Posts mit dem Label Geschichten werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Geschichten werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 28. März 2026

ZUR LAGE.



Die Frau Schaffnerin raucht. Tippt mit ihrem rechten Zeigefinger die abgekühlte Asche von der gekrümmten Kippe. Vor exakt fünf Minuten hat sie einen teuflisch guten Energie-Drink hinuntergestürzt ... in der Hoffnung auf einen ganz speziellen morgendlichen Super-Rausch, welcher ihr die Müdigkeit aus dem spannungslosen Körper heraus bürstet. Vor ihr liegt eine lange Schicht mit viel Stehen, Gehen und Ausbalancieren. Die ziemlich heiß verlaufene Nacht mit ihrer neuen Bekanntschaft wird sich im Laufe des Tages noch rächen ... das spürt sie und drückt sich heimlich in eine Sitzreihe hinter mir. Keine Kontrolle.

Akne auf beiden Wangen! Vor dem Spiegel hat Melanie alles gegeben ... viel mit Puder und Rouge retuschiert. Sie könnte dennoch kotzen. Seit fünf Uhr in der Frühe, über eine Stunde hat sie sich im Bad betrachtet und herumgedoktert. Das Ergebnis kann sich nicht sehen lassen. Sie sieht jetzt aus wie eine verzweifelte junge Frau, welche jeden Morgen Unmengen an Zeit benötigt, um ihre unbesiegbare Akne oberflächlich zu bekämpfen. Die Leute werden sagen: “Sie hat es versucht”! Auf einer Litfaßsäule hängen aufklärende Plakate über Depression. Grafisch gut gemacht.

Das linke Beinchen der violett melierten Stadttaube ist deformiert. Mit dieser leichten Behinderung gehört sie zur breiten Masse ihrer Art - zu dieser Zeit in jener Straße. Gluckernd und drucksend verkehrt das kleine Lebewesen zwischen bröselndem Bordstein und einem umgestürzten Abfallbehälter. Aufmerksam und unruhig zugleich verschieben sich ihre kleinen Pupillen sekündlich in jede erdenkliche Blickrichtung. Die Planungen für den heutigen Morgen sind klar: Fressen, Kacken und Turteln. Ständig Menschen ausweichen und vor dem erbarmungslosen Jagdtrieb der Kleinkinder flüchten. Das hält sie fit.

Langsam schreitet der Bauer Karl-Heinz Frick über das 1000 Hektar große Maisfeld und bastelt zumindest gedanklich an seiner Zukunftsmusik. Im rechten Wangen-Sack klemmt am hintersten Zahn noch ein winziger Rest von Mutters Gulasch. Er müht sich bereits seit knapp einer Stunde mit dem Pulen per Zungenspitze. Nervosität macht sich breit. Mehr als die Hälfte seiner Ernte ist verloren und ihm schwinden bei diesem kläglichen Anblick fast die Sinne. Sein Deodorant mengt sich mehr und mehr mit Angstschweiß.

Prall und saftig wiegt sich der Kornapfel "Mike" (so könnte man ihn nennen) im zärtlichen Hauch südlicher Winde. Fast täglich kümmerte sich die Sonne um das Wohlergehen seiner vitaminreichen Majestät “Mike dem Ersten und Letzten”. Aus luftiger Höhe erwartet nun das rundliche Ding sein ganz persönliches Finale ... den Absturz oder das Pflücken ... Wespenplage oder Apfelmus, Most versus Kuchen. Es ist egal. Er hat seine Zeit gehabt und überwiegend klug genutzt. Gott hat alle Äpfel lieb. Eine knappe Woche später langt der 10jährige Quentin F. mit dreckigen Fingernägeln nach der kleinen Köstlichkeit und wirft sie querfeldein über einen schmalen Teich hinweg.


Sonntag, 9. November 2025

FILETS.



Seit über 20 Jahren arbeitet Steffen in einer ausgezeichnet geführten Suppenküche. Seit über 20 Jahren hat Steffen dabei so eine Art „Ritual“ oder „Aberglaube“: Er rotzt tagtäglich einmal in jeden Topf.

---

Christa ist süchtig nach salzigen Heringen. Das ist eine Art Süßigkeit aus Lakritz. Am Abend kommt sie auf zwei bis drei Tüten täglich und kämpft mit ihrem Blutdruck. Am nächsten Morgen schließt sie auf dem Klo für lange Zeit die Tür hinter sich.

---

Jens klaut. Seine diebischen Hände packen sich übergroße Gegenstände. Das beginnt bei Stühlen im Café und endet mit Kränen auf Baustellen. Er stellt sich gut an- ist bestens organisiert und logistisch nahezu perfekt. Das Diebesgut landet auf dem riesigen Bauernhof seiner Cousine Stefanie.

---

Anita leckt alles ab. Seit ihrer frühestens Kindheit streckt sie ihre Zunge weit heraus und streicht damit über jede interessante Oberfläche. Lieblinge sind Raufaser-Tapete, die Blätter von Sonnenblumen, Museumsböden, Sauerkirsch-Eis und strukturierte Umschläge von Schulbüchern.

---

Rolf ist Berater. Freiberuflich und mit hohem Honorar. Neben Themen wie Ernährung und Bewegung, begleitet er auch Menschen mit Verstopfung auf die Toilette. Dort tritt er als eine Art Motivator, Coach und Hilfsteller auf. Nach jedem Erfolg gibt es frenetischen Jubel und ein gemeinsames Abklatschen.

---

Ingrid strickt unendlich. Was ein langer Schal werden sollte ist nun ein schier unendliches Unikat aus mehreren tausend Metern Wolle. Breite 20 cm und Länge mittlerweile unbekannt. Das macht sie seit 38 Jahren. Jeden Tag ein gutes Stück mehr. Nicht alle Zimmer ihrer Wohnung sind noch betretbar.

---

Dieter hat es auf hartnäckige Weise und ohne größere Verletzung geschafft, einen Tunnel von einem Ohrloch zum Nächsten zu schaffen. Die Sonne scheint also hindurch. Der Wind zieht ebenfalls von Öffnung zu Öffnung. Dieter hört aber seitdem nichts mehr.

---

Kirsten hat sich einen unterirdischen Harem aufgebaut. Es sind über zwanzig sehr gut erzogene brave Männer. Einer schöner als der andere ... gut gebaut und aus aller Herren Länder. Sie tragen auch durchsichtige Tücher vor dem Gesicht. Das macht Kirsten an. Sie hat viel Geld und leistet sich eben ein klein wenig Luxus.

---

Torsten hat leider eine furchtbare und sehr kostspielige Angewohnheit. Er kann seine Wohnung nur dann betreten, wenn ihm der per Telefon gerufene Schlüsseldienst die Tür öffnet. Es ist aufwendig. Manche sprechen von Zwang und Freunde wollten die Situation bereits nachstellen um ihm zu helfen. Das spürt der Torsten aber.

---

Niemand hat jemals gemerkt, dass unser Pfarrer Herr Schuster eigentlich gar nicht an Gott glaubt. Er ist ein derart begnadeter Schauspieler, dass ihm diese Rolle bisher jeder abnahm. Der Zweck heiligt die Mittel. Nur Gott selbst knaupelt sich vor Wut die Daumenhaut blutig.

---

Ende.

Donnerstag, 16. Oktober 2025

RESTE.



Das kleine Mädchen wandelte im Schlaf. Der stumme Mond kramt nervös in seiner länglichen Umhängetasche und suchte sein vergoldetes Opernglas.

Die Muskeln des Mannes erhoben sich langsam und pressten sich gegen die knappen Ärmel eines synthetisch hergestellten Shirts. Es war Mai und bald würden die Schwimmbäder öffnen.

Beide große Zehen spielten übermütig mit dem Rest der Füße, während sich Peter genüsslich eine Kippe drehte und dem Tag mit einem gewissen Frohsinn entgegensah.

An der Straßenbahnhaltestelle humpelt ein Kohlrabe desorientiert zwischen stählernen Gleisen herum. Der rechte Flügel hängt in Fetzen blutig herunter.

Miranda stand stundenlang grübelnd vor dem riesigen Bücherregal. Ein geblümtes Kleid hing in ihrer Po-Ritze fest. Theodor Fontane suchte sie jedenfalls nicht.

Ein Mann mit künstlichem Strohhut zählt die Blüten seiner Rosensträucher. Aus der Küche heraus dampfen Pellkartoffeln und es duftet mehlig warm.

Vielleicht liebten sich beide schon lange so gar nicht mehr. Aber es lohnte keinerlei Mühe mehr, daran etwas zu ändern. Wie immer und ein ganzes liebes Leben lang machten sie das Beste daraus.

Im Altenheim wippen zahllose Köpfe pendelnd einer vergessenen Frage hinterher. Medikamente stehen längst verfallen in den hintersten Ecken lose befestigter Hängeschränke.

Der Weg wollte kein Ende nehmen. Sollte das Leben eine einzige Quälerei sein? Die Brunnen schienen alle ausgetrocknet und der Regen war eine viel zu stolze Diva als das er sich erweichen ließe.

Im Kühlschrank ist ein Wurst aufgeplatzt. Das vergessene Stück Hefe dünstet heftigen Schweißgeruch aus. Eine behaarte Hand langt geschickt nach zwei kalten Flaschenhälsen.

Sonntag, 3. August 2025

MANN AUS DEM MEER.



Windschiefe Zähne in einer Visage aus festem Zement. Auf der schwärzlich getoasteten Mischbrot-Scheibe türmte sich zuckersüße Erdbeermarmelade. Ein zweiter Aufguss dünnen Kaffees drehte sich noch in der geblümten Sammeltasse. Peter klaubte mit seinen groben und viel zu groß geratenen Fingern eine Schmerztablette von der matt gestreiften Igelit-Tischdecke. Sein kantiger Schädel brummte, eine seitlich gelagerte Ader tat sich an der Schläfe besonders hervor. Der Mund sperrte sich auf, schlang nacheinander die Pille, den Kaffee und malmte schließlich die angekohlte Schnitte. Langsam drehte sich sein Kopf zum Fenster hin, seit Jahren ungeöffnet und verdreckt vom Staub der Zeit. Unbescholten schickte die Sonne ihr strahlendes Ich ins innere des Zimmers. Im Lichtkegel drehten sich wie schwerelos kleinste Partikel, abertausende Winzlinge feinster Elemente ... Peter hauchte leicht in ihre friedliche Mitte hinein und sorgte nur allein damit schon für eine furchtbare Unruhe. So einfach war also alles außer Kontrolle zu bringen.

Die "Zeit" wurde mit weichen und stark rußenden Kohlestiften skizziert, der Künstler Matthias aus Elbingerrode machte sich an diesem Thema zu schaffen. Ob nun Endlichkeit oder das Gegenteil davon, sei inhaltlich einmal völlig außen vor gelassen - der fast achtzigjährige studierte Maler und Grafiker konzentrierte sich in der ersten Phase seines Schaffens vor allem auf Linien, lauter unter heftigem Druck ausgepresste Geraden. Dabei brach ihm immer wieder die schwarze Zeichenkohle weg, unterbrach den Malfluss, krümelte und verschmierte jede aufkommende Harmonie. Die großflächigen Pappen sahen seltsam verwüstet aus ... einerseits der Versuch von Struktur, anderseits unsauberes Chaos. Käufer fanden sich für die Werke nicht. Kunst ist auch immer Mühsal und gnadenlos - sie unterwirft sich keinem Zwang und schon gar keinem System zum Überleben. Matthias begann noch großflächiger mit seinen dunklen Zeitlinien zu arbeiten und bezog Mauern, Asphalt, Fassaden oder LKW-Planen mit ein. Er breitete sich aus - völlig losgelöst von schablonenhaften Zwängen nutze er dazu auch die Kraft von kochendem Teer. Die Deckkraft, der einmalige Farbauftrag begeisterte ihn.

Jetzt wo wieder und wieder alles zu blühen drohte, begab sich Ruth Wansleben in ihren aufwendig ausgebauten Keller. Vor dem UV geschützt und vor all zu aufdringlichen Farben in Sicherheit knipste sie ihren Schwarz-Weiß-Fernseher an und verfiel in eine jämmerliche Trägheit. Nur noch selten ging sie jetzt nach oben. Ruth versank in einem riesigen Ohrensessel und gabelte sich Pfirsichhälften aus einer Konservendose. Die wöchentlich ausgestrahlte Serie mit dem Mann und seinen Schwimmhäuten zwischen den Fingern, zog sie ganz in ihren Bann. Sie konnte mitfühlen, sein Leid teilen - und darauf kam es ihr generell im Leben an. Hier unten fühlte sie sich der amerikanischen Story ganz besonders nah, spürte die Bedürfnisse vom „Mann aus dem Meer“ in einer starken Leibhaftigkeit. In ihrer innerlichen Ruhe verheddert, schlief sie plötzlich ein, verpasste das Abtauchen, die Flucht vor den Gewissheiten der Forscher. In einem tranigem Traum warf Ruth Wansleben überlebensgroße Dominosteine um. Feiner, durchsichtig schimmernder Sabber verließ ihre schlaffen Mundwinkel, aus der schräg gehaltenen Dose troff sämig die gezuckerte Flüssigkeit. Was sie alles verpasste!