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Sonntag, 25. Januar 2026

BUCHTIPP!



GOLDSPUR DER GARBEN

Tschingis Aitmatow
Roman
109 Seiten

Eigentlich müsste ich nach dem Lesen dieses schmalen Büchleins heulen ... nicht weinen ... sondern ohne Hemmungen losheulen! Was hat sich Aitmatow nur dabei gedacht, einen solch tieftraurigen wie kummervollen Roman zu schreiben? Ganz ohne jeden Zweifel ist es für mich persönlich ein Anti-Kriegs-Buch.

Da ist auf der einen Seite das prall gefüllte Leben aus harter schwerer Arbeit, Aufbau, Plänen, Träumen, Kindern, Familie, Zukunft, Ideen, Fantasie, Liebe - bis das der unverhohlen aufspielende Krieg alles - ja wirklich alles in sich erstickt und zunichte macht. In diesem Buch und einer Zeit um den zweiten Weltkrieg herum. Und all das ist bis zum heutigen Tag im Jahr 2026 blank polierte wie gebliebene Realität ... in der Ukraine beispielsweise ... Sterben und sterben ... Hinterlassen und hinterlassen ... ungezählte Tränen, keinerlei erfüllte Hoffnungen ... kein Flehen und Betteln hilft, kein Zufall und kein Gott: Nein! Wirklich nicht! Und exakt diese klaffende Wunde bearbeitet Aitmatow auf seine menschliche Weise.

Wie viel Verlust, wie viel Traurigkeit und Leid vermag ein Mensch zu ertragen? Die alte Frau erzählt ihrem Feld davon und erhält auch Antworten. Ihr ganzes Leben breitet sie noch einmal vor ihm aus ... dem treuen Acker ... eine Art von Leben das so nur schwerlich ertragbar ist. Aitmatow unterlässt es dabei von vornherein, Gott eine Existenz einzuräumen ... gar von Gebeten oder nachfolgenden Wundern zu berichten. Es kann sie leider nicht geben - denn jede noch so kleine aufkeimende Hoffnung wird vom nächsten Peitschenhieb zerschlagen. So bleibt der lieben alten Frau nur ein einziges Überbleibsel ... ein Enkelkind ihrer über alles geliebten Schwiegertochter, welche bei einer dramatischen Geburt ihr Leben ließ. Vor ihr verlor die alte Frau bereits ihren Mann und alle drei Söhne an der Front.

Das Buch ist umhüllt von blanker Verzweiflung, tiefster Trauer und beschreibt alle Last die ein langes Leben durchaus auch bereit halten kann. Es ist schwer diesen Roman zu lesen und danach sich in einem Schlaf einzufinden. Aber dank Aitmatow besitzen die Zeilen ein sehr hohes Gut an Würde und ich bin dankbar es gelesen zu haben.

Freitag, 19. September 2025

GUDRUN!



Gudrun. Wahnsinnig geworden vom Lesen. Verfressen nach Literatur. Gierig und ohne Maß saugten ihre Glubschaugen die Wörter von den Seiten, Wörter aus einer unendlich scheinenden Suppe von Buchstaben ohne jegliche Würze. Die Bretter ihrer Regale bogen sich bedrohlich unter der Last von preiswerten Klebebindungen oder hochwertigen Festeinbänden. Wie fette, starre Tapeten haftete eine ganze Armee von Romanen, Krimis, Kinderbüchern, Lyrik, Märchen und Geschichten an den Wänden jeglicher Räume. Ohne Väterchen Schwerkraft hätte auch die Unschuld der Zimmerdecken dieser Armada von bunten Buchrücken weichen müssen. Gudrun besaß all die Werke wie Ausgeburten ihres eigenen, finsteren Schoßes. Mit dicklichen Fingern langte sie in die Tiefe dieser Ansammlung und fischte mit gekonntem Griff nach weiterer Nahrung für einen fast platzenden Schädel. Mit den Jahren wuchs ihr Kopf zu einem tumorartigen, verwackelten Abbild eines riesenhaften Kürbisses. Die einst kindlich wirkenden Augen verschwanden unter den Hautlappen der Brauen, das Mündchen spitzte sich zu, ihr Kinn verschwand wie unter einer langsam entstandenen Schneewehe. Die Gefahr ging von den Büchern aus: Zu viel Wissen, zu viel Drama, zu viel Prosa und vor allen Dingen viel zu wenig Schlaf. Wie ein heiliges Gelübde, ganz so, als hätte Gott es ihr befohlen, las sie täglich 11 Bücher und schlief mitunter nur ein, zwei Stunden. Am Rande des Wahnsinns, mit einem Hirn aus reinem Matsch und verhornten Pupillen fand man Gudrun schließlich eines Tages leblos unter einem gebrochenem Regal. Leise pfeifend ging ein flacher Atem aus dem winzigen Schlitz ihrer Lippen hervor. Mit allerlei Mühe wurde sie schließlich in ein städtisches Irrenhaus verfrachtet und verlebte dort die übrigen Reste ihres etwas zu kurz geratenen Lebens. Pausenlos erzählte sie in den weiss gekalkten Hallen ihre gespeicherten Absätze und Zusammenfassungen, ohne eine erkennbare, inhaltliche Linie und mit wälzender Fülle von Haupt- und Nebensätzen. Die übrigen Bewohner bekamen die Raserei, drehten und wendeten sich auf den gefliesten Böden wie Würste auf einem zu heißen Grill. Das Personal mied Gudrun, mied ihrem Stakkato, den Gewehrsalven von Wörtern und ließ sie pflegerisch im Stich. So lag Gudrun eines Tages ohne Herzschlag in einem schmuddligen Bett mit geplatztem Schädel. Aus dem gespaltenem Hinterkopf flossen sämige, aufgeweichte Buchstaben wie kalt gelierte Suppe.

Donnerstag, 14. August 2025

EIN GUTER FREUND.



Ein guter Freund

Im Ostpreußischen geboren ... an einem siebzehnten März 1926 ... was für eine helle Freude für jeden der sich etwas mit Literatur beschäftigt ... wurde mir Siegfried Lenz zu einem sehr guten ... möchte sagen ... vertrautem Freunde ... was mich in meiner allgemeinen Verfassung immer ein kleines Stück glücklicher gemacht hat.

Es sind kluge und sehr bedachte Bücher ... einig in ihrer niveauvollen reinlichen Sprache ... sehr fein formuliert und bisweilen von größter Zärtlichkeit ... auf Kitsch verzichtend und niemals belehrend ... eher erhellend. Die biblischen Elemente Glaube, Liebe und Hoffnung finden sich in allen Werken wohltuend wieder ... ohne die Religionen im allgemeinen zu bedienen ... überhaupt haben Manifeste so gar keine Chance.

Der Deutsche Taschenbuch Verlag veröffentlichte im März 1996 die ungekürzte Ausgabe „Über das Gedächtnis - Reden und Aufsätze“ und forderte damit meine eigene Vorstellungskraft heraus. Für das schmale Büchlein benötigte ich mit aller Mühe und notwendig erscheinender Zeit ganze zwei Monate ... Lesen ... Reflexion ... Neubeginn ... Wiederholen ... Notizen ... Nachschlagen ... Unterstreichen ... Pausen ... Überlegen ... Weglegen ... Nachdenken ... Überblättern ... kurze Quälereien ... Überforderung und Erkenntnisse die sich erst einmal setzen mussten wo oft keine Stühle bereit standen.

Lächerliche 212 Seiten in reichlich ausufernden zwei Monaten ... Reden und Aufsätze über das Gedächtnis ... von der Gegenwärtigkeit des Vergangenen ... über Dostojewski dem gläubigen Zweifler ... Erfahrungen beim Wiederlesen ... Etwas über Fantasie ... Heinrich Manns „Kleine Stadt“ ... Sehnsucht und Dauer (über Theodor Storm) ... Weltflucht mit Komfort (Hinweis auf Paul Kornfeld) ... Aufklärer in der Kleinstadt (über Wilhelm Raabe) ... Illusion und Opfer (über Jerzy Andrzejewski) ... Weder Schall noch Rauch (etwas über Namen) ... ein Buch über das man auch sagte, es sei reich an Kenntnis und würde unsere Sympathie gewinnen.

Das Beschwerliche als auch die Leichtigkeit beim Studieren des Büchleins hat mir eigene Grenzen wie auch Lösungen aufgezeigt. Es galt neue Anläufe zu nehmen oder mit dem Rückenwind der eigenen Erkenntnisse möglichst durchzustarten. Es gab schwer zu kauen oder eben leichtere Kost - Lenz kann darin sehr variabel mit dem jeweiligen Intellekt des Lesenden umgehen. Zu keiner Zeit schämte ich mich jedoch meiner eigenen Hürden. Jeder Geist wurde im Verlauf seines Lebens auf höchst individuelle Weise abgespeist. Der Sieg kommt niemals ohne eine Niederlage daher - auf welcher Seite auch immer mein Verständnis vor sich hin spazierte ... es gab stets Futter für die fragende Seele.