Posts mit dem Label Tränen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Tränen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 16. Februar 2026

ASCHE.



Asche. Vom Winde für ewig und in alle Welt verweht ... oder in Klump und Matsch verwandelt durch den Regenguss aus heiterem Himmel. Zwischen Daumen und Zeigefinger zerrieben, daran gerochen und vorsichtig mit der Zunge beleckt. Der Kapitän steuert routiniert wie leicht genervt seinen angerosteten Kahn mit der flennenden Trauergemeinde durch die schlichten Wellentäler und kippt sich dabei kleine Feiglinge in sein unrasiertes Maul. Holger ist tot. Der alte humpelnde Geizkragen. Und plötzlich - wie aus dem Nichts - war dieses Aas doch gar nicht mal so ein schlechter Mensch! Der Kapitän verzieht sein Gesicht zu einer frustrierten Fresse und lässt seine lederne Zunge kreisend herumfuchteln. Wie aus dem Nichts brüllt er gegen den aufkommenden Wind seine Kenntnisse über das Leben auf See ... „die Fische könnten kotzen“ oder „Steck dir deinen Anker in den Arsch“. Irritierte Blicke aus verheulten Visagen. Dieses heuchlerische Getue, dieses Verwischen von Tatsachen, dieses sentimentale Nachdenken über vergebene Chancen auf Versöhnung! Holger hatte immer blau gefrorene Finger. Die Kälte ging vom Herzen aus. Und wenn es eine Form von Güte gab, dann diente sie stets nur seinem Spiegelbild. Also scher dich zum Teufel und liebkose seinen stählernen Huf! Der Kapitän entdeckt zwischen all den bereits getrockneten Tränen auf seinem Deck, den Unrat zwischen den Planken. Kaffeesatz ist das! Es bleibt eben immer was zurück. An den Bitterstoffen des Lebens schrubben die Bootsjungen ein Leben lang.

Sonntag, 8. Februar 2026

FRAGILIS.



Fragil, fragil ... wenn sich alles andere erübrigt hat und die alten Bekanntschaften sich ein für allemal in alle Himmelsrichtungen verstreut haben. Peter schnappte nach Luft - so gut es ging mit seinem Glimmstengel und der seit Jahren zunehmenden Kurzatmigkeit. Die Dinge im Leben verändern sich und das Altwerden geht mit dem ausgelatschten Teppich einher. Und dann schleicht sich die Einsamkeit mehr mutwillig als rücksichtsvoll heran und packt dich an den Schultern ... nur um nie wieder loszulassen. Peter hat das so in etwa zum Ausdruck gebracht und sich dabei die kleinen feinen Schuppen aus den buschigen Augenbrauen gerieben. In einem unbedrucktem Beutel aus fast durchsichtiger Plastik angelt sich eine von Gicht geplagte Hand den schlanken Flaschenhals mit dem goldenen Verschluss. Gleich ist alles wieder gut. Scheiß auf die verlorenen Kameraden und Weibsbilder ... die einen pennen schon unter der gefrorenen Erde und andere wenden ihre fettigen Hüften auf einer Couch mit grauem Kunstfell. Peter hat alle und alles abgeschrieben und redet sich lobend in einen Rausch voller Selbstherrlichkeit. Er versteht sich darin. Eine seiner vielfach schlecht gestochenen Tätowierungen zeigt das Busenwunder Rita. Das war eine liebliche Granate mit allem was das junge Herz einst begehrte. In Peters Nüschel existiert die kurvige Rita nach wie vor ungebraucht im Originalzustand. Diese gedankliche Exklusivität leistet sich das Peterchen in allen Belangen. Gerade deshalb erscheint ihm die Gegenwart so fragil. Das Hier und das Jetzt steht immer nackig im Kaltnassem. Und ja - es sei ein großartiger Fehler so viele Zigaretten und Schnaps in sich hinein zu stopfen.

Aus aufgerissenen Augen tropfen silbern anmutende Tränchen direkt in den Fertig-Kartoffelsalat. Eine verbogene Gabel stochert zwischen dem weißen Gel der Mayonnaise und kann sich zu nichts entscheiden. Wie ermüdend doch die Müdigkeit ist. Omas alte Couch dient einem bleiernen Schlaf der Verdauung. Peter träumt von Rita und Isabelle. Beide sind nackt und scharwenzeln lachend um ihn herum. Blöde Märchen mit bescheuerten Prinzessinnen. Lächerlich das diese beiden Girls noch einmal derart seine gedankliche Nähe suchen. Wer sich das nun wieder ausgedacht hat! Zum Arsch mit den unangekündigten Wiederholungen! Peter fasst noch während dieser Siesta mit seinem rechten Zeige- und Mittelfinger in den nur zur Hälfte verspeisten Kleister neben sich. Die angebrochene Packung steht für den Stillstand seines etwas verdorbenen Lebens. Natürlich wäre es jetzt besser, Wallnüsse kauend in einem Fitnessstudio den alten Hoden auf einem Sattel wund zu scheuern. Peter kennt jede Theorie und ist dennoch jedes Mal Opfer einer von Gülle getränkten Praxis. Er schwingt seinen rechten Arm seitlich aus ... zwei Versuche ... und packt schließlich den Doppelkorn fest am Hals. Leise gleitet der Sprit in den wund gesoffenen Rachen und sorgt mit seiner Herrlichkeit vorerst für die berühmte Ruhe im Schacht. Auf dem Plattenteller dreht sich „Glasgow Eyes“ von THE JESUS AND MARY CHAIN und wie aus dem völligen Nichts bricht die ungehemmt strahlende Sonne eine Lanze für die Idee einer neuerlichen Hoffnung.

Samstag, 23. August 2025

SONNTAGABEND IM MÄRZ.



Der Film hat mich wirklich sehr berührt. Es flossen Tränen auf meine klebrigen Hände (Popcorn!). So schnell konnte man mich berühren! Das stimmte mich auf eine seltsame Art zufrieden. Mein Herz funktionierte noch. Das Mitleid lag nach wie vor bereit. Weinen tut etwas weh - hat aber einen wohligen Nachgeschmack. Danach kann ich immer gut einschlafen.

Im befleckten Kinosessel verharrte ich noch lange nach dem Drama. Der Saal war längst hell und hatte sich sehr schnell geleert. Eine junge Frau begann die Reihen zu kehren. Kein Seitenblick würdigte mein Dasein. Pflichtbewusst und unter zeitlichem Druck wurden die Snack-Reste eingesammelt und in einem riesigen blauem Sack entsorgt. Überlegungen klammerten sich fest.

Mich rühren unerwartete Versöhnungen. Wenn der Glaube stärker ist als Zweifel, die Liebe den Hass besiegt, der Frieden einen Krieg ablösen kann oder eine Trennung langsam vernarbt. Dann schaufeln sich meine aufgeregten Hände ins Popcorn und ich starre voller Glück und wässriger Augen auf die phantasierende Leinwand.

Jetzt muss ich los. Raus auf den dunklen Boulevard und hinein in schale Realitäten. Es nutzt ja nichts. Die wenigen Menschen verlieren sich in der Stille des Abends. In meinem Kopf summt noch die Filmmusik, letzte Takte um das ganz große Gefühl. Es ist gar nicht so einfach ein neues Ziel zu formulieren. Gutes Kino lässt mich hinterher oft sehr allein.

Die Bank am Denkmal ist noch unbesetzt. Oder ich nehme die Steintreppe am Rathaus. Zeit liegt haufenweise herum ... gähnende Leere auf einem gedeckten Tisch ist wie ein Spiegelbild eines Zustandes. Es ist alles da - und trotzdem fehlt es an vielem. Eine kurze Sekunde überlege ich, den Film ein zweites Mal zu schauen. Ein Suhlen in der Irritation ist jedoch wie Rückwärts laufen.

Eine ganz besondere Heftigkeit meiner Sehnsucht bezieht sich auf die liebevolle Verschmelzung von Menschen. Die Kindheit fordert solche erzwungenen Vereinigungen oft ein - wohl wissend, das das Gegenteil nur Unheil mit sich bringt. Der Regisseur hat sich dieser naiven Logik verschrieben und die Liebe bis ins Unendliche glorifiziert. Er traut sich was.

Aber was soll ich mit dem Streifen nun anfangen? Knapp zwei Stunden im abgedunkelten Theater zwischen meinen Tränen und der klebrigen Süße von aufgeploppten Maiskörnern? An den riesigen Schaufensterscheiben überprüfe ich meine Körperhaltung, meinen zögerlichen Gang und das ernste Gesicht. Sonntagabend im März - und mit lauter Unsinn im Kopf.

Samstag, 5. Juli 2025

DER VORWURF.



Peter konnte es schließlich einfach nicht mehr hören! Ein schrilles Läuten vibrierte in seinem Kopf. Also verlegte er seine auf Abwehr geübte Taktik in Richtung Hörigkeit und Harmonie. Jetzt kam es nur noch darauf an, diese Veränderung glaubhaft zu zementieren. Es war sein letzter Köder, sein einzig verbliebener Schuss im Revolver. Birgit war in heftig in Rage.

Peter gehörte zu der Sorte von Mann, welche flexibel auf äußere Einflüsse reagieren konnte. Scheinbar reich an Verlusten aber mit sich selbst im Reinen. Eine absehbare Eskalation beinhaltet immer auch den vorbereiteten Fluchtweg. Am Ende des Tages sprang vor allem eines für ihn daraus: Ruhe. Wenn auch selten der schnelle Frieden. Birgit konnte ewig nachtragend sein.

Peter setzte seinen demütigen Blick auf und stotterte eine kindlich wirkende Entschuldigung zusammen. Das funktionierte zunächst nicht - es fehlten noch frisch gepresste Tränen der Reue. Dafür steigerte er sich extra in den frühen Tod seiner Mutter hinein. Die Funktionalität der Prozesse hatten eine gewisse Reibungslosigkeit. Birgit ging geradewegs in die Falle.

Peter konnte sich schon am frühen Abend den ersten Schnaps genehmigen. Wie das brannte! Jetzt entspannte sich auch endlich die Muskulatur. Er hockte in einer Art Kammer über einem Stapel alter Sex-Hefte und träumte sich in das Rekeln der Leiber hinein. Zwei Afrikaner und eine Blondine sorgten für schöne Kontraste. Birgit lag auf der Couch und träumte von Richard Gere.

Peter ging um kurz nach null Uhr ins Bett. Ein riesiger weißer Hintern reckte sich ihm entgegen. Vorsichtig legte er eine Hand auf den heißen Hügel und spürte eine sichere Verbindung. Die schmale Sichel des Mondes spielte Verstecken mit lauter durcheinander fliegendem Gewölk. Die Wanduhr aus dem Wohnzimmer tickte gut hörbar herüber. Birgit begann sehr laut zu schnarchen.

Samstag, 28. Juni 2025

ICH BLUTE.



Ach oh weh! Seht diesen kleinen Schlitz, nur eine winzige Spur ... hier auf meiner so weichen Haut! Jetzt muss ich sofort losweinen. Die Tränen kommen ja wirklich unaufgefordert ... erst ganz langsam und schließlich zaghaft anrollend ... letztlich wie ein kleiner Wasserfall. Nicht das es etwa furchtbar weh täte ... Aber ich bin nun mal verletzt! Das mag ich nicht. Böses Messer, böse Schere, böser Nagel, böser Halm, böse Tür, böser Asphalt ... Böse Welt!

//

Ein einziger, unscheinbarer, dunkelroter Tropfen beginnt sofort nach dem Austritt aus der Wunde auch schon wieder anzutrocknen. Das ist doch immerhin ein Teil von mir ... gerade eben noch wie verrückt durch meinen riesenhaften Körper gerauscht und bei jeglichen Aufregungen des Lebens tapfer mitgezogen. Jetzt hat mich ein kleiner Freund verlassen - und wenn ich diese traurige Sache ganz genau betrachte, dann tut es nun doch so furchtbar, gar schrecklich weh! Mein Herz ist ganz traurig und die verwirrten Gedanken drehen sich um unendlichen Schmerz, große Verluste, unzähmbare Angst ...

//

Schließlich fasse ich den erleichternden Entschluss, meine Wunde, diesen kleinen Krater, jedermann zu zeigen ... mit einem verzerrten Gesicht um Beachtung, Respekt und Mitleid ringend ... Bis schließlich ein liebevoller Mensch mit dem Heftpflaster gnädige Hilfe anbieten wird. Es ist wirklich ein Wunder das ich noch lebe!