern - aber ein unverbindlicher Blick voller Güte der mich davonschweben lässt.

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