Posts mit dem Label Abenteuer werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Abenteuer werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 3. April 2026

ANGELN OHNE HAKEN. DAS INTERVIEW!



Angeln ohne Haken. DAS INTERVIEW

Kleinen Kindern kann man getrost einen morschen Stock samt befestigter 2m Wäscheleine in die ungeduldigen Hände drücken und sie an einem Dorfteich für lange Zeit einem angespannten, hoffnungsvollen Warten überlassen. Mit geradezu bemitleidenswerter Geduld harren die Kleinen dann der Dinge, welche mit 99,99 prozentiger Wahrscheinlichkeit nicht in Erscheinung treten werden: Fische! Denn die ganze Angelegenheit hat sprichwörtlich keinen Haken. Angelhaken.
Das nun aber ein erwachsener Mann mit modernstem wie gleichsam teuren Angelruten loszieht und dabei von vornherein nur mit Sehne und Senkblei zufrieden ist - das ist eine mittelschwere Sonderbarkeit! Angeln ohne Haken lebt von allerlei Besonderheiten ... nicht jedoch vom Fischfang. Darüber komme ich mit Steffen ins Gespräch.

Steffen, du bist auf dem Weg zum Wasser, zu deinem Boot. Was hast du dabei?

Meinen Jägerrucksack mit zwei Flaschen roten Weines, zwei große Rosinenbrote, eine lange Kabanossi-Wurst, ein Buch, Regencape, Schnitzmesser, Klopapier, eine Flasche Mineralwasser, eine Angler-Zeitung ... dazu die Dollen und Ruder fürs Boot und vor allem drei hyper-moderne Wurfangeln.

Die Angeln sehen tatsächlich edel aus! Was kostet so etwas heute?

Mit allem drum und dran etwa 190 € je Stück ... das violette Schmuckstück sogar knapp 400 €. Angeln ist ein teures Hobby.

Aber ein wichtiges Utensil bzw. Detail fehlt dann doch ...

Ja, die Haken - also generell die gesamte Fangtechnik.

Du wirfst also deine Angeln aus und hast dabei gar nicht die Absicht etwas zu fangen? Kein kapitaler Karpfen, kein widerspenstiger Barsch, kein eleganter Aal, kein furchterregender Hecht? Keine Spannung, kein Erfolgserlebnis?

Nun hör aber mal auf ... Ich kenne genügend Angler, welche einen ganzen Tag am Wasser hockten und außer ein paar Plötzen das Maul zu zerfetzen keinerlei Erfolg, in deinem Sinne, feierten. Dennoch haben Sie viele Stunden aufs Wasser gestarrt, genüsslich an der Bierflasche genuckelt und den Regen auf ihr Haupt prasseln lassen. Die Begeisterung am Angeln muss nicht zwingend mit dem Fang in Verbindung stehen ... es ist viel, viel mehr!

Dann schildere doch mal das “mehr”!

Es sind die Rituale! Vor allem wie ... das Aufstehen im Morgengrauen vor dem ersten Hahnenschrei, der frisch aufgebrühte Kaffee, das Packen aller Materialien, der Weg durch den kalten Morgendunst zum Bootssteg .... durch feuchtes Gras und unzählige Nacktschnecken. Das Ausschöpfen des Bootes, das Verstauen, das Einrasten der Dollen, erstes Geschrei der Seevögel, das Losbinden der Leinen ... schließlich dann die ersten sanften Ruderschläge ... die kleinen Perlen von Wasser auf der nebligen Wasseroberfläche. Und, um es mit den Worten des deutschen Schriftstellers Siegfried Lenz zu sagen: es ist die „Erwartung“ dessen, was solch ein Tag auf oder am Wasser bringen wird. Das muss kein Fang sein. Soll ich noch weiter ausholen?

Verstehe ... aber den eigentlichen Sinn des "Angeln gehen", der Kick an der Sache ... Es mutet mehr als skurril an, dass Du Deine edlen Wurfangeln ohne Fangtechnik benutzt.

Nun - ich benutze die Angeln wie jeder andere auch ... fixiere ein Ziel, schleudere die Sehne samt Senkblei möglichst genau ... kurbele sanft ... korrigiere ...
Wenn mir danach ist, hole ich alles wieder ein und versuche neue Ziele zu erreichen.

Aber konkret: was machst du denn, wenn andere Angler gespannt auf Ihre Posen stieren, jedes Wackeln und Zittern der Leine mustern und zuordnen ... sprich in die Knechtschaft ihrer eigenen Spannung geraten und alles um sich herum vergessen?

Ganz so ist das Angeln heute nicht mehr! Fast alle benutzen heute Elektronik ... Technik welche es ermöglicht, ganz ungezwungen nebenbei sein Zelt aufzubauen oder den Grill anzuschmeißen. Das Angeln von heute hat sich derart spezialisiert und technisch perfektioniert, dass die ureigene Grundspannung sowieso nicht mehr zu finden ist. Es geht den meisten mehr um das Draußen sein, die Geselligkeit, etwas Natur-Party ... und wenn dann noch ein kapitaler Hecht im Käscher zappelt, sind die Handys für das übliche Posing schnell zur Hand. Als Kind habe ich selbstverständlich noch mit kleinen, alten Haken geangelt ... der Teig fiel meist schon beim Auswerfen ab ... und dennoch hockte ich stundenlang und meist erfolglos am Ufer. Im Grunde genommen gibt es hier die meisten Schnittstellen zum Hier und Heute. Entsprechend belächelt mich die Umwelt ... sie glaubt, ich sei ein Idiot - dabei bin ich doch nur ein großes Kind!

Auf die Umwelt wollte ich tatsächlich noch zu sprechen kommen ... Du hast es ja schon angedeutet - aber wie reagiert man auf dein Tun?

Du musst wissen, das jeder der Angeln geht einen Schein dafür benötigt ... das heißt, auch ich bin organisiert. Die Aufmerksamkeit anderer ist mir daher sicher. Die meisten lästern darüber ... „Lass uns noch was im Teich“ oder „Waidmanns Heil“.
Viele sehen es mit Humor andere jedoch mit stummen Argwohn und Kopfschütteln. Letztlich fühle ich mich kaum anerkannt und mitunter als lästigen Trottel in einer hoch sensiblen Gemeinschaft aus selbst ernannten „Profis“. Es ist manchmal nicht so einfach - obwohl sich eigentlich niemand an mir stören muss. Die Akzeptanz des bloßen Anderssein ist für manche Menschen kaum zu ertragen ...

Isst du eigentlich Fisch?

Ja, sehr gerne sogar! Bevorzugt grätenlos, in Mehl gewälzte Filets mit einem Scheibchen Zitrone ... Das ich ohne Haken angele hat auch letztlich nichts mit Tierliebe oder sonstiger Ethik zu tun. Mir fehlt auch noch deine entscheidende Frage in diesem Interview ...

Welche denn?

Die große Frage nach dem WARUM!

Stimmt. Also abschließend ... warum angelst du ohne etwas fangen zu wollen?

Es sind diese Augen ... diese unfassbar traurigen, fragenden Augen dieser schönen Tiere! Der Moment, in dem ich mit der linken Hand den schleimigen Leib umschließe, der Fisch in seinem Zappeln geduldig innehält und ich mit meiner rechten Hand den Haken aus der verhornten Oberlippe heraus drehe ... dieser unsagbar tiefe, müde und hoffnungslose Blick an der trocknen, immer dünner werdenden Luft! Dem halte ich nicht stand! Aber es ist kein Mitleid, kein Dusel der großen Gefühle ... vielmehr Respekt von Angesicht zu Angesicht. Viele Menschen würden ja Tiere gar nicht verspeisen, müssten sie ihnen vorher bei lebendigem Leib in die Augen schauen müssen ... Letztlich verdränge ich also spätestens im Fisch-Restaurant meine Gedanken und lasse es mir schmecken. Aber beim Angeln selbst ... erliege ich diesem natürlichen Anmut und kapituliere. Alles andere rund ums Angeln gönne ich mir um so intensiver ... So schwer das für manche nachvollziehbar ist.

Vielen Dank für dieses wunderbare Gespräch mit dir!

Freitag, 26. September 2025

LIEBE UND SO WEITER.



Peter saß aufrecht an der Bar. Das kam selten vor. Peter teilte sich sowohl das Bier als auch den Schnaps diszipliniert ein. Das hatte einen guten Grund. Er war verliebt. In die fast gleichaltrige Frau neben ihm. Sie saß ebenfalls aufrecht. Es gab gegenseitige Bekundungen von Interesse. Wie es der Zufall wollte, hatten sie viele Gemeinsamkeiten. Sie war toll. Vor allem immer dann, wenn sie traurige Kindheitserinnerungen schilderte. Dann bekamen ihre Augen einen bemitleidenswerten Glanz und Peter fand das hübsch. Der Wirt nickte ihm immer wieder aufmunternd zu. Es waren nicht mehr viele im Gastraum. Die Gespräche drehten sich um Vergangenheit und die Bewältigung des Alltages. Irgendwann berührte sie vorsichtig seine Hand. Dieser Kontakt blieb dauerhaft bestehen und Peter konnte die kommenden Biere und Schnäpse nur noch einhändig zu sich nehmen. Ihr ging es genau so. Aber das war jetzt unwichtig geworden. Wenn man sich frisch verliebt hat, dann wird einem angenehm mulmig und es kitzelt irgendetwas in der Magengrube. Davon berichten auch viele Schlagerhits übereinstimmend. So ging der Abend dahin und glitt hinüber in eine aufregende Nacht. Sie saßen noch immer am Tresen auf ihren hohen Hockern. Viele Biere und viele Schnäpse waren gekommen und gegangen. Peter war sich nicht mehr so sicher. Seine Haltung wurde etwas lasch. Die Frau neben ihm himmelte ihn an. Sie plante bereits kommende Stunden des lustvollen Miteinanders. Sie streichelte seinen runden Rücken. Der erste Kuss stand im Raum. Die letzten Gäste gingen. Aus dem Radio dudelte Lionel Richie. Zufälle gibt es. Es wurde heiß und Peter saß plötzlich in einer Art Falle. Das Leben hat einmal mehr an Kompliziertheit zugenommen. Zuviel Alkohol in zu kurzer Zeit. Zuviel des Guten. Die Liebe war plötzlich wie eine gierige Krake. Peter bekam es mit der Angst zu tun. Er wollte gehen. Sie verstand das als den auffordernden Rest. Vor der Bar im Morgennebel hielt sie ihn fest. Ihre Zunge schob sich drängend in seinen Mund und fuhrwerkte darin herum. Schwindel überkam den Peter. Er musste gehen. Sofort und endgültig. Wie zur Entschuldigung drückte er noch einmal an ihrem Mantel und den darunter verborgenen Brüsten herum. Dann rannte er los. Als ginge es um Leben und Tod.

Die Straßenlaternen flogen an ihm vorbei. Er suchte schnellstmöglich das Weite. Peter war in Sachen Liebe schon immer ein Hasenfuß. Ganz nah bis ans Feuer - aber daran verbrennen? Nein. Er möchte dieser Frau nicht noch einmal begegnen. Zu viele Verbindlichkeiten und Versprechungen standen im Raum. Liebe fühlte sich anfangs stets großartig an. Dann öffneten sich jedoch immer Regelwerke. Die üblichen Abläufe. Das ewige Spiel mit dem stets unsicheren Ausgang. Peter wuchs das auf Dauer über den Kopf. Er saß jetzt am Ufer des Stadtkanals und stierte mit verquollenen Augen auf treibendes Holz. Dieser Anblick sorgte für etwas Ruhe in seinem schmerzenden Schädel. Müdigkeit befiel ihn. Die Frau tat ihm leid. Er kam sich vor wie ein Zechpreller. Ein richtiger feiger Lappen. So war das mit ihm. Ein Leben lang Katz und Maus. Nichts wurde konkret. Ein flacher Stein verließ die Umklammerung seiner rechten Hand und flog zitternd durch den Dunst der Frühe. Auf der Wasseroberfläche zogen Linien lauter wandernde Kreise. Das würde sich wieder beruhigen. Dafür lag der Stein jetzt für immer auf dem dunklen Grund. Wie seltsam sich all das anfühlte. Eigentlich war alles was er tat banal. Die großen Kriege führten andere. Er grübelte zu viel. Aber das führte ja letztlich zu nichts. Er musste jetzt die Bar für eine Weile meiden.