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Samstag, 11. April 2026

LARMOYANZ.



Auf dem alten morschen Steg am See, der mit den fehlenden Brettern, dort wo keine Boote mehr angekettet werden, sehe ich hinaus auf den minimalen Klang vorsichtig bewegter Wellenspiele. Ausgebreitet, alle Gliedmaßen gestreckt, liege ich auf meinem Bauch und starre ins klare kalte Wasser. Kleinere Bataillone von winzigen Fischen stehen auf der Stelle und scheinen auf irgendein Ereignis zu warten.

Schutz und Deckung in der Einsamkeit - vergeblich läuft die Sehnsucht danach ins Leere. Mutter, Vater, Großvater und Großmutter - sie fehlen mir. Der Lauf der Dinge bekommt einen immer bitterer werdenden Beigeschmack. Das Wachsen und Gedeihen der eigenen Kinder ist ein Glück und auch ein Trost - das Fehlen aller anderen jedoch noch immer quälend.

Ganz dort hinten liegt der alte vergessene Strand. Die Badestelle ist zu gewuchert von aufdringlichem Schilf, einer Art von Natur die auch mitunter unverzeihlich radikal über alles drüber fährt. Melancholie ist eines dieser Bitterstoffe, an denen ich immer wieder vorsichtig lecke und dann doch abwehrend zurückschrecke. Das Abfinden mit den Realitäten ist ein ewiger Kampf mit der eigenen Zuversicht und endet meistens im Undank.

Meine Arme baumeln jetzt ganz knapp vom gesplitterten Holz herunter, kurz über dem seichten Spiegel des Wassers. Vorsichtig streifen müde Fingerkuppen die Oberfläche und zerreißen dabei Glätte und Harmonie. Die Kinderfische sind verschwunden. Kleine Tropfen plumsen herab und viele Ringe breiten sich sekundenschnell aus. Alles beginnt sich zu drehen und zu schwanken, Schwindel überfällt mich, der aufkommende Wind greift gierig und kühlend nach meiner Hüfte.

Wohin also mit den Wäldern aus Gedanken? Viel zu viel Gestrüpp und Dickicht, Verkettungen, Täler, Berge und Gruben. Der Ausweg aus all dem Wirrwarr ruht in mir selbst und bevor ich in meiner Handlungsfähigkeit regelrecht erstarre, streife ich meinen Schlüpfer herunter und geselle mich mit kühnem Sprung zu den klugen Fischen und frage sie unbedarft nach Rat. Schmerzhaft reißt es an meiner Durchblutung, verkrampft wirkt der Versuch zu tauchen. Es ist Ende März und unter einem verkümmerten Eichenblatt versteckt sich der letzte Schnee.

Schlotternd, zitternd, zähneklappernd renne ich über eine vom Reif bedeckte Wiese, das Herz völlig verschrumpelt, der Fluss des Blutes zäh und beide Füße blau vor Schmerz! Kleiner dummer Junge der ich immer geblieben bin, ein wirres und nun schon recht langes Leben lang! Mein Selbstmitleid ist wie eine fünfstöckige Sahnetorte gebaut ... gespickt mit unendlich vielen Kerzen - was für ein umwerfender Anblick! Ja, ich weiß es.

Dienstag, 17. März 2026

SCHWERE. TOTAL.



Tod - Trauer - Totale Schwere - Um dem Verlust irgendeinen Ausdruck oder Ausgleich anzubieten, eine Art Kompensation ... müsste ich mich in einzelne Stücke reißen, schwer verletzen oder massiv betäuben ... äquivalent DEN Ausgang finden, um der Unfassbarkeit des Schicksals in irgendeiner Form befriedigend begegnen zu können. Aber: Das Leben zwängt sich in die dunkelsten Ecken meines Inneren, verhindert den endlosen Sturz in tiefe, fette, zähe Schwärze. Das fordert mein schlechtes Gewissen heraus, kolportiert angemessenes Verhalten, torpediert eine gewünschte Verarbeitung ... Glaube verflüchtigt sich ... nur um sich ein ums andere mal wieder unaufgefordert aufzudrängen. Beide Schultern hängen. Von der anderen Straßenseite ruft einer was rüber ... "Kopf hoch!" - und was zunächst billig wie abgedroschen klingen mag ... es reicht für die nächsten zehn Schritte um nichts ins Stolpern zu kommen. 

Sonntag, 25. Januar 2026

BUCHTIPP!



GOLDSPUR DER GARBEN

Tschingis Aitmatow
Roman
109 Seiten

Eigentlich müsste ich nach dem Lesen dieses schmalen Büchleins heulen ... nicht weinen ... sondern ohne Hemmungen losheulen! Was hat sich Aitmatow nur dabei gedacht, einen solch tieftraurigen wie kummervollen Roman zu schreiben? Ganz ohne jeden Zweifel ist es für mich persönlich ein Anti-Kriegs-Buch.

Da ist auf der einen Seite das prall gefüllte Leben aus harter schwerer Arbeit, Aufbau, Plänen, Träumen, Kindern, Familie, Zukunft, Ideen, Fantasie, Liebe - bis das der unverhohlen aufspielende Krieg alles - ja wirklich alles in sich erstickt und zunichte macht. In diesem Buch und einer Zeit um den zweiten Weltkrieg herum. Und all das ist bis zum heutigen Tag im Jahr 2026 blank polierte wie gebliebene Realität ... in der Ukraine beispielsweise ... Sterben und sterben ... Hinterlassen und hinterlassen ... ungezählte Tränen, keinerlei erfüllte Hoffnungen ... kein Flehen und Betteln hilft, kein Zufall und kein Gott: Nein! Wirklich nicht! Und exakt diese klaffende Wunde bearbeitet Aitmatow auf seine menschliche Weise.

Wie viel Verlust, wie viel Traurigkeit und Leid vermag ein Mensch zu ertragen? Die alte Frau erzählt ihrem Feld davon und erhält auch Antworten. Ihr ganzes Leben breitet sie noch einmal vor ihm aus ... dem treuen Acker ... eine Art von Leben das so nur schwerlich ertragbar ist. Aitmatow unterlässt es dabei von vornherein, Gott eine Existenz einzuräumen ... gar von Gebeten oder nachfolgenden Wundern zu berichten. Es kann sie leider nicht geben - denn jede noch so kleine aufkeimende Hoffnung wird vom nächsten Peitschenhieb zerschlagen. So bleibt der lieben alten Frau nur ein einziges Überbleibsel ... ein Enkelkind ihrer über alles geliebten Schwiegertochter, welche bei einer dramatischen Geburt ihr Leben ließ. Vor ihr verlor die alte Frau bereits ihren Mann und alle drei Söhne an der Front.

Das Buch ist umhüllt von blanker Verzweiflung, tiefster Trauer und beschreibt alle Last die ein langes Leben durchaus auch bereit halten kann. Es ist schwer diesen Roman zu lesen und danach sich in einem Schlaf einzufinden. Aber dank Aitmatow besitzen die Zeilen ein sehr hohes Gut an Würde und ich bin dankbar es gelesen zu haben.