Sonntag, 28. Dezember 2025

2026 IN ALLER RUHE.



Natürlich hat der liebe gute Peter seine schneeweiße Davidoff-Gold bis zum äußersten Rand des Filteransatzes tief in sich hinein gesogen - und dann hat er auch wie immer seine fast geleerte Holsten-Edel-Bierdose kurz vor dem letzten Schlucken vorsichtig geschüttelt ... als sei da noch irgendwelches kostbares Fruchtfleisch drin, welches keinesfalls zurückbleiben dürfe. Peter hat eben seine unverrückbaren Angewohnheiten und knallharten Prinzipien. Er ist ein durchaus greifbarer Mensch.

Peter meint beispielsweise immer, das neue Jahr kann nur besser werden als das alte. Es würde sich einiges an positiven Überraschungen ergeben und auch vieles zum Guten verändern. Während er mir das eindringlich vermittelt, schaut er wie ein altes Staatsoberhaupt über das kirre Chaos seiner Bude und klopft sich dabei die nächste Kippe aus der goldenen Umverpackung mit dem ausdrücklich warnenden Foto. Seine Potenz ist ihm längst egal geworden.

Du sollst lesen! Dann ist endlich mal Ruhe - alter Satansbraten! Das Jahr 2026 lädt dich, lieber Peter, zu innerer Einkehr ein! Das bedeute ich ihm, das versuche ich erneut zu vermitteln. Peter tut sich sehr schwer mit der Leserei. Er blättert maximal in Zeitungen und schüttelt gern dabei seinen Kopf. Damit füttert er seine stetige Unruhe und der innere Frieden gerät zu oft ins Wanken. All die schlimmen Dinge ... Mord und Totschlag, Krieg und Korruption, ein ganz übler Haufen von Diktatoren, Milliardären und so weiter und so fort.

Lesen - das ist innere Windstille! Lesen ist auch im besten Falle eine großartige Verbrüderung zwischen einem ernsthaften Autoren und der eigenen Wenigkeit. Plötzlich sind da Linien von einem Hirn zum anderen ... die Vorstellungskräfte versammeln sich im Zirkuszelt der Fantasie. Lesen hält am Leben, es bindet und bündelt einen wahrhaften Frieden und erlaubt immer wieder auch unglaubliche Ausflüge auf den Schultern eines großen Vogels. Gleiten über Seiten ... Peter lacht: „Das reimt sich!“

Peter und der Doppelkorn - beschwingt hinein in das Unvermeidliche ... das neue Jahr ... 2026 nach Christi ... vernebelt ... unklare Gedanken ... unverbindliche Vorstellungen ... Schwüre ... Ideen ... Wie die liebe Zeit vergeht und wie die einst so kleinen Bäume plötzlich in den Himmel hineinwachsen! Es wird schon alles gut werden. Die Sterne stehen gut und Dederon-Rita gibt heute Abend allen einen aus - so verdammt jung kommen wir nicht noch einmal zusammen! 

Alles Gute der werten Leserschaft!

Dienstag, 23. Dezember 2025

ANGST.



Der Schwarze Mann

Mein Weg durch die ausufernde Weite der winterlichen Felder wurde stets begleitet von den Geschwistern Ruhe und Einsamkeit. Sie waren und sind mir die liebsten Gefährten zwischen den grob gezeichneten Furchen der Äcker, vorbei an den traurig hängenden Köpfen der altersmüden Brennnessel sowie den grob gebürsteten Büscheln des Grases. Doch heute erschrak ich mich fürchterlich ... keine dreihundert Meter hinter mir lief eine seltsame Gestalt ganz in tiefstem Schwarz gekleidet. Sie hielt stetig Schritt - verlangsamte und beschleunigte je nach Bedarf und der Abstand zwischen uns veränderte sich dadurch kaum merklich. Egal was ich tat, egal welchen Weg ich einschlug ... der dunkle Lodenmantel meines Verfolgers blieb mir hartnäckig auf den Fersen. Es konnte sich um keinen Zufall mehr handeln: beim Versuch die unerklärlichsten Trampelpfade entlang zu hasten, mich zu drehen und zu wenden - der Schwarze Mann tat es mir nach! Ein letzter Ausweg wäre die offene Konfrontation, das Entgegengehen - doch dies schien mir unmöglich. In mir kauerte eine naive furchtbare Angst. Sie steigerte sich zunehmend in eine Art Wahnwitz ... halb tippelnd, fast stolpernd verfiel ich ins Rennen und die verschwimmenden Ränder der krummen Wege flossen immer schneller an mir vorbei. Aufgrund einer leichten Krümmung verlor ich meine Furcht kurzzeitig aus den Augen - nur um an der nächsten längeren Geraden wieder festzustellen: Der Schwarze Mann lief weiterhin in meiner Spur! So stolperte, hinkte, wankte, sprang und schritt ich weiter und weiter ... vorbei an den gekürzten Weiden, den morschen Obstbäumen, einer verlassenen Koppel - und ließ mich urplötzlich in das tiefste undurchdringlichste Dickicht fallen. Blieb liegen, schloss ganz fest die Augen und ballte dabei eisern beide Fäuste. Mir war, als ginge der Schwarze Mann vorüber, als wäre er vorbei und verlöre sich hinter dem Nichts aus unendlicher Weite. Mit allem was mein Körper hergab, grub ich mich in das alte faulige Laub unter einem fast blickdichten Gebüsch. Der modrige Boden atmete, gleichmäßig wie feucht, tief ein und aus ...

Samstag, 20. Dezember 2025

GESEGNETE WEIHNACHTEN!

Weihnacht 2025




Werte Leserschaft,

Vielen lieben Dank das Sie sich eventuell die Zeit nehmen/Mühe geben, den möglichen Sinn der nachfolgenden Erläuterungen in irgendeiner Form verstehen zu können! 

Überlegung:

Könnten wir uns zunächst darin einig sein, dass niemand es je selbst in der eigenen Hand hatte, zu welcher Zeit, in welchem Land und mit welcher Hautfarbe er oder sie geboren wurde? Ganz zu schweigen von den familiären oder wirtschaftlichen Verhältnissen - es ließe sich noch einiges hinzufügen. All das beschließt wohl das eher als unseriös geltende Schicksal mit all seiner Barmherzigkeit/Gnadenlosigkeit oder irgendwas davon mittendrin. Wäre diese Feststellung ihrerseits, werte Leserschaft, in gewisser Weise unterschriftsreif?

Feststellung:

Hinter dieser Betrachtung steckt lediglich die Feststellung, wie klein und nichtig doch der Mensch ist! Meinungen, Urteile oder Texte, wie eben dieser, sind letztlich nicht mehr wert als der Staub auf unseren Regalen. Vorstellungen, Vorhaben und Wünsche wirken in einem globalen Zusammenhang respektlos ... die Unendlichkeit des Alls lässt schließlich alles verpuffen. Wir alle sind nicht mehr als heiße Luft - wenn überhaupt. Eines lieben Tages verrottet jedes noch so kleine wie große Arschloch hinterm Hügel der Namenlosen. 

Dennoch:

Weihnachten darf und soll uns erden - mit der frohen Botschaft kann unsere fast verloren gegangene Fantasie mit der Sehnsucht nach Spiritualität ein kleines Tänzchen wagen! Glaube, Liebe und Hoffnung ... meinetwegen. Es ist sicher etwas naiv - aber es macht Sinn, wenn die kleinen Schritte große Spuren hinterlassen sollen. Peter will das alles gut wird. Für alle. Überall. Zu jeder Zeit.

Gesegnete Weihnachten!

Donnerstag, 18. Dezember 2025

WENN.



Wenn ich mich nicht hätte ... den Juckreiz ... das Überdenken ... die monoton geführten Selbstgespräche ... vulgäre Zwiesprache ... das ewige Rechnen bis zu einem theoretischen Ende ... Stolpern, Stürzen, Liegen und Schlafen ... konkret nicht bis zu Ende gedachte Planspiele - um alle möglichen Ecken gedacht und letztlich alles als Müll verworfen ... ja, wenn ich mich selbst nicht hätte!

Peter rollte sich einen Hügel herunter und jubelte dabei wie ein kleiner Junge der aus dem Stubenarrest entlassen wurde. Rollte und rollte über Grasbüschel, Moose, Gestein und frisch aufgeworfene Hügel vom Maulwurf. Mutter nannte ihn einen Naturburschen. Mutter wusste immer Bescheid. Sie kannte jede Trauerfalte. Wie liebevoll sie ihm immer durchs Haupthaar ging und jeden wirren Gedanken ihres wunderlichen Sohnes bereits analysiert hatte. Peter genoss ihren Trost.

Wenn ich mich nicht hätte ... im Duett und Gleichschritt ... die selben Lieder singend ... immer ängstlich ... oft selbstmitleidig ... Regen und Nebel vergötternd ... Stille wie Ruhe als Minimum an Existenz einfordernd oder laut schreiend die Nacht zerfleischen ... ich zähle mich selber an ... ich rechne mir alles hoch an oder bin mein eigener Richter ... lauter so ein Unfug den niemand versteht.

Peter rollte immer weiter und schneller einer Senke entgegen. Er überschlug sich halsbrecherisch - hin und wieder knackte sein Gerüst aus Knochen. In einem alten gebrechlichem Hagebutten-Strauch blieb er schließlich stecken und lachte laut schallend über das Bild was er abgab. Mutter hätte das genossen. Ihr lag etwas an einer glücklichen Kindheit. Sie war so warm ums Herz und wusste doch nur einen dümmlichen Umgang mit der Liebe. Die Dreckskerle von Männern nutzen das allesamt aus. Ihre Tränen trockneten schließlich auf Peters Strickpullover.

Wenn ich mich nicht hätte ... könnte es einsam werden. Ich bin mir selbst am nächsten. Ich liebe mich mehr als mich selbst! Verstehen sie das? Nein? Mein eigener Irrsinn sitzt mit mir an einer leeren Bar und prostet ausdauernd in schlecht abgewischte Spiegel. Es funktioniert. Jeder meiner Gedanken bildet einen Knoten und schlingt sich um sich selbst. Alles hält und scheint fest gezogen. So könnte es gehen.

Peter scheint ohne seine Mutter auf verlorenem Posten. Er vermittelt mir diesen Eindruck.

Sonntag, 14. Dezember 2025

WEM DIE STUNDE SCHLÄGT.



Seit Stunden und Tagen regnet es unaufhaltsam, wie aus einem schweren Teppich hinein in die triefenden, schlammigen Herbstfelder. Eine Wand aus düsterem Grau deckt den Himmel in drei Lagen, alle Farben der Welt ineinander verkeilt, nichts sagend, ohne Lichtblick, überall bis an den äußersten Rand des Horizonts und wahrscheinlich auch weit darüber hinaus.

Vorsichtig hake ich meinen rechten Zeigefinger unter den silbernen Verschluss der Dose und ziehe ihn gleichmäßig zu mir heran. Neben dem niemals vermeidbaren Knacken zischt die bis dahin gezähmte Kohlensäure wie ein kleiner, tollwütiger Drache und signalisiert Spalt für Spalt die vollständige Inbetriebnahme des Systems. Genüsslich setze ich das weiche Metall an meine Unterlippe und kippe einen ordentlichen Schwall des gut gekühlten Bieres in mich hinein. Im Anschluss öffne ich das Fenster und blicke hinaus in dieses Nichts aus Nässe und finsteren Gebäuden. Nach einem weiteren, kräftigem Zug aus der Dose, breitet sich die Flüssigkeit endgültig in mir aus, dehnt und streckt sich, wühlt sich mit einer seltsamen Wärme in die Blutbahn und lässt den Abend entwickeln und gedeihen.

Vor mir liegen zwei kraftvolle Bücher, dicht gepackt mit einem Konzentrat an Schönheit und Ernsthaftigkeit. Voller Leben, voller Rohheit - angenehm dickflüssige Literatur aus der weiteren Vergangenheit. Wohlig wie eine fette Milch mit einem satten Löffel Honig, geschmeidig, durchdringend und nachhaltig. Es ist ein Zappen zwischen Wladimir Wladimirowitsch Majakowski und Ernest Hemingway - hin und her zwischen spanischem Bürgerkrieg und den Erinnerungen an einen streitbarem, sowjetischen Dichter, welcher seine Kindheit im Georgischen verbrachte. Beide Bücher lösen in mir ein Wohlbefinden aus - vor allem wegen der intensiven Qualität des Geschriebenen. Nahezu euphorisch-glücklich betrachte ich die Seiten und nicht selten beginne ich drei, vier davon wieder von neuem zu lesen.

"Ich hasse Aas und jederlei Kadaver! Ich bete an alles und jedes Leben!"
(Majakowski)

Wie der feine, dichte Nebel eines Wasserfalls geht der Regen weiter hernieder. Vorhang um Vorhang in zehntausendfacher Duplizität reiht sich der Auswurf des Himmels aneinander und belegt alles Horizontale mit kaum zu fassender Feuchtigkeit. Das Wasser fließt überall entlang ... abschüssig um so schneller und geschäftiger. Ehrgeizig und viel zu schnell schießen die Rinnsale zwischen den Durchschlüpfen hindurch, vereinen und verbrüdern sich, bilden riesige Lachen und gieren einem offenem Kellerverschlag entgegen. Es gibt kein Anfang und schon gar kein Ende, nicht heute, nicht mehr an diesem Abend und in dieser Nacht. Die dunklen Mischungen des Himmels vereinen sich mit dem Schwarz der kommenden Leere. Nichts deutet auf ein Ende dieses furchterregenden Niederschlages hin.

"Du verlangst von mir, dass ich die Dinge ernst nehme? Wo du dich gestern Abend so benommen hast? Wo du einen Menschen hättest töten sollen und nicht einen machen? Wo wir gerade den Himmel voller Flugzeuge gesehen haben, in einer Menge, die genügen müsste, um uns alle umzubringen, bis zurück zu unseren Großvätern und bis zu allen ungeborenen Enkeln, einschließlich der Katzen, Ziegen und Wanzen. Flugzeuge, die einen Lärm machen, dass die Milch in den Brüsten deiner Mutter gerinnt, wie sie den Himmel verdunkeln und wie die Löwen brüllen, und da verlangst du von mir, ich soll's ernst nehmen. Ich nehm`s schon viel zu ernst."
(Hemingway)

Ein weiteres Bier durchdringt die Tiefen meines müden Körpers. Schwach und glücklich im Lesen. Mein rechter Arm ist lahm und taub vom Stützen des schweren Kopfes ... Zeile für Zeile tappe und taumele ich durch die Wirren eines Krieges, in welcher die unzähmbare Liebe zwischen zwei jungen, traumatisierten Menschen tatsächlich einen Platz gefunden hat. Und Wladimir Wladimirowitsch Majakowski? Dieser Graphiker, Dramaturg und Dichter der riesenhaften Sowjetunion ... selbstbewusst und deshalb mitunter als arrogant verkannt, brutal, direkt und gleichzeitig sensibel, verletzlich. Ein Mann aus furchtbarster Armut - in ein Elend entlassen, dessen wir uns nur in unseren Alpträumen nähern.

"Mein Vers durchbricht der Jahre hochgetürmten Schutt
und kommt zu euch, gewichtig, handfest, greifbar,
wie Roms von Sklavenhand gefügtes Aquädukt
bis heute steht und Wasser leitet.
Und stosst im Hügelgrab der Bücher ihr im Sand
auch auf das Eisen jener Zeilen,
die ich schaffe,
dann nehmt es prüfend und voll Ehrfurcht in die Hand
wie eine alte, doch noch immer scharfe Waffe."
(152 Majakowski)

So schlittere ich mit all dem Bier, den Büchern mit ihren ungezählten Zeilen, einem tauben Arm, schwerem Kopf und unzähmbaren Regen in den Schlaf hinein. Beide Beine durchgestreckt, die Fußzehen spreizend, mit leichtem Hohlkreuz und die Decke bis ans Kinn. Das Fenster weit geöffnet, den leichten Windzug dankbar empfangend und mit jeglichen Gedanken weitab vom Schuss.
Sollte morgen die Sonne den Tag eröffnen, so lege ich die Bücher in ihr gnädiges Licht und wärme mich an den Seiten.

Mittwoch, 10. Dezember 2025

VERGANGENHEIT. ES LIEGT AN DER.



Na ja ... nun ist dieser heiße Sommer auch schon wieder vorbei. Es gab ja kaum Niederschläge. Eine regelrechte Dürre ist das gewesen ...

Der Herbert hat sich übrigens versucht umzubringen. Mit einem alten DDR-Luftgewehr in seinem schönen Bungalow. In der Gartensparte gibt es jetzt darüber viel Gerede. Jeder hat eine Idee zu einem möglichen Motiv.
Als man ihn zwar leicht verletzt aber schwer besoffen auffand, hatte er den matt-silbrigen Lauf, den Kolben, noch in der linken Hand. Der ganze Bungalow war voller Nacktfotos! Große, blonde Frauen mit riesigen Brüsten. Verblichene Poster aus einer Zeit, als noch viele Haare zwischen den Schenkeln wuchsen. Um die Tomaten hat er sich allerdings nicht ausreichend gekümmert, die Triebe waren schlecht geschnitten. Wenig erträglich. Wie sein Leben. Zweimal geschieden, die Kinder Birgit, Petra und Mario längst aus dem Haus und in alle Himmelsrichtungen verteilt. Klägliche Rente nach Jahrzehnten auf dem Bau. Angefangen zu Saufen.
Sonst gibt es kaum noch was Neues zu berichten. Der Sänger und Schauspieler Manfred Krug ist gestorben, Otto Möhwald aus Halle an der Saale ebenso. Otto war Künstler und regional bekannt. Ist außerdem der Opa von dem Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer gewesen. Das wissen viele gar nicht, obwohl es regelmäßig in der Zeitung gestanden hat. Und Manfred hat Schallplatten verkauft mit guter Musik. Als Darsteller im "Spur der Steine" fanden wir den gut, als Werbefritze für die Telekom-Aktie weniger.
Vorige Woche gab es an unserer Ortseinfahrt einen beachtlichen Unfall. Zwei Krankenwagen und zwei Streifenwagen waren schnell an Ort und Stelle. Mein Fahrrad habe ich vorbei geschoben - konnte allerdings nicht viel sehen. Ein Opel lag im Graben und ein Mercedes stand quer auf der nassen Straße. Es war ja auch sehr glatt ... viel Regen, viel Wind und alles voller Blätter und Zweige. Das geht dann schnell. Ein großer Stau entstand. Das wichtigste ist die Gesundheit.
Morgen muss ich was im Vorgarten machen. Meine Nachbarn haben außerdem ihre Mülltonnen vorsorglich an die Straße gestellt. Die Abfuhr kommt immer sehr früh. Schon sind wieder zwei Wochen vorüber, als wären es nur drei Tage gewesen. Bei uns gegenüber hält jetzt immer ein Pflegedienst mit so einem kleinen Auto. Immer Freitags steigt dort eine pummelige Frau aus. Strammer Po. Die gefällt mir und ich linse hin und wieder durch die Gardine. Irgendwie gemütlich, so ein molliger, warmer und weicher Körper. Die weiße, reine Stoffhose sitzt wie angegossen.

Na ja ... jedenfalls entdeckte ich heute die wirklich aller letzte Obstfliege. Aus einem blauen Himmel heraus fiel sie in den knisternden Schaum meines Nachmittag-Bieres. Lange habe ich sie beobachtet. Zuerst Schockstarre, danach verzweifeltes Strampeln. Einmal drückte ich sie ganz sachte mit meinem kleinen Finger gut und gern einen Zentimeter unter die Oberfläche. Etwa eine Sekunde lang. Danach hob ich sie mit dem gleichen Finger vorsichtig aus dem bauchigen Glas und legte das triefend nasse Geschöpf auf den gebeizten Holztisch. Die winzigen Flügel hingen matt zur Seite und erst nach einer längeren Wartezeit kroch sie Millimeter für Millimeter voran. Sie lebte und ich hatte sie gerettet. Die vermutlich aller letzte Obstfliege am 30. Oktobertag des Jahres. Sie wird dankbar sein, voller Glück. Dabei dache sie zunächst sie müsse sterben. Ewig lange unter dem Bier und doch von Menschenhand mit großer Gnade gesegnet. An einem ihrer letzten Tage, so kurz vorm Erfrieren inmitten eines frostigen Morgens. Das steht ihr nun noch bevor - die Dunkelheit, die Kälte und vor allem die Einsamkeit. Schließlich ist sie die letzte Obstfliege. Für einen Augenblick kam ihr der Tod durch Ersaufen, inmitten eines bitteren, sauren Sees, doch wesentlich unbeschwerter vor. Zumal im vollsten Rausch.
Selbst einer nahezu unscheinbaren Obstfliege kann ich es nicht recht machen. Das passt zu meinem Leben. Hätte es das früher schon gegeben ... ich hätte mich geritzt und die Termine beim Psychologen genossen. Sehr gute Zuhörer sind die.

Bei Karin gibt es Pferdeäpfel zum Düngen. Eine Schubkarre voll für 15 Euro. Außerdem Hausgeschlachtetes wie Rotwurst und grobe Leberwurst in großen Gläsern. Karin war auch mal eine Zeit lang mit dem anfangs erwähntem Herbert zusammen. Die beiden hat man oft des Nachts die ganze Dorfstraße hoch brüllen hören. Entweder beim Sex oder im Streit. Allerdings war das nicht auseinanderzuhalten. Irgendwann hatte Karin dann einen Farbigen aus Mosambik ... reichlich zwei Meter groß. Das Gerede im Ort! Viel mehr als bei Herberts Selbstmord-Versuch. Schließlich kommen seltener Farbige in unseren Ort, als dass sich wieder mal einer an seiner DDR-Wohnzimmer-Lampe aufhängt. Immer Männer übrigens. Sowohl die Toten als auch farbige Liebhaber.

Die Obstfliege ist dann doch noch an den Folgen ihres übermäßigen Bierkonsum verschieden. Still und heimlich an der abgerundeten Tischkante. Keinerlei Bewegung war mehr zu entdecken. Die große Leselupe brachte auch keine neuen Erkenntnisse über ihren Gesundheitszustand. Sie war schlicht gesagt tot. Ob ersoffen, erstickt oder an der Jahreszeit verreckt - das ist zu dieser Stunde ungeklärt. Was aber macht man mit solch einem bedauernswerten Individuum? Achtlos liegen lassen bis der nächste Tischlappen die Kanten säubert? Sich mit einem Zeremoniell lächerlich machen? Den Daumen drauf setzen und drehen, bis nichts mehr zu erkennen ist? Wie oft beschäftigen wir uns mit solchen Fragen?

Die großformatigen Drucke an Herberts Bungalow-Wänden haben mich damals immer etwas scharf gemacht. Im Bauch entstand ein seltsamer Kitzel, wenn ich vorsichtig und intensiv zugleich auf die viele Haut stierte. Für Herbert waren das immer Ikonen, ein unsichtbarer Besitzt des Unerreichbarem. Frauen so freizügig und scheinbar ungeniert, Frauen so voll von gesegneter Pracht und Fülle, keck, frech und kess in die Kamera blickend, als seien sie die Antwort auf alle Sehnsüchte und jeden ungeklärten Traum von Liebe und Lust. Herbert hatte davon reichlich gesammelt.
Etwas Blut war auf den Boden gelaufen. Es roch ekelhaft nach Schnaps. Am Gartenzaun standen die Dietrichs, das Ehepaar Sennelhäuser und die dünne Marekscha. Kopfschüttelnd und mit diesem Immer-schon-gewusst-Blick. Herbert stieg sogar selbst in den Krankenwagen und man hörte ihn auch von dort drinnen noch dumpfe Sauereien rufen.

Seit dieser Woche liegen bei uns in der Straße keine Werbungen mehr. Die Katze von Lena hinkt seit dem überraschenden Sprung vom Erker und aus dem Moped von Dirk tropft und sickert seit zwei Tagen unablässig das Öl in die Zwischenräume des Kopfsteinpflasters. Die Busse fahren derart überpünktlich, dass ihre Wirkung schlimmer ist wie eine einstündige Verspätung. Sie sind nämlich weg, bevor es die Gelegenheit zum Warten gibt. Jeder macht hier was er will. Diese Zeit muss ich in meinem reifen Alter nicht mehr verstehen. Etwas Arbeit, der Kleingarten, die neue Küche, zwei Biere und ein Schnitzel ist alles was ich brauche. Die wahrscheinlich aller letzte Obstfliege des Jahres ist ähnlich genügsam gewesen und hat sich dann doch in letzter Sekunde im Sturzflug einem Meer aus Bier entgegen geworfen. Vielleicht sollte ich auch mehr riskieren? Etwas verändern? Ein Gelage organisieren? Die Musik lauter drehen? Ein einziges Mal in meinem Leben den Puff aufsuchen? Eine Weihnachtsgans wagen? Vor der Rente kündigen? Die Rotzlöffel aus der Bushaltestelle verjagen? Ohne Fahrschein in die Bahn steigen? Jeden Abend einer Frau einen ausgeben? Endlich einmal wieder im Stehen pinkeln? Mir fällt nichts mehr ein. Wäre mein Leben ein Bild zum Ausmalen ... es gäbe keine Stifte mehr.

Die tote Obstfliege habe ich mit dem rechten Zeigefinger aufgenommen und dann mit dem Daumen von mir weg geschnipst. Sie schoss in hohem Bogen gut und gern drei Meter von mir weg. Ein aller letzter Flug durch die kühl gewordene Luft, die winzigen Flügel nochmals leicht zitternd im Wind, das Köpfchen voraus, die Beinchen hintendrein. Landung und endgültige Vollendung eines unnützen Tages.

Freitag, 5. Dezember 2025

INTERVIEW - VOM SPEERWERFER FABIAN



Der aktuelle Weltrekord im Speerwurf der Herren liegt bei 91,82 Metern und wird vom bulgarischen Ausnahme-Athleten Juri Boskop seit reichlich zwei Jahren gehalten. Eine sagenhafte Weite, bedenkt man dazu den Umstand, dass ein offizieller Wettkampf-Speer 2,20 Meter lang und ein knappes Kilo schwer ist. Doch es geht noch besser.
Durch den Tipp eines szenekundigen Sportfreundes erfuhr ich vom Hobby-Speerwerfer Fabian U. aus dem sächsischen Raum - ein Enfant-Terrible seiner Zunft und unbekannter Rekordhalter in dieser olympischen Parade-Disziplin. Die große Besonderheit dieses Könners liegt in der Einsamkeit seiner Trainingseinheiten, den immer wieder neuen Rekorden und seinem obersten Wunsch nach absoluter Anonymität. Über verschiedene Umwege und zwei diskret geführte Kontakte gelang es mir schließlich, ein knapp 15 minütiges Interview, in der Abgeschiedenheit eines halbdunklen Sportplatzes, führen zu können.

Fabian, ich falle gleich zu Beginn mit der Tür ins Haus: Eine reichliche Stunde beobachtete ich dich bei deinem stoischen Training und zählte dabei zehn gemessene Würfe ... Welche Werte hast du an diesem unwirtlichen Regentag erreicht?

Sie lagen alle im Bereich von 102 und 106 Metern. Es waren aber reine Trainingswürfe mit einem schwereren Speer. Wenn ich an meinem persönlichen Rekord arbeiten möchte, verwende ich den offiziellen, olympischen Speer.

Wie bitte? Das sind doch Werte weit über dem aktuell gemessenen Weltrekord! Und die hast du gerade mit einem noch schwereren Trainingsspeer erzielt? Wie geht das zu?

Das schafft man nur mit einer inneren Passion und wird letztlich von mir trainiert wie eine punktuelle Spezialisierung. So wie das Athleten von einem Zirkus tun würden. Man fängt sehr früh im Leben damit an und tut es Tag für Tag, Jahr für Jahr - mit Hingabe, großer Liebe, streng geführten Abläufen und größtmöglicher Härte. Disziplin nennt man das wohl auch. Mit reichlich zwei Jahren begann ich die ersten Gegenstände zu werfen - ich betone extra: zu werfen. Dann schritt ich die Entfernungen ab und wollte immer mehr und mehr. Als Sechsjähriger knackte ich dann die Rekorde an der Sportschule ... die der Vierzehnjährigen.

Das muss für viel Aufsehen gesorgt haben ...

Durchaus. Verschiedene Trainer des Landesverbandes standen auf der Matte und bearbeiteten mich täglich. Aber ich war stur wie ein Bock und wollte meine Leidenschaft ganz für mich allein. Öffentliche Anerkennung, Siege oder gar offiziell geführte Rekorde für die Ewigkeit waren für mich nicht erstrebenswert. Schäfer wollte ich immer werden und den Speerwurf als liebevoll gehegten Ausgleich zelebrieren. Darüber war vor allem mein Vater verzweifelt. Aber mittlerweile haben es alle aufgegeben mich umzustimmen, mich zu erpressen oder zu bestechen.

Wo liegt denn nun dein persönlicher Bestwert?

Vor einer Woche warf ich den Speer bei gerade noch zulässiger Windgeschwindigkeit. Ein sehr guter Ablauf an einem bedeckten und mildem Samstagmorgen ... aus den Bächen war gerade ein leichter Nebel verflogen. 112,96 Meter. Es wird jedoch immer schwerer und damit seltener, dass ich meine Rekorde knacke. Das wiederum reizt mich jetzt desto mehr.

Was unterscheidet dich denn generell von einem professionellem Champion?

Der übliche Werdegang! Die aktuellen Novizen wurden klassisch gesichtet, begutachtet, gefördert und gefordert. Leistungszentren, Trainerstäbe, Ernährungspläne ... bis hin zu systematischem, legalen und illegalem Doping. Dazu Vermarktung, öffentlichkeitswirksame Auftritte, Sportlerbälle, Autogramme und Interviews. Zwischen all diesen Notwendigkeiten verliert sich die optimale Leistungsfähigkeit. Mein Weg war von früh an ein anderer ...

Ich bin natürlich fasziniert ... und ungläubig zugleich. Wie soll das weitergehen, wo soll es schließlich enden? Welches Ziel steckt hinter all diesen versteckt gehaltenen Höchstleistungen?

Braucht es immer eitle Siege und verletzende Niederlagen? Für mich nicht. Eigentlich werfe ich nur unglaublich gern den Speer, eine sehr klassische Disziplin mit großer Geschichte. Und natürlich feile ich tagtäglich an meiner Technik und an dem perfekten Wurf. Die Messungen sind dabei lediglich Ergebnissicherung ... nicht mehr und nicht weniger. Niemanden teile ich die Werte mit.

Außer mir ...

Ja, damit bin ich aber nicht ganz glücklich. Ihr habt mich einfach zulange bearbeitet (runzelt die Stirn). Aber ich bitte ja auch um absolute Anonymität bei der Veröffentlichung ... Deckname Fabian wenn möglich.

Kein Problem. Wie reflektierst du das systematische und immer schwieriger nachweisbare Doping für dich?

Eine klaffende Wunde im Spitzensport. Die Athleten belügen sich selbst, all die harte Arbeit auf und neben dem Trainingsplatz! Furchtbar sinnlos. Stell Dir vor, ein talentierter, aufstrebender Radprofi mit einer perfekten Haltung, Muskulatur und sowie optimalen Umgebung ... dazu ein Rennrad im fünfstelligen Preisbereich, viel Leidenschaft sowieso ... und dann baut sich dieses Ausnahmetalent zusätzlich einen kleinen Hilfsmotor in sein Sportgerät! Welche Aussage haben denn dann alle seine Zeiten? Was bleibt von seiner eigentlichen Leistung übrig? Bei einem unzulässigen Rückenwind messe ich meine Speerwürfe doch auch nicht ... so in etwa empfinde ich Doping im Sport. Auch einer der Hauptgründe, warum ich nie in die Eliten aufsteigen mochte.

Nachvollziehbar. Wie geht es denn nun mit dir weiter?

In erster Linie bin ich Schafhirte oder Schäfer. Wie auch immer. Und der Speerwurf ist mein Hobby ... so wie sich andere mit ihrer Modell-Eisenbahn auf dem Dachboden verbarrikadieren, obwohl sie mit ihren logistischen Fähigkeiten einen Güterbahnhof dirigieren könnten. In meiner Leidenschaft bin ich nicht eitel und ohne jegliches Geltungsbedürfnis.

Dennoch bin ich mehr als froh, dieses einmalige Interview mit dir führen zu dürfen. Und irgendwie ist es auch schade, dass solche unglaublichen Leistungen keinerlei Aufsehen erregen werden. Wann wirst du einmal damit aufhören?

Eine Frage, die ich nach dem bisherigen Verlauf des Interviews nicht verstehen kann. Insofern meine Gesundheit es zulässt, werde ich den Speer so lange es irgend geht durch die Lüfte schleudern. Es wird immer meine große Liebe und Leidenschaft bleiben. Völlig unabhängig von den Ergebnissen. Und selbst wenn es die Messungen braucht: Was wäre denn so verkehrt daran, wenn ich mich als Siebzigjähriger einmal über einen weiten Wurf freue? Egal wie weit ich bis dahin hinter meinen eigenen, jüngeren Bestmarken bleibe.

Verstehe endgültig und wünsche Dir weiterhin größtmögliche Erfüllung mit deinem Sport. Meine Begeisterung wirst du mir sicher anmerken ...

Ja. Vielen Dank und alles Gute! 

Dienstag, 2. Dezember 2025

SALAMI



Salamischeibe, etwa zwei zarte Millimeter flach und nahezu perfekt rundlich mit einem Durchmesser von fünf Zentimetern. Der kleine Junge hasste sie und schob das Scheibchen sogleich vom halben Brötchen ... zunächst im freien Fall, flatschte sie schließlich fast lautlos auf den gebohnerten Boden von Abteil 8 in Wagen 5 des D-Zuges 1604 aus Jüterbog kommend.

Der Teufel hat schrecklichen Mundgeruch und liegt im Detail. In der Hitze des Tages gibt die Salami ihr Fett ab, wölbt sich mühsam und langt nach dem Staub der späten Stunde. Weiße Sneakers schieben das kleine Lebensmittel bis ganz nach hinten unter den befleckten Sitz. Die Wagenzüge leeren sich und eine viel zu kurze Nacht zwingt den Berg aus Eisen und Plastik zu einem flachen Schlaf.

Aus Schwein gemacht, zerkleinert von großer zäher Masse sowie verdünnt mit allerlei Ungesundem, fristet ein Bruchteil davon sein kümmerliches und von allen guten Geistern verlassenes Dasein. Nach Tagen in hinterster Ecke vergilbt die Zeit wie ein verworfenes Buch. Hin und wieder stochert ein nasser Schrubber vorbei, erwischt ein Ende und verschiebt leicht den angestammten Standort. So wie im wahren Leben verdorrt die Kraft und die Bewegungen werden langsamer.

Der D-Zug 1604 aus Jüterbog kommend, entglitt seinem Zugführer während einer rasanten Fahrt ... steiles Gefälle ... versagende Hydraulik ... so schoss der tonnenschwere Stahl über sein anvisiertes Ziel hinaus und zerbrach die Schwärze der Nacht mit seinem feurigen Schlag der Funken. Die Welt zerbarst um die Salamischeibe herum - in tausend Stücke wie feiner Bruch und mit zerstörerischer Wucht. Mutter Zufall und Vater Schicksal sorgten für ein furchtbares Chaos - ihre verdorbenen Kinder tanzten dazu einen bösartigen Reigen und kicherten dazu unablässig hämisch über die Vielzahl ihrer Opfer.

Salami ist so eine Sache.
Im Leben geht es immer um die Wurst.

Samstag, 29. November 2025

HOFFNUNG.



Aromen von Lila, Weiß, Blau und Schwarz

Klares Wasser, eine warme Bude, zwei Hände auf beiden Schultern, wohliges Völlegefühl, Sonnenlicht, Wirrwarr aus abwartenden Sternen, ein feiner Rausch, die Gleichgültigkeit des Wellenschlags - mit etwas Geduld ließe sich weiter verschriftlichen, was ein kleines Herz mit Vorfreude in Empfang nehmen möchte.

„Die Zeit ist um!“ dürfte ein nicht gern gehörter Satz gewesen sein. Ein adretter Turnlehrer mit silberner Stoppuhr hängt abends an der Bar und kippt sich einen kleinen See in den verkanteten Schädel. Immer die gleichen Abläufe auf der vereinsamten Straße und immer noch die Mahnungen von Mutter und Vater im Ohr.

Kondensmilch trifft frischt aufgebrühten Schwarztee und behutsam vertun sich die Elemente, verlieren sich Unterschiede, verblassen Kontraste. In der Badewanne liegend, immer wieder heißes Wasser nachgebend, vergehen mir die mühseligen Gedanken, gelingt die Träumerei - alte Haut wellt sich dennoch und vergeht um so schneller.

Es ist Dezember. Ein privilegierter Monat der sich viel zu wichtig nimmt. Dabei könnte alles so einfach sein - Vorfreude, Jesu Geburt und endlich wieder etwas Rückenwind für Glaube, Liebe und Hoffnung. Stattdessen zerschellt ein voreiliger Sportwagen an einem unschuldigem Bäumchen namens Linde. Blaulicht verzaubert die erschrockene Starre.

Eines lieben Tages wird auch der schönste Gag verpuffen. In Luft aufgelöste Fröhlichkeit, keine Gänsehaut - der denkende Kopf zerbricht an den immer gleichen Hürden. Das betreute Wohnen für elternlose Kinder ist wie fallender Schnee der sofort wieder taut. Kein Grund zur Freude und trotzdem Teil von etwas Ganzem.

Lila, Weiß, Blau und Schwarz passen ganz gut zusammen. Die Farben gefallen sich gegenseitig, es entstehen liebevolle Verwandtschaften. Eine blinde Frau hat erzählt, man könne Farben schmecken. Und so sei der Friede mit euch allen und der Glaube stärker als aller Hass und alle Gewalt. Dann gibt es Hoffnung.

Donnerstag, 27. November 2025

WAHNSINN II.



Der Wolf filetiert die Schlange, mit güldenem Besteck - und die groben Pfoten in weißen weichen Handschuhen. Der junge Igel besucht mit aufgerichteten Stacheln das Freudenhaus an der dröhnenden Bundesstraße. Eine Eule mit nur einem Flügel versucht sich an halsbrecherischen Stunts und ignoriert dabei die Ratschläge einer alten Wanderratte. Im städtischen Zoo streiten zwei ausgewachsene Elefanten über die Qualität honduranischer und kubanischer Zigarren. Auf den Malediven gibt es keine Tiere mehr - dafür fahren schon Kinder von sechs Jahren in übergroßen Autos der Marken Bentley und Rolls Royce. So langsam aber sicher gehe ich mit dem Gedanken schwanger, nicht mehr alle Nadeln an der Tanne zu haben - oder das Ziegel auf meinem Dach fehlen und die Latten am Zaun verlottern! Die vernarbte Weltkugel driftet so seltsam durch das dunkle All, gespenstische Stille möchte das Leuchten vereinzelter Lichter einfach so ersticken. Und so recken sich die Waffen in Richtung Horizont, unheilvolle Botschaften aus der Dürre menschlichen Denkens und geformt aus dem Lehm eines verkrusteten dunklen Loches - dem Anus - jeglicher Sinn  >> einer Stecknadel im Heuhaufen gleich >> verloren! Statt sich die Hände einander zu reichen, hackt der Mensch sie einfach ab und reibt mit blutenden Stümpfen bis zur Taubheit von Empfindungen. Da muss ich mich nun wirklich nicht mehr wundern, wenn hinter mir in der Warteschlange zwei Löwen in schwarzer Lackwäsche stehen und sich eine vegane Pizza teilen möchten.