Die Frau Schaffnerin raucht. Tippt mit ihrem rechten Zeigefinger die abgekühlte Asche von der gekrümmten Kippe. Vor exakt fünf Minuten hat sie einen teuflisch guten Energie-Drink hinuntergestürzt ... in der Hoffnung auf einen ganz speziellen morgendlichen Super-Rausch, welcher ihr die Müdigkeit aus dem spannungslosen Körper heraus bürstet. Vor ihr liegt eine lange Schicht mit viel Stehen, Gehen und Ausbalancieren. Die ziemlich heiß verlaufene Nacht mit ihrer neuen Bekanntschaft wird sich im Laufe des Tages noch rächen ... das spürt sie und drückt sich heimlich in eine Sitzreihe hinter mir. Keine Kontrolle.
Akne auf beiden Wangen! Vor dem Spiegel hat Melanie alles gegeben ... viel mit Puder und Rouge retuschiert. Sie könnte dennoch kotzen. Seit fünf Uhr in der Frühe, über eine Stunde hat sie sich im Bad betrachtet und herumgedoktert. Das Ergebnis kann sich nicht sehen lassen. Sie sieht jetzt aus wie eine verzweifelte junge Frau, welche jeden Morgen Unmengen an Zeit benötigt, um ihre unbesiegbare Akne oberflächlich zu bekämpfen. Die Leute werden sagen: “Sie hat es versucht”! Auf einer Litfaßsäule hängen aufklärende Plakate über Depression. Grafisch gut gemacht.
Das linke Beinchen der violett melierten Stadttaube ist deformiert. Mit dieser leichten Behinderung gehört sie zur breiten Masse ihrer Art - zu dieser Zeit in jener Straße. Gluckernd und drucksend verkehrt das kleine Lebewesen zwischen bröselndem Bordstein und einem umgestürzten Abfallbehälter. Aufmerksam und unruhig zugleich verschieben sich ihre kleinen Pupillen sekündlich in jede erdenkliche Blickrichtung. Die Planungen für den heutigen Morgen sind klar: Fressen, Kacken und Turteln. Ständig Menschen ausweichen und vor dem erbarmungslosen Jagdtrieb der Kleinkinder flüchten. Das hält sie fit.
Langsam schreitet der Bauer Karl-Heinz Frick über das 1000 Hektar große Maisfeld und bastelt zumindest gedanklich an seiner Zukunftsmusik. Im rechten Wangen-Sack klemmt am hintersten Zahn noch ein winziger Rest von Mutters Gulasch. Er müht sich bereits seit knapp einer Stunde mit dem Pulen per Zungenspitze. Nervosität macht sich breit. Mehr als die Hälfte seiner Ernte ist verloren und ihm schwinden bei diesem kläglichen Anblick fast die Sinne. Sein Deodorant mengt sich mehr und mehr mit Angstschweiß.
Prall und saftig wiegt sich der Kornapfel "Mike" (so könnte man ihn nennen) im zärtlichen Hauch südlicher Winde. Fast täglich kümmerte sich die Sonne um das Wohlergehen seiner vitaminreichen Majestät “Mike dem Ersten und Letzten”. Aus luftiger Höhe erwartet nun das rundliche Ding sein ganz persönliches Finale ... den Absturz oder das Pflücken ... Wespenplage oder Apfelmus, Most versus Kuchen. Es ist egal. Er hat seine Zeit gehabt und überwiegend klug genutzt. Gott hat alle Äpfel lieb. Eine knappe Woche später langt der 10jährige Quentin F. mit dreckigen Fingernägeln nach der kleinen Köstlichkeit und wirft sie querfeldein über einen schmalen Teich hinweg.

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