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Sonntag, 17. Mai 2026

WORTE.



Man sprach ihn an. Wenngleich es eher ein Speichel speiendes Schreien war ... doch der Hall dieser einzelnen Worte schoss einfach so an ihm vorbei ... rechts und links, sogar über ihn hinweg ... das eigentliche Ziel verfehlend  ... wie vor Wut rasende Düsenjets ... während er sich nur behutsam die abstehende Haut vom Daumen schürfte. Geradezu träumerisch haftete sein sehnsüchtiger Blick an den ausgewachsenen Brüsten von Sandra ... streichelnd, liebkosend ... sanft umrandete Konturen unterm weißlichen Pulli. Die Welt war rund und schön ... mit jedem weiteren Traum wurde er immer noch etwas erwachsener. In der zweiten Stunde dann Schulsport. Ein schweres Schlüsselbund kam durch die Luft geflogen und krachte ihm klirrend wie schmerzhaft gegen die linke Schulter. Lehrer dürfen das. Die Wahrheit über das Leben in einem Klassenzimmer lag irgendwo zwischen säuerlichem Scheuerlappen-Geruch und dem unruhevollem Kippeln auf viel zu klein geratenen harten Stühlen. Unter der beschichteten Tischplatte klebten fest erstarrte Kaugummis neben frisch abgeschmierten Popeln. Ein robuster Zehntklässler hat vorige Woche sehr filigran die markanten Initialen der Gruppe KISS ins Furnier geritzt.
Die gebrüllten Worte erstarben im Nichts um ihn herum. Ein zusammengefasster Berg an Schlüsseln lag machtlos neben ihm auf dem glatt gebohnertem Linoleum. An der spinatgrünen Tafel reihten sich die Muster von Zahlen auf. Er betrachtete noch immer ausdauernd das gleichmäßige Heben und Senken straffer Busen ... diesmal die von Steffi. Sie liefen nach vorn etwas spitzer zu als bei der bigotten Sandra ... streng geometrischen Kegeln gleich. Sein Hausaufgabenheft lag wie hingeworfen vorn auf dem Lehrertisch. Für weitere Worte.

Dienstag, 5. Mai 2026

WOHNSTADT-NORD.



Buggy’s ... wohin das Auge reicht! Dazu junge Muttis in äußerst eng anliegenden glänzenden Leggings, PALL MALL zwischen linkem Zeige- und Mittelfinger, Mobilfunk in der rechten Hand ... halb verschlafen und verträumt knabbern dazu die vielen, süßen Plagen an maschinell geformten Brötchen aus dem nahegelegenen Discounter. Unter den kleinen Köpfen wabert Zigarettenrauch - und außerdem fliegen einzelne, lapidare Wortfetzen aus hastig geschminkten Schmollmündern ihrer Mütter. Es ist Montag in der Frühe, gegen 8:30 Uhr - die Liebe hat das Leben verlassen und das Leben die Liebe. So scheint es für einen kurzen Augenblick bei meiner flüchtigen Beobachtung.

Mike ist Maler und seit sechs Uhr auf Baustelle, Pascal sitzt in der Straßenbahn zum Amt, Torsten schläft noch von seiner DHL-Schicht, Luke lernt Dachdecker und hat Berufsschule, Max hat sich für den Dienst an der Waffe entschieden und kommt erst nächsten Monat wieder auf Besuch ... insgesamt fünf Väter haben sich entweder vor oder kurz nach der Geburt ihrer Buggy-Insassen aus dem Staub gemacht ... “Solche Behinderten” ...

Der Sand auf dem Spielplatz ist noch ganz feucht von der kurzen Nacht. Die Kippen vom Sonntag-Nachmittag werden heute gegen 9:00 Uhr die Jungs von der Stadtreinigung wegharken ... aus den Abfallbehältern stinkt es nach Steak-Soße und angetrocknetem Vanilleeis ... niemand hier registriert seine unmittelbare Umwelt - denn derart emotional sind jetzt die Gespräche geworden. Lukas und Damian, die Zwillinge in dem schwarzen Doppelsitzer bäumen sich bereits auf, begehren die Bewegung und das Spiel. Ganz langsam zieht die Sonne hinter dem linearen Geflecht des Sechsgeschossigen hervor, wie aus einem sicheren Versteck heraus und pflanzt schließlich ihr erbarmungsloses Licht in die beigefarbenen Gesichter der Frauen. Manchmal wirkt deren Rouge wie eine zweite, künstliche Haut und das wahre Gesicht bleibt dahinter verschlossen und fast unbeweglich. So präsentiert sich diese ganze Szenerie als stumpf, schroff, spröde ... so wird dieser Montag zu einem trostlosen Ausblick auf die mitunter gähnende Leere des Alltags. Die Lust auf alles gehört zu der Vergangenheit.

Sonntag, 19. Oktober 2025

DER KUSS.



Die erste flüchtige Berührung unserer Lippen war schon unangenehm. Der nachfolgend lange, schnalzende Kuss schmeckte nicht und die mit der Zunge um sich schlagende Frau war auch die Falsche. Ihre schlanken Arme klammerten meinen Rücken direkt im Hohlkreuz und ich war mit den Gedanken mitten auf der Flucht. Zwei volle Brüste pressten sich gegen mich, ihr Kiefer malmte wie eine Maschine die nach Öl bohrt. Schlaff und lustlos, zurückhaltend wie frei baumelte meine Zunge in ihrem Mund. Die Zeit wollte dabei nicht vergehen, wie eingefroren stampfte die Situation wütend auf der Stelle und ich besaß nicht den Mut sie zu enttäuschen.

Der Abend bestand aus Erinnerungen und Schnäpsen. Es wurde einiges geraucht und mit jeder Zigarette wurden aus Visionen gelallte Komplimente. Sie hatte Durst nach einem Mann. Mir war nach weiblicher Aufmerksamkeit und ich spielte mit ihren Annäherungsversuchen wie mit einem aufgezogenem Mobilee. Ihre Einladung schlug ich aus. Das ist Jahre her und die Margeriten blühen in einer Art und Weise das mir ganz warm ums Herz wird. Auf meinem Weg tanzen verspielte Schwalben und vertilgen in höchster Geschwindigkeit kleinste Insekten. Weit draußen auf dem goldig gelbem Feld tuckert zwischen wogenden Halmen ein Traktor älteren Modells. Der Staub des späten Abends bittet um Bedenkzeit für seine nächste Ruhestätte ... mir springt das Herz vor Glück gleich völlig entzwei.

Freitag, 10. Oktober 2025

11 JAHRE.



Unter uns: Elf Jahre hinter polierten Gittern sind nicht eben schmerzfrei. Sören war exakt bei Tag 1 von 4015. Die entsprächen 44 Jahreszeiten. Um es noch genauer und unerträglicher zu formulieren: jetzt waren fünf Stunden um - und 96.355 würden noch verlangsamt, wie in Zeitlupe auf ihn zu und schließlich drüber weg schleichen. Für den jungen Mann mit der ausladenden Hasenscharte und einem verknorpelten Ohr auf der der linken Seite war das eindeutig zu lang. Ihn plagten diverse Zipperlein wie Platzangst, eine hochkomplizierte Spaltung der Persönlichkeit, kleinere Ticks sowie der ständige Drang ejakulieren zu müssen. Elf furchtbar lange Jahre isoliert wie ein Resteessen unter Folie, wie aus der Gesellschaft heraus filetiert und in die Tonne geworfen. Ihm war übel von der eigenen, halb verwesten Zukunft ... diesem Mief aus wandernden Wänden und dem beißendem Geruch seiner ständig schwitzenden Achseln.

Der Richter hatte keine Wahl. Die Geschworenen wiegten sich wie im Reigen zur fast melodisch präsentierten Beweislast ... draußen fiel der Schnee, ein paar Wildgänse nahmen leicht verspätet Reißaus - Sören waren die Hände gebunden, der Mund wie versiegelt, die feuchten Augen ohne Glanz und seine hoffnungslose Haltung schien wie ein zusätzliches Geständnis. Die Schwere des Verbrechens, die Indizien zur Tat, Aussage für Aussage, das hysterische Gebrüll trauernder Menschen ... all das ließ ihn förmlich erstarren. Er glaubte nicht einmal sich selbst. Seine Unschuld erschien ihm wie eine Ausrede, ein infame Lüge gegen all das Geröll der Justiz. Sören gab klein bei. So hat er es immer gehandhabt. Sein Charakter lechzte nach Harmonie und Stille. Die Ruhe auf den Sturm, der Friede unter den Menschen. So verkürzte sich der gesamte Prozess um mehrere Wochen und zur Freude des finalen Tages gab es einen festlichen Richterspruch.

Unschuldig im Knast. Und nur er allein wusste es - gemeinsam mit dem eigentlichen Täter und seinem toten Opfer. Die schmuddlige Videokassette vom Frauenknast kam ihm in den Sinn: „Sirene unter geilen Weibern“ hieß der gut einstündige Porno und verhieß ein paar gemütliche Minuten mit gekrümmten Rücken. Jetzt saß er selbst wie nackt zwischen gekalkten Wänden ohne eine Spur von Trost. Weit und breit keine Weiber und auch keine Pornos. In seiner Fantasie ging er alle Vanessas und Svetlanas noch einmal durch ... geschmeidige Frauen, lüstern, unersättlich und devot. Er glaubte ihnen alles, nahm jede Szene für bare Münze und träumte sich stundenlang in ihre fruchtigen Schöße hinein. Seine Zelle lag vor ihm wie ein offenes Maul ohne Zähne. Sein Herz rutschte schwer nach unten, wummerte ungeduldig gegen die Brust ... so, als wollte es ihm sagen: Lass mich bitte gehen!

Freitag, 26. September 2025

LIEBE UND SO WEITER.



Peter saß aufrecht an der Bar. Das kam selten vor. Peter teilte sich sowohl das Bier als auch den Schnaps diszipliniert ein. Das hatte einen guten Grund. Er war verliebt. In die fast gleichaltrige Frau neben ihm. Sie saß ebenfalls aufrecht. Es gab gegenseitige Bekundungen von Interesse. Wie es der Zufall wollte, hatten sie viele Gemeinsamkeiten. Sie war toll. Vor allem immer dann, wenn sie traurige Kindheitserinnerungen schilderte. Dann bekamen ihre Augen einen bemitleidenswerten Glanz und Peter fand das hübsch. Der Wirt nickte ihm immer wieder aufmunternd zu. Es waren nicht mehr viele im Gastraum. Die Gespräche drehten sich um Vergangenheit und die Bewältigung des Alltages. Irgendwann berührte sie vorsichtig seine Hand. Dieser Kontakt blieb dauerhaft bestehen und Peter konnte die kommenden Biere und Schnäpse nur noch einhändig zu sich nehmen. Ihr ging es genau so. Aber das war jetzt unwichtig geworden. Wenn man sich frisch verliebt hat, dann wird einem angenehm mulmig und es kitzelt irgendetwas in der Magengrube. Davon berichten auch viele Schlagerhits übereinstimmend. So ging der Abend dahin und glitt hinüber in eine aufregende Nacht. Sie saßen noch immer am Tresen auf ihren hohen Hockern. Viele Biere und viele Schnäpse waren gekommen und gegangen. Peter war sich nicht mehr so sicher. Seine Haltung wurde etwas lasch. Die Frau neben ihm himmelte ihn an. Sie plante bereits kommende Stunden des lustvollen Miteinanders. Sie streichelte seinen runden Rücken. Der erste Kuss stand im Raum. Die letzten Gäste gingen. Aus dem Radio dudelte Lionel Richie. Zufälle gibt es. Es wurde heiß und Peter saß plötzlich in einer Art Falle. Das Leben hat einmal mehr an Kompliziertheit zugenommen. Zuviel Alkohol in zu kurzer Zeit. Zuviel des Guten. Die Liebe war plötzlich wie eine gierige Krake. Peter bekam es mit der Angst zu tun. Er wollte gehen. Sie verstand das als den auffordernden Rest. Vor der Bar im Morgennebel hielt sie ihn fest. Ihre Zunge schob sich drängend in seinen Mund und fuhrwerkte darin herum. Schwindel überkam den Peter. Er musste gehen. Sofort und endgültig. Wie zur Entschuldigung drückte er noch einmal an ihrem Mantel und den darunter verborgenen Brüsten herum. Dann rannte er los. Als ginge es um Leben und Tod.

Die Straßenlaternen flogen an ihm vorbei. Er suchte schnellstmöglich das Weite. Peter war in Sachen Liebe schon immer ein Hasenfuß. Ganz nah bis ans Feuer - aber daran verbrennen? Nein. Er möchte dieser Frau nicht noch einmal begegnen. Zu viele Verbindlichkeiten und Versprechungen standen im Raum. Liebe fühlte sich anfangs stets großartig an. Dann öffneten sich jedoch immer Regelwerke. Die üblichen Abläufe. Das ewige Spiel mit dem stets unsicheren Ausgang. Peter wuchs das auf Dauer über den Kopf. Er saß jetzt am Ufer des Stadtkanals und stierte mit verquollenen Augen auf treibendes Holz. Dieser Anblick sorgte für etwas Ruhe in seinem schmerzenden Schädel. Müdigkeit befiel ihn. Die Frau tat ihm leid. Er kam sich vor wie ein Zechpreller. Ein richtiger feiger Lappen. So war das mit ihm. Ein Leben lang Katz und Maus. Nichts wurde konkret. Ein flacher Stein verließ die Umklammerung seiner rechten Hand und flog zitternd durch den Dunst der Frühe. Auf der Wasseroberfläche zogen Linien lauter wandernde Kreise. Das würde sich wieder beruhigen. Dafür lag der Stein jetzt für immer auf dem dunklen Grund. Wie seltsam sich all das anfühlte. Eigentlich war alles was er tat banal. Die großen Kriege führten andere. Er grübelte zu viel. Aber das führte ja letztlich zu nichts. Er musste jetzt die Bar für eine Weile meiden.