Freitag, 5. Dezember 2025

INTERVIEW - VOM SPEERWERFER FABIAN



Der aktuelle Weltrekord im Speerwurf der Herren liegt bei 91,82 Metern und wird vom bulgarischen Ausnahme-Athleten Juri Boskop seit reichlich zwei Jahren gehalten. Eine sagenhafte Weite, bedenkt man dazu den Umstand, dass ein offizieller Wettkampf-Speer 2,20 Meter lang und ein knappes Kilo schwer ist. Doch es geht noch besser.
Durch den Tipp eines szenekundigen Sportfreundes erfuhr ich vom Hobby-Speerwerfer Fabian U. aus dem sächsischen Raum - ein Enfant-Terrible seiner Zunft und unbekannter Rekordhalter in dieser olympischen Parade-Disziplin. Die große Besonderheit dieses Könners liegt in der Einsamkeit seiner Trainingseinheiten, den immer wieder neuen Rekorden und seinem obersten Wunsch nach absoluter Anonymität. Über verschiedene Umwege und zwei diskret geführte Kontakte gelang es mir schließlich, ein knapp 15 minütiges Interview, in der Abgeschiedenheit eines halbdunklen Sportplatzes, führen zu können.

Fabian, ich falle gleich zu Beginn mit der Tür ins Haus: Eine reichliche Stunde beobachtete ich dich bei deinem stoischen Training und zählte dabei zehn gemessene Würfe ... Welche Werte hast du an diesem unwirtlichen Regentag erreicht?

Sie lagen alle im Bereich von 102 und 106 Metern. Es waren aber reine Trainingswürfe mit einem schwereren Speer. Wenn ich an meinem persönlichen Rekord arbeiten möchte, verwende ich den offiziellen, olympischen Speer.

Wie bitte? Das sind doch Werte weit über dem aktuell gemessenen Weltrekord! Und die hast du gerade mit einem noch schwereren Trainingsspeer erzielt? Wie geht das zu?

Das schafft man nur mit einer inneren Passion und wird letztlich von mir trainiert wie eine punktuelle Spezialisierung. So wie das Athleten von einem Zirkus tun würden. Man fängt sehr früh im Leben damit an und tut es Tag für Tag, Jahr für Jahr - mit Hingabe, großer Liebe, streng geführten Abläufen und größtmöglicher Härte. Disziplin nennt man das wohl auch. Mit reichlich zwei Jahren begann ich die ersten Gegenstände zu werfen - ich betone extra: zu werfen. Dann schritt ich die Entfernungen ab und wollte immer mehr und mehr. Als Sechsjähriger knackte ich dann die Rekorde an der Sportschule ... die der Vierzehnjährigen.

Das muss für viel Aufsehen gesorgt haben ...

Durchaus. Verschiedene Trainer des Landesverbandes standen auf der Matte und bearbeiteten mich täglich. Aber ich war stur wie ein Bock und wollte meine Leidenschaft ganz für mich allein. Öffentliche Anerkennung, Siege oder gar offiziell geführte Rekorde für die Ewigkeit waren für mich nicht erstrebenswert. Schäfer wollte ich immer werden und den Speerwurf als liebevoll gehegten Ausgleich zelebrieren. Darüber war vor allem mein Vater verzweifelt. Aber mittlerweile haben es alle aufgegeben mich umzustimmen, mich zu erpressen oder zu bestechen.

Wo liegt denn nun dein persönlicher Bestwert?

Vor einer Woche warf ich den Speer bei gerade noch zulässiger Windgeschwindigkeit. Ein sehr guter Ablauf an einem bedeckten und mildem Samstagmorgen ... aus den Bächen war gerade ein leichter Nebel verflogen. 112,96 Meter. Es wird jedoch immer schwerer und damit seltener, dass ich meine Rekorde knacke. Das wiederum reizt mich jetzt desto mehr.

Was unterscheidet dich denn generell von einem professionellem Champion?

Der übliche Werdegang! Die aktuellen Novizen wurden klassisch gesichtet, begutachtet, gefördert und gefordert. Leistungszentren, Trainerstäbe, Ernährungspläne ... bis hin zu systematischem, legalen und illegalem Doping. Dazu Vermarktung, öffentlichkeitswirksame Auftritte, Sportlerbälle, Autogramme und Interviews. Zwischen all diesen Notwendigkeiten verliert sich die optimale Leistungsfähigkeit. Mein Weg war von früh an ein anderer ...

Ich bin natürlich fasziniert ... und ungläubig zugleich. Wie soll das weitergehen, wo soll es schließlich enden? Welches Ziel steckt hinter all diesen versteckt gehaltenen Höchstleistungen?

Braucht es immer eitle Siege und verletzende Niederlagen? Für mich nicht. Eigentlich werfe ich nur unglaublich gern den Speer, eine sehr klassische Disziplin mit großer Geschichte. Und natürlich feile ich tagtäglich an meiner Technik und an dem perfekten Wurf. Die Messungen sind dabei lediglich Ergebnissicherung ... nicht mehr und nicht weniger. Niemanden teile ich die Werte mit.

Außer mir ...

Ja, damit bin ich aber nicht ganz glücklich. Ihr habt mich einfach zulange bearbeitet (runzelt die Stirn). Aber ich bitte ja auch um absolute Anonymität bei der Veröffentlichung ... Deckname Fabian wenn möglich.

Kein Problem. Wie reflektierst du das systematische und immer schwieriger nachweisbare Doping für dich?

Eine klaffende Wunde im Spitzensport. Die Athleten belügen sich selbst, all die harte Arbeit auf und neben dem Trainingsplatz! Furchtbar sinnlos. Stell Dir vor, ein talentierter, aufstrebender Radprofi mit einer perfekten Haltung, Muskulatur und sowie optimalen Umgebung ... dazu ein Rennrad im fünfstelligen Preisbereich, viel Leidenschaft sowieso ... und dann baut sich dieses Ausnahmetalent zusätzlich einen kleinen Hilfsmotor in sein Sportgerät! Welche Aussage haben denn dann alle seine Zeiten? Was bleibt von seiner eigentlichen Leistung übrig? Bei einem unzulässigen Rückenwind messe ich meine Speerwürfe doch auch nicht ... so in etwa empfinde ich Doping im Sport. Auch einer der Hauptgründe, warum ich nie in die Eliten aufsteigen mochte.

Nachvollziehbar. Wie geht es denn nun mit dir weiter?

In erster Linie bin ich Schafhirte oder Schäfer. Wie auch immer. Und der Speerwurf ist mein Hobby ... so wie sich andere mit ihrer Modell-Eisenbahn auf dem Dachboden verbarrikadieren, obwohl sie mit ihren logistischen Fähigkeiten einen Güterbahnhof dirigieren könnten. In meiner Leidenschaft bin ich nicht eitel und ohne jegliches Geltungsbedürfnis.

Dennoch bin ich mehr als froh, dieses einmalige Interview mit dir führen zu dürfen. Und irgendwie ist es auch schade, dass solche unglaublichen Leistungen keinerlei Aufsehen erregen werden. Wann wirst du einmal damit aufhören?

Eine Frage, die ich nach dem bisherigen Verlauf des Interviews nicht verstehen kann. Insofern meine Gesundheit es zulässt, werde ich den Speer so lange es irgend geht durch die Lüfte schleudern. Es wird immer meine große Liebe und Leidenschaft bleiben. Völlig unabhängig von den Ergebnissen. Und selbst wenn es die Messungen braucht: Was wäre denn so verkehrt daran, wenn ich mich als Siebzigjähriger einmal über einen weiten Wurf freue? Egal wie weit ich bis dahin hinter meinen eigenen, jüngeren Bestmarken bleibe.

Verstehe endgültig und wünsche Dir weiterhin größtmögliche Erfüllung mit deinem Sport. Meine Begeisterung wirst du mir sicher anmerken ...

Ja. Vielen Dank und alles Gute! 

Dienstag, 2. Dezember 2025

SALAMI



Salamischeibe, etwa zwei zarte Millimeter flach und nahezu perfekt rundlich mit einem Durchmesser von fünf Zentimetern. Der kleine Junge hasste sie und schob das Scheibchen sogleich vom halben Brötchen ... zunächst im freien Fall, flatschte sie schließlich fast lautlos auf den gebohnerten Boden von Abteil 8 in Wagen 5 des D-Zuges 1604 aus Jüterbog kommend.

Der Teufel hat schrecklichen Mundgeruch und liegt im Detail. In der Hitze des Tages gibt die Salami ihr Fett ab, wölbt sich mühsam und langt nach dem Staub der späten Stunde. Weiße Sneakers schieben das kleine Lebensmittel bis ganz nach hinten unter den befleckten Sitz. Die Wagenzüge leeren sich und eine viel zu kurze Nacht zwingt den Berg aus Eisen und Plastik zu einem flachen Schlaf.

Aus Schwein gemacht, zerkleinert von großer zäher Masse sowie verdünnt mit allerlei Ungesundem, fristet ein Bruchteil davon sein kümmerliches und von allen guten Geistern verlassenes Dasein. Nach Tagen in hinterster Ecke vergilbt die Zeit wie ein verworfenes Buch. Hin und wieder stochert ein nasser Schrubber vorbei, erwischt ein Ende und verschiebt leicht den angestammten Standort. So wie im wahren Leben verdorrt die Kraft und die Bewegungen werden langsamer.

Der D-Zug 1604 aus Jüterbog kommend, entglitt seinem Zugführer während einer rasanten Fahrt ... steiles Gefälle ... versagende Hydraulik ... so schoss der tonnenschwere Stahl über sein anvisiertes Ziel hinaus und zerbrach die Schwärze der Nacht mit seinem feurigen Schlag der Funken. Die Welt zerbarst um die Salamischeibe herum - in tausend Stücke wie feiner Bruch und mit zerstörerischer Wucht. Mutter Zufall und Vater Schicksal sorgten für ein furchtbares Chaos - ihre verdorbenen Kinder tanzten dazu einen bösartigen Reigen und kicherten dazu unablässig hämisch über die Vielzahl ihrer Opfer.

Salami ist so eine Sache.
Im Leben geht es immer um die Wurst.

Samstag, 29. November 2025

HOFFNUNG.



Aromen von Lila, Weiß, Blau und Schwarz

Klares Wasser, eine warme Bude, zwei Hände auf beiden Schultern, wohliges Völlegefühl, Sonnenlicht, Wirrwarr aus abwartenden Sternen, ein feiner Rausch, die Gleichgültigkeit des Wellenschlags - mit etwas Geduld ließe sich weiter verschriftlichen, was ein kleines Herz mit Vorfreude in Empfang nehmen möchte.

„Die Zeit ist um!“ dürfte ein nicht gern gehörter Satz gewesen sein. Ein adretter Turnlehrer mit silberner Stoppuhr hängt abends an der Bar und kippt sich einen kleinen See in den verkanteten Schädel. Immer die gleichen Abläufe auf der vereinsamten Straße und immer noch die Mahnungen von Mutter und Vater im Ohr.

Kondensmilch trifft frischt aufgebrühten Schwarztee und behutsam vertun sich die Elemente, verlieren sich Unterschiede, verblassen Kontraste. In der Badewanne liegend, immer wieder heißes Wasser nachgebend, vergehen mir die mühseligen Gedanken, gelingt die Träumerei - alte Haut wellt sich dennoch und vergeht um so schneller.

Es ist Dezember. Ein privilegierter Monat der sich viel zu wichtig nimmt. Dabei könnte alles so einfach sein - Vorfreude, Jesu Geburt und endlich wieder etwas Rückenwind für Glaube, Liebe und Hoffnung. Stattdessen zerschellt ein voreiliger Sportwagen an einem unschuldigem Bäumchen namens Linde. Blaulicht verzaubert die erschrockene Starre.

Eines lieben Tages wird auch der schönste Gag verpuffen. In Luft aufgelöste Fröhlichkeit, keine Gänsehaut - der denkende Kopf zerbricht an den immer gleichen Hürden. Das betreute Wohnen für elternlose Kinder ist wie fallender Schnee der sofort wieder taut. Kein Grund zur Freude und trotzdem Teil von etwas Ganzem.

Lila, Weiß, Blau und Schwarz passen ganz gut zusammen. Die Farben gefallen sich gegenseitig, es entstehen liebevolle Verwandtschaften. Eine blinde Frau hat erzählt, man könne Farben schmecken. Und so sei der Friede mit euch allen und der Glaube stärker als aller Hass und alle Gewalt. Dann gibt es Hoffnung.

Donnerstag, 27. November 2025

WAHNSINN II.



Der Wolf filetiert die Schlange, mit güldenem Besteck - und die groben Pfoten in weißen weichen Handschuhen. Der junge Igel besucht mit aufgerichteten Stacheln das Freudenhaus an der dröhnenden Bundesstraße. Eine Eule mit nur einem Flügel versucht sich an halsbrecherischen Stunts und ignoriert dabei die Ratschläge einer alten Wanderratte. Im städtischen Zoo streiten zwei ausgewachsene Elefanten über die Qualität honduranischer und kubanischer Zigarren. Auf den Malediven gibt es keine Tiere mehr - dafür fahren schon Kinder von sechs Jahren in übergroßen Autos der Marken Bentley und Rolls Royce. So langsam aber sicher gehe ich mit dem Gedanken schwanger, nicht mehr alle Nadeln an der Tanne zu haben - oder das Ziegel auf meinem Dach fehlen und die Latten am Zaun verlottern! Die vernarbte Weltkugel driftet so seltsam durch das dunkle All, gespenstische Stille möchte das Leuchten vereinzelter Lichter einfach so ersticken. Und so recken sich die Waffen in Richtung Horizont, unheilvolle Botschaften aus der Dürre menschlichen Denkens und geformt aus dem Lehm eines verkrusteten dunklen Loches - dem Anus - jeglicher Sinn  >> einer Stecknadel im Heuhaufen gleich >> verloren! Statt sich die Hände einander zu reichen, hackt der Mensch sie einfach ab und reibt mit blutenden Stümpfen bis zur Taubheit von Empfindungen. Da muss ich mich nun wirklich nicht mehr wundern, wenn hinter mir in der Warteschlange zwei Löwen in schwarzer Lackwäsche stehen und sich eine vegane Pizza teilen möchten.

Samstag, 22. November 2025

GOLD



Goldenes Gebiss, goldene Felgen, goldene Armbanduhr, goldene Ringe, goldenes Besteck, goldene Steaks, goldene Stimme, goldene Haare, goldene Gürtelschnalle, goldenes Telefon, goldener Schlagring, goldene Schallplatten, goldene Brille, goldener Staub auf vergoldeten Büchern, goldenes Schwert, Klinken aus Gold, goldener Apfel, goldenes Schweigen, goldener Sarg, goldene Kunst, goldene Rahmen, goldener Herbst, goldene Toilette, goldene Knarre, goldene Denkmäler, goldene Dachziegel, Teller und Tassen mit Goldrand, Gewänder aus Gold - schließlich und letzten Endes ein goldenes Gewissen. Mit sich selbst im Reinen zu sein, den unverblümten Blick in den Spiegel wagen, alle Schuld von sich weisen können ... Meine lieben Damen und Herrschaften, möge das viele Gold unsere Sinne bis zur Unkenntlichkeit vernebeln! In den Wüsten ruhen die Skelette der Suchenden.

Mittwoch, 19. November 2025

VON LIEBE LEBEN.



Die Weite des Himmels, gleichmäßig lasiert in frischem Blau, öffnet sich den schweren Gedanken und nimmt diese schließlich so sanft wie möglich in Empfang. Unübersichtlich breitet sich die ganze Größe über unseren Köpfen aus, verkleinert das Dasein und lässt alles einfach so liegen.

Liebe ist erst einmal relativ vorrätig da. Nicht so flächig und überdimensional wie unser Himmel zwar - aber doch immerhin auffindbar. Wenn sie gesucht werden sollte. Oder aber wenn man von ihr abgibt. Sie versteckt sich nicht. Die Liebe hat es dennoch nicht nötig, unter Wert zu verteilt zu werden.

Für Peter waren die berühmten fünf Buchstaben immer etwas Schwergewichtiges. Er sehnte sich zunehmend nach diesem Zustand, ohne ihn ganz konkret für sich beschreiben zu können. War das nun ein Schauer auf der Haut? Wummerndes Herzklopfen? Eine Art wohliger Sicherheit?

Wie klein der Mensch doch ist! Entfernen wir uns doch einmal selbst aus unserer sogenannten Mitte und überspringen jede Form logischen Denkens - was bliebe von uns, das wichtiger wäre als jede noch so kleine Pflanze oder der Floh unterm Fell? Ja natürlich, die Liebe! Sprechen wir es ruhig aus!

Peter ist der Krieg zuwider. Dieses Getue auf den Feldern und zwischen wankenden Häusern stellt für ihn die Primitivität des Menschen ins Zentrum ihrer Schöpfung. Und es ist so typisch, dem lieben Gott alles in die Schuhe zu schieben. Schuld wird immer auf ohnmächtige Wehrlosigkeit verteilt.

Die Stille ist ein hohes Gut. Denn nur in ihr heben sich die liebevollen Geräusche auf eine sehr wertvolle Weise hervor: der vorsichtige Kuss, eine wärmende Atmung, das Streicheln einer faltigen Hand, der Hauch des Gedankens - Detonationen benötigt nur der Unbill für seine schamlosen Ansprüche.

Peter schüttelt den Kopf, fast könnte man meinen, er habe wie immer etwas dagegen einzuwenden. Er mag nicht pathetisch werden, benutzt lieber die Handläufe der Realitäten. Diesmal meint er es aber ganz anders. Das bestätigt er mir glaubhaft. Über ihm zeigen sich die allerersten Schwalben des Jahres.

„Was soll nur aus uns werden?“ 

Freitag, 14. November 2025

PROCEDERE.



Die alte Rinde schält sich über Monate vom Kern des Baumes. Viele kleine und größere Einschläge am Stamm, künden von der Beharrlichkeit und nimmermüden Gier des Spechtes. Wenn sich ganz oben im toten Wipfel die starren leblosen Äste berühren, bewogen von einem aufdringlichem Wind, dann erinnern die entstehenden Geräusche an das gläserne Klirren von Väterchen Frost.

Meine beiden Hände packen den Spaten an seinem langen Hals. Viele Kubikmeter fruchtbarer Erde gilt es heute umzugraben. Eine fettleibige Wolke brüstet sich über mir mit ihren bedrohlichen Farben aus sehr dunklem, fast schön schwärzlichem Blau, möchte am liebsten und auf der Stelle auf mich herabfallen. Stürmisch verschieben sich jedoch die Fronten und ich muss nichts mehr befürchten.

Der protzige Sanddorn strahlt aus tausenden orangenen Früchten gegen alles was sich noch mit Grüntönen schmückt. Zutschend probiere ich die süßliche Säure, diesen leicht dumpfen eigenartigen Geschmack - das großartige Vitamin möchte bereits jetzt in meinem ausgebeutetem Körper für Ordnung sorgen und appelliert an die Vernunft. Lange Stacheln spießen erbarmungslos die Haut als sei ich Jesus Christus.

Der Schraubverschluss hat sich mit dem Vakuum verbrüdert. Das Wasser für die offene Kochstelle möchte sich also nicht mit dem edlen Kaffeepulver erhitzen lassen. Meine erdigen Hände zittern von der kräftigen Kühle des Morgens. Aus meinem schwer atmenden Mund haucht unaufhörlich sichtbarer Atem, verdünnisiert sich aber gleich bis zum nächsten Zug. Die leicht schwarzen, gut gemahlenen Bohnen aus Jamaica duften wunderbar in meine Nüstern hinein.

Vor mir liegt die Ebene aus all den Gräsern eines viel zu erhitzten Sommers. Durch den Schatten von Meister Ahorn und seinen gutmütigen Gehilfen, konnte so manches noch überleben. Ein kleines, längst verlassenes Nest hängt etwas windschief in kräftigen Halmen. Die liebliche, zuweilen sehr lautstarke ausdauernde Nachtigall dürfte hier einmal Platz genommen haben. Vorsichtig streichle ich ihr sorgsam errichtetes Gebäude.

Beim ständigen Bücken, Graben und Umwerfen des Humus kommen mir die zahlreichen Gänge von Feldmaus und Feldhamster entgegen. Das nehme ich ohne Skepsis wahr, kann mit all dem Getier koexistieren und mich glücklicherweise daran erfreuen. Der Rücken des alten Mannes protestiert bereits verhalten ... es tropfen glasige Perlen von der Stirn und fast erstarrten Fingern spüren kaum noch den Stich des Spatens.

Was kann mich noch alles berühren? Unter mir liegen keine Fallen. Jede einzelne Sekunde hier draußen kommt ohne Kleingedrucktes aus. Das Leben in der kleinen Natürlichkeit, eingebettet in einem Acker, Wald, Wiese und Sumpf, kommt mir mit weit geöffneten Armen freudig entgegen! Der alte Klappstuhl beherbergt meinen erschöpften Körper und lässt beide Beine weit gestreckt in den tauben Brennnesseln versinken. Zaghaft wärmt mir die aufkommende Sonne den Brustkorb.

Sonntag, 9. November 2025

FILETS.



Seit über 20 Jahren arbeitet Steffen in einer ausgezeichnet geführten Suppenküche. Seit über 20 Jahren hat Steffen dabei so eine Art „Ritual“ oder „Aberglaube“: Er rotzt tagtäglich einmal in jeden Topf.

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Christa ist süchtig nach salzigen Heringen. Das ist eine Art Süßigkeit aus Lakritz. Am Abend kommt sie auf zwei bis drei Tüten täglich und kämpft mit ihrem Blutdruck. Am nächsten Morgen schließt sie auf dem Klo für lange Zeit die Tür hinter sich.

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Jens klaut. Seine diebischen Hände packen sich übergroße Gegenstände. Das beginnt bei Stühlen im Café und endet mit Kränen auf Baustellen. Er stellt sich gut an- ist bestens organisiert und logistisch nahezu perfekt. Das Diebesgut landet auf dem riesigen Bauernhof seiner Cousine Stefanie.

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Anita leckt alles ab. Seit ihrer frühestens Kindheit streckt sie ihre Zunge weit heraus und streicht damit über jede interessante Oberfläche. Lieblinge sind Raufaser-Tapete, die Blätter von Sonnenblumen, Museumsböden, Sauerkirsch-Eis und strukturierte Umschläge von Schulbüchern.

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Rolf ist Berater. Freiberuflich und mit hohem Honorar. Neben Themen wie Ernährung und Bewegung, begleitet er auch Menschen mit Verstopfung auf die Toilette. Dort tritt er als eine Art Motivator, Coach und Hilfsteller auf. Nach jedem Erfolg gibt es frenetischen Jubel und ein gemeinsames Abklatschen.

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Ingrid strickt unendlich. Was ein langer Schal werden sollte ist nun ein schier unendliches Unikat aus mehreren tausend Metern Wolle. Breite 20 cm und Länge mittlerweile unbekannt. Das macht sie seit 38 Jahren. Jeden Tag ein gutes Stück mehr. Nicht alle Zimmer ihrer Wohnung sind noch betretbar.

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Dieter hat es auf hartnäckige Weise und ohne größere Verletzung geschafft, einen Tunnel von einem Ohrloch zum Nächsten zu schaffen. Die Sonne scheint also hindurch. Der Wind zieht ebenfalls von Öffnung zu Öffnung. Dieter hört aber seitdem nichts mehr.

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Kirsten hat sich einen unterirdischen Harem aufgebaut. Es sind über zwanzig sehr gut erzogene brave Männer. Einer schöner als der andere ... gut gebaut und aus aller Herren Länder. Sie tragen auch durchsichtige Tücher vor dem Gesicht. Das macht Kirsten an. Sie hat viel Geld und leistet sich eben ein klein wenig Luxus.

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Torsten hat leider eine furchtbare und sehr kostspielige Angewohnheit. Er kann seine Wohnung nur dann betreten, wenn ihm der per Telefon gerufene Schlüsseldienst die Tür öffnet. Es ist aufwendig. Manche sprechen von Zwang und Freunde wollten die Situation bereits nachstellen um ihm zu helfen. Das spürt der Torsten aber.

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Niemand hat jemals gemerkt, dass unser Pfarrer Herr Schuster eigentlich gar nicht an Gott glaubt. Er ist ein derart begnadeter Schauspieler, dass ihm diese Rolle bisher jeder abnahm. Der Zweck heiligt die Mittel. Nur Gott selbst knaupelt sich vor Wut die Daumenhaut blutig.

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Ende.

Donnerstag, 6. November 2025

DER TAG WIRD KOMMEN.



Hastige Schritte im Flur des sterilen Hotels. Eine schwere Zimmertür schlägt zu. Der Teppich schluckt was er kann. Als wäre er ein Sinnbild für das Leben. Die Nacht verlief in völligem Dunkel. Finsternis strömte zum geöffneten Fenster herein und würgte meinen gesamten Körper. Das Kopfkissen so groß und hart wie ein Findling ... angewinkeltes Gebein, unkontrolliert gelagerte Arme in jede Richtung - so lag ich wie abgeworfen oder hin gezerrt. Was sollten da schon Träume noch ausrichten können? So flogen also Elfen auf mich herab und leckten an meiner polierten Glatze herum. Mein ständiges Drehen und Wenden, das Aufstöhnen und Ächzen, Gezappel wie Starre setzten mir mit Unendlichkeit zu. Hinter dem meterlangen und betonschwerem Vorhang stand jemand und beobachtete mich unbeweglich. Das wusste ich. Es war ja immer da. Im Nebenzimmer entlud sich eine Seele von Mensch. Deutlich hörte ich seinen Kampf: Pressen und Erleichterung. Die Spülung polterte zweimal. Mir war das zu viel Nähe. Nichts unterschied sich voneinander, immer das Gleiche: Lust, Reibung, Geburt, Fraß, Gedärm, Arbeit und Schlaf. Dazwischen drängen und stapeln sich Hoffnungen, Sehnsüchte und Zweifel. Mit Beginn des Sonnenaufgangs plärrt uns irgendeine Wahrheit an - das Schöne schmeichelt, die Fratzen zeigen sich überdeutlich und der Rest ersäuft im Grau. In dieser, meiner Nacht in diesem aalglatten Hotel möchte mich nichts mehr berühren. Mechanisch betrat ich einen Flur aus völliger Leere. Ja - ich war nackt und vollkommen ausgeliefert ... so begab ich mich ins Treppenhaus eines zwanzig Stockwerke riesigen Klotzes und rannte die Stufen auf und ab. Ganz für mich allein und ohne Unterlass. Danach ging es mir besser und ich brauste meinen Körper mit glühend heißem Wasser bis die Haut zu schrumpeln begann. Der Tag war da.

Montag, 3. November 2025

DER FEHLER.



Die vielen Fehler in einem einzigen Leben. Wie dunkle Perlen auf seidener Schnur schmiegen sie sich aneinander und klagen leise ihr bedauernswertes Lied. Peter wusste wovon er sprach. Er war so gesehen ein Perlentaucher und fischte sich ein Dilemma nach dem anderen. Manchen Menschen fällt das in den Schoß, als sei es eine von Gott verdammte Gabe. Für ihn änderte sich nichts. Die Konsequenzen waren ertragbar, die Strafen klar greifbar und alles miteinander auf furchtsame Weise gerecht. Die Männer in den schwarzen Roben, die Frauen mit dem erhobenen Zeigefinger: Sie alle kamen um ihn zu fangen und für einzelne Teile seines Lebens nicht mehr frei zu lassen.

Eine Zigarette nach der anderen inhalierte er zügig und intensiv in die verkleisterten Lungenflügel hinein und blies den übrigen Rauch mit weltmännischem Blick in die öde Botanik hinaus. Die verschwitzte Kappe lag lose auf dem faltigem Schädel, das Hemd nur zur Hälfte geknöpft, quoll krauses graues Haar von der stattlichen Brust. Die Welt hatte ihre gewohnte Ordnung und einige Tage würde das wohl auch noch so gut gehen. Das war schon immer seine Maxime ... die unbedarft lockere Einstellung zu den Hürden und Höhen des Lebens. Mit dem Zeigefinger schnippte er den aufgerauchten Stummel in Richtung Gas-Therme, eine gute Investition aus dem letzten Winter. Ein kleines Leck erwartete die funkelnde Glut.

Nein - ich kann mich nicht freuen. Es darf kein Mut aufkommen und schon gar keine Zuversicht. Sie verbat sich derartige Gefühle rigoros und schlug sich dabei gedanklich auf die blassen Finger. Seit ihr Mann vor knapp fünf Jahren gestorben war, gönnte sie sich kein Glück und erst recht keine Leichtigkeit. Das Leben erhielt damals einen bitteren Beigeschmack und kniete sich auf schmerzende Beine. Das Leben ergab nur noch dann einen Sinn, wenn sie den Tod mit Buße aufwog. Alles was recht war: aus dieser gräulichen Verbitterung heraus zog sie alles ins Misstrauen und gebot ihrer Umgebung demütige Furcht. Keine noch so schöne Blume konnte Freude spenden, kein aufmunterndes Wort zu Trost verhelfen - die Menschen drehten sich schließlich weg und überließen sie eines lebendigen Todes.