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Dienstag, 21. April 2026

AUF DER FLUCHT II.



Ja ... da saßen sie alle ganz brav in Reih und Glied an dem feucht-muffigem Holztresen ... auf feuerroten durchgescheuerten Kunstleder-Barhockern und starrten in flackernde Glühbirnen ... nur um sich auf eine vertraute und liebevolle Weise selbst zu beweinen .... die Männer mit den wenigen Haaren, akkurat seitlich gekämmt mit dem Fett der Kopfhaut und einem fleckigem Plastik-Kamm. Die Lider der traurigen Augen hingen schlaff wie faltig - so als seien sie verwitterte Jalousien. Dickliche Daumen drehten mit gekrümmten Zeigefingern an gut gefüllten Schnapsgläsern und sorgten damit für etwas entspannte Kurzweil ... bevor sich all die übel riechenden Mäuler ein weiteres Mal wie riesige Grüfte dem sauber gefilterten Doppelkorn entgegen dehnten. Die Zeit stand hier still. Wie der verklebte defekte Ventilator über den müden Rundrücken ... wie der letzte Entschluss aus dem vergangenen Jahr ... wie die taube Zunge ... wie das halb erstarrte Herz ... die Zeit humpelte querschnittsgelähmt auf der Stelle und hinterließ nichts als bleierne Leere. Es fielen keine Worte mehr. Das Gesagte lag auf dem Dachboden einer verstaubten Erinnerung. Eingemottet und vergessen. Dieser Zustand war von einem überdimensionalen Frieden überzogen. Volle Gläser folgten auf Geleerte ... ein ums andere Mal ... immer und immer wieder gleichmäßig verteilt über Stunden, welche wie dahinrasende Sekunden wirkten. 

Die Männer der verstorbenen Frauen trafen sich genau dreimal in der Woche ... Dienstag ... Donnerstag und Sonntag ... auf der Flucht vor ihrer eigenen Hilflosigkeit ... ungebremst mitten rein in gemeinschaftliche Stille ... Schulter an Schulter ... die unglücklich betrübten Witwer und das fast schon kindlich erscheinende Stolpern über Stock und Stein.

Sonntag, 17. August 2025

JENS IST TOT.



Hallo? Können wir reden? Oder ist da wieder keine Zeit? Keine Geduld? Kein Nerv? Sind die Ideen ausgegangen? Hat alles keinen Sinn mehr? Bleibt alles beim alten? Ist es die Mühe nicht wert? Du kannst mich nicht mehr hören - das stimmt doch oder?

Du sagst, die Ruhe vor dem Sturm sei immer das Beste. Es ist der eine stille Moment, in dem sich alles auflöse und für Bruchteile von Minuten zu nichts entscheiden kann. Auf einer Straße die nur bergauf gehe, bliebe dem Gedanken nichts als die Atemlosigkeit.

Jens ist tot. Das wollte ich dir erzählen! Es geht nicht mehr immer nur um uns - wir zerfallen vor dem Schicksal, rutschen mit unseren Schwierigkeiten vollkommen vom Gipfel der Gefühle. Wer weder zu früh noch zu spät stirbt, dem bleibt weder Verzweiflung noch Zufriedenheit.

Ist das nicht tragisch? Musste das denn sein? War das nötig? Auf dem Weg zur Schlachtung fragt sich das kein Schwein. Dein Gejammer ist nur die Gier nach Leben ... einem Dasein wo möglichst alles passen muss. Du würdest Dir gern selbst am Arsche lecken - hab ich recht?

Da knallt auch schon die Tür, ein Schlüssel dreht sich mit Vehemenz und mit unerbittlicher Härte. Allein das Geräusch spricht für sich und schließt mich für die Zukunft aus. Jetzt rennst du gleich die Straße runter, drehst dich natürlich nicht noch einmal um - diesen  Fehler gilt es zu vermeiden.

Donnerstag, 31. Juli 2025

BISCHOFSPLATZ.



Der Peter hat einmal mutwillig eine Schallplatte zerbrochen. Er war sehr erbost über einen miserablen Song darauf. Kurzerhand nahm er das schwarz glänzende Vinyl und teilte es wie eine Oblate. Der gleiche Mann (Peter) hatte auch ein wunderschönes Liebeslied komponiert. Für seine leider viel zu früh verstorbene Großmutter. Ihre gruseligen Geschichten und dampfenden Klopse waren sagenhaft - und darum geht es auch inhaltlich in dem Stück. Peter ist ein sehr emotionaler Mensch. Er trägt sein feines Herz auf der Zunge. Eines schönen Tages ist der Gute mal zu seinem Chef ins Büro und hat dort aus seinem wechselhaftem Leben erzählt. Eine gute Stunde lang, einfach so. Daraufhin wurde gemeinsam ein Weinbrand getrunken. Jeder ist ein Mensch (eine ganze Flasche!).

Es ist Ende Mai und aus der Ferne weht der nächste Monat heran. Die Zeit ist für Peter nur eine üble Erfindung der Trübsal. Kein Wert ist von Dauer. Alles wird einmal verblassen und schließlich vergessen. Eine Sanduhr braucht es dafür nicht noch extra. Wir fühlen es doch schließlich deutlich genug. Als die Großmutter starb, redete Peter einfach weiter mit ihr. Aber das wurde weniger - und auch die Gedanken waren eines Tages auf der leisen Flucht. Dafür hockte ganz tief in seinem Herzen ein unverrückbares Gefühl - die Liebe. Letztere hatte sich für immer bei ihm eingenistet. Weitergeben ließ sich dieser Schatz jedoch leider nicht. Er blieb exklusiv.

Vor vielen Jahren traf ich den Peter einmal am Bischofsplatz. Damals verkehrten noch die letzten Dampflokomotiven und verschmutzen selbstherrlich die Luft, die Häuser und schließlich auch alle rosafarbenen Lungen der Neugeborenen. Viele der Kinder litten unter schrecklichen Atemwegserkrankungen - gerade hier, wo sich so viele Gleise kreuzten.
Er stand da am Bahnsteig und sortierte mit seinen Füßen kleine Kieselsteine. Hin und wieder schaute er auf und prüfte seine unmittelbare Umgebung. Tief versunken in seiner Gedankenwelt, vielleicht auch melancholisch oder gar traurig gestimmt - das war nicht eindeutig abzulesen. Als er mich flüchtig wahrnahm, lief er betont unauffällig davon und tat als wäre das ganz ohne Absicht.

Dafür liebte ich ihn - er war wie ich.